Theater nach dem ägyptischen Frühling – Podiumsdiskussion mit Laila Soliman, Anne Habermehl und Claudia Maderna-Sieben

"Was ist schon ein Freiraum von 100 Leuten?"

von Simone Kaempf

29. April 2012. Bevor die Rede auf das ägyptische Theater kommt, spricht erst einmal eine andere Sprache: die der Musik. Auf der Oud-Laute spielt der blinde Musiker Mustafa Said, der bei dem Gastspiel von No Time for Art 0 & 1 auf der Bühne mitwirkt, ein Lied, das mit arabischer Klangführung in halben Tonleitern improvisiert. Man merkt sofort, dass er ein guter Musiker ist, fremd und doch vertraut ist der Klang. Er bringt einen zum Zuhören. Und das ist ein passender Auftakt. Denn Zuhören, das ist ein Leitmotiv dieser Diskussion, in der es als eigenem Programmpunkt, unabhängig von den Publikumsgesprächen nach jeder Vorstellung, um die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz geht, um das, was sich real verändert hat und wie das Theater damit umgeht.

Die Theatermacherin Laila Soliman holt erst einmal weit aus auf die Bitte, die Theaterszene zu skizzieren, erklärt den Unterschied zwischen den sogenannten Regierungstheatern, den kommerziellen Theatern und der freien Szene, die seit etwa fünfzehn Jahren beständig gewachsen und immer aktiver geworden sei (siehe auch den Essay zur ägyptischen Theaterlandschaft). Ohne diese Entwicklung der jungen freien Kunstszene, ist Soliman sicher, wären die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz nicht denkbar gewesen. Die Revolution sei nicht über Nacht gekommen. Jetzt allerdings stehen alle Zeichen auf Stillstand, provoziert von einer Übergangsregierung, die nicht zu einem Übergang führt, weil alle auf einen neuen Präsidenten warten, der dann entscheiden soll, welche Wege das Land einschlägt.

Die Zensur schweigt

Dass die weiteren Veränderungen einfach mehr Zeit brauchen, bestätigt neben Soliman auch die Ägyptologin Claudia Maderna-Sieben, die viele Jahre in ägyptischen Dörfern Ausgrabungen begleitet hat und als Kennerin des Landes auch um die archaischen ländlichen Strukturen weiß. "Die Veränderungen müssen von innen heraus kommen", sagt sie. Das Wort Veränderung fällt mehrmals in der Gesprächsrunde. Es geht um die Frage, wie es weitergeht, fasst die Moderatorin Ebtihal Shedid (Mitübersetzerin der drei ägyptischen Stücke) zusammen, die klare Antworten allerdings nicht einfordert. Vielleicht, weil unausgesprochen in der Luft liegt, dass die Situation nicht unbedingt zu Optimismus Anlass gibt.

Nicht mal die Nachricht, dass zur Zeit niemand seine Texte von der Zensurbehörde genehmigen lassen muss, lässt sich als gute Nachricht deuten. "Im Moment wissen die Zensurbüros nicht genau, nach welchen Regeln sie zu urteilen haben", erzählt Soliman, also werden die Büros umgangen, niemand legt seine Texte und Inszenierungspläne vor. Dass darin auch neuer Freiraum stecken könnte, lässt die Regisseurin nicht gelten und stellt die Gegenfrage: "Was ist ein Freiraum von 100 Leuten im Theater, wenn es draußen keinen Freiraum gibt?"

Es geht nicht um westliche Werte

Dass unser europäische Blick auf die ägyptische Revolution auch ein durch die Medienwahrnehmung romantisierter sei und einem die Realität vor Ort erst einmal sehr fremd vorkomme, berichtet die deutsche Autorin Anne Habermehl, die im vergangenen Sommer fünf Tage in Alexandria war, als dort ihr Stück Letztes Territorium aufgeführt wurde. "Das Bild stimmt einfach nicht, dass dort junge Leute für westliche Werte auf die Straße gegangen sind, um die geht es nicht", berichtet sie, hat aber auch das derzeitige Vakuum erlebt: "Alle sitzen dort und warten, dass etwas passiert".

Dass diese ungewisse Situation schwierig auszuhalten ist, dass es vor guten Ratschlägen nur so wimmelt, repräsentierte das Heidelberger Publikum auf seine Weise. Irgendwann verließ es seine Zuhörerposition. Ein Zuschauer mit Verwandtschaft in Kairo forderte, über die europäischen Waffenlieferungen in den Nahen Osten zu reden, und schlug vor, dass die Ägypter sich übers Internet weiter solidarisieren und zusammenschließen müssten. Die bohrende Frage kam auf, was es eigentlich bedeutet, dass wir uns so sehr für die Revolution in Ägypten interessieren. Anne Habermehl konnte hier auffangen und antworten, dass ein deutsches Stück über die ägyptische Revolution, würde sie eines schreiben, immer "unsere Position behandelt und in Frage stellt".

Was vermag die Kunst?

Die Diskussion über die Wirkung von Theater fiel dennoch verhalten aus, mag man sich auch immer wünschen, dass die Kunst die Welt verändert. "Kunst kann diese Wirkung haben", fasste Moderatorin Ebtihal Shedid zusammen. Laila Soliman, diejenige auf dem Podium, die den Ereignissen auf dem Tahrir-Platz am nächsten war, vermag auch hier nicht euphorisch zu sein. "Ich kann über die Wirkung des Theaters keine zufriedenstellende Antwort geben. Jeder muss machen, was er für ehrlich hält. Ich selbst habe eine gespaltene Meinung über die Rolle." Was der nachhaltigen Wirkung ihrer eigenen Inszenierung No Time for Art keinen Abbruch tut, die mit Abstand das beeindruckendste Gastspiel im Rahmen des Ägypten-Schwerpunkts blieb. Die Diskussion gab aber auch nochmal ein realistisches Bild: das Theater kann in politische Entscheidungsprozesse zwar nicht eingreifen, aber die Ereignisse nachträglich reflektieren und neu einordnen.

 

 

Theater nach dem ägyptischen Frühling
Diskussion
Mit: Dr. Claudia Maderna-Sieben, Anne Habermehl, Laila Soliman. Moderation: Ebtihal Shedid. Musik: Mustafa Said (Oud).
www.theaterheidelberg.de

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