No Time for Art 0 & 1 – Laila Solimans Dokutheater über die ägyptische Revolution

Es gibt Wichtigeres als Ästhetik

von Georg Kasch

28. April 2012. Wo die Bilder so eklatant lügen, braucht es tatsächlich noch Mutige, die Wahrheiten aussprechen: Wenn die TV-Nachrichten Lobeshymnen dankbarer Bürger auf die ägyptische Polizei zeigen und  später zusammengepferchte junge Männer als verabscheuungswürdige Aggressoren verurteilen, ahnt man, dass das nur die offizielle Version ist. Der Schauspielstudent Aly Sobhy war einer dieser Festgenommenen. Seine Erinnerungen an Haft und Folter während der ägyptischen Revolution hat Leila Soliman zur Grundlage eines Abends gemacht, der nicht vergessen will.

notimeforart-250Eine eigene Kunstform © notimeforart.com

Zusammen mit zwei weiteren Augenzeugenberichten verwebt sie die drei Erzählstränge dicht. Der Titel "No Time for Art 0 & 1" ist durchaus programmatisch zu verstehen: Gerade gibt's wirklich Wichtigeres als Ästhetik. Zugleich verbirgt sich hinter der scheinbar kunstlosen Dokutheater-Bescheidenheit eine eigene Kunstform: Also sitzen die drei Schauspieler und der Oud-Spieler auf Stühlen nebeneinander und knipsen das Kopfkino an voller kafkaesker Szenen, Schläge, Tritte, Schüsse.

Zuschauertribunal

Wie wichtig es ist, an den Terror zu erinnern in einer Zeit, da zwar der alte Präsident gestürzt, aber sonst nicht viel gewonnen ist, zeigt eine Szene am Rand: Gegen Ende wird jeder im Publikum dazu aufgefordert, einen Zettel vorzulesen, um auf Englisch ein Gerichtsverfahren zu fordern für einen jener Menschen, die während der Revolution ums Leben kamen. Name, Alter, oft auch Beruf und Todesart sind genannt. Während so aus Zuschauern Beteiligte wurden und sich – trotz Unruhe und Ausspracheproblemen – eine Viertelstunde lang eine Art religiöse Gemeinschaft formte, weigerte sich der anwesende stellvertretende ägyptische Generalkonsul, sich diesem Menschenrechtsritus zu unterziehen. Er warf die Zettel auf den Boden.

 

No Time for Art 0 & 1
Basiert auf Augenzeugenberichten von Aly Sobhy, S. A.H. und Mustafa Said
Konzept und Regie: Laila Soliman, Produktion, Licht & Video: Ruud Gielens, Übersetzung: Ebtihal Shedid und Andreas Bünger.
Mit: Mustafa Said, Mina El Naggar, Zainab Magdy und Sherin Hegazy.
notimeforart.com

 

Zum Essay über die ägyptische Theaterlandschaft

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