sieben bahnfahrtnotizen aus der unruhezone neuer dramatik

täglich ein stück weiter

von Frank Kroll

vermutlich wurden noch nie so viele und gleichzeitig so unterschiedlich angelegte texte fürs theater geschrieben wie heute. drama, literarisches schauspiel, performancetext, undialogische textfläche, dialogisches zeitstück und didaktisches problemstück, literarisches postdrama, dokudrama, dokufiktionales stück, dramatisches poem u.v.a.m. - die ansätze divergieren extrem, die genres durchdringen einander, jede form, jeder inhalt ist möglich, legitim, auszuhalten. nie war das angebot an literarischen vorlagen für die bühne lebendiger, reicher und unüberschaubarer. und noch immer findet die überwiegende zahl dieser texte auf der bühne nicht oder allzu flüchtig statt. die spielpläne spiegeln die vielfalt des geschriebenen nur ausschnittweise wieder. woran liegt das?

regietheater beansprucht autorenschaft. damit nicht genug: regietheater arbeitet seine positionen überwiegend in der auseinandersetzung mit kanonisierten vorlagen heraus. das ist autorenseitig als herausforderung anzunehmen. starke stücke erweisen sich als widerständig gegenüber starken (wie schwachen) regieverwendungen. sie verlangen und eröffnen szenische phantasien, sie bieten durch ihre struktur, sprache, weltsetzung unausweichlich einen szenisch-poetischen rahmen für spielerische umsetzungen, ohne dabei ihr rätsel zu verlieren.

zeitgenössische dramatik steht zuerst in konkurrenz zu shakespeare, goethe, schiller, büchner, ibsen, tschechow, brecht, müller usw. und nicht zu anderen werken zeitgenössischer dramatik. bestimmte fördermechanismen verdecken diesen umstand. die eigentliche konkurrenz wird von autorinnen und autoren zu selten empfunden, realisiert, gesucht. und in diese eigentliche konkurrenz werden neue texte von theaterleitungen zu selten gestellt. wo dies ernsthaft, d.h. prominent besetzt und mit zeit und raum zur entfaltung versehen, geschieht, kann sich konkurrenzfähigkeit erst herausstellen.

die aktuelle regietheaterdominanz des systems ist per se kein autorenproblem. sie ist ein regietheaterproblem. spätestens nach der erfolgten durchkommerzialisierung des deutschen theatersystems, die derzeit wieder verstärkt in der diskussion ist, wird sich der gesamte apparat umorientieren. das ist nicht nur dem regietheater nicht zu wünschen. in der aneignung des zeitgenössischen theaterschreibens durch die regie besteht eine chance zur entwicklung einer regiearbeitshaltung, die ihre künstlerische autonomie nicht absolut setzt und den sozialen kunstprozess, der theater ausmacht, stärker realisiert. neue texte verlangen eine starke regie und ein starkes ensemble, um sich jenseits eingeübter routinen gemeinsam auf die reise zu machen.

ich weiß ja, dass ich im theater sitze, wenn ich im theater sitze. eine regie, die mir als zuschauer das hergestelltsein einer theatralen situation ständig unter die nase reibt, unterfordert meine möglichkeiten als zuschauer. wir sind nicht gefährdet – anders als vermutlich noch zeitgenossen der ersten jahrzehnte des letzten jahrhunderts – einfühlender verblödung zu verfallen. starke zeitgenössische theatertexte tragen ein bewusstsein über die differenzierten möglichkeiten moderner spielweisen in sich. meine beobachtung ist, dass sich heutige regie viel zu oft von einer beschäftigung mit aktueller theaterliteratur selbst abschneidet, weil noch immer pathos, kitsch, naturalismusfallen, falsche einfühlung usw. befürchtet werden. man muss nicht die abschaffung des regietheaters verlangen, wenn man eine stärkere auseinandersetzung der regie mit den vielschichtigen inhaltlichen und formalen setzungen dramatischer vorlagen fordert.

nicht jeder geistesblitz rechtfertigt ein theaterstück (ein regiekonzept, einen tanzabend, einen film, ein gemälde, eine theaterverlegerpolemik usw.). ich habe als normaler leser/zuschauer wie auch als theaterverlagsmensch eine große sehnsucht nach z.b. allmählich aufziehenden sommergewittern und lang anhaltenden, umwerfenden herbststürmen. es gibt zuviele abende, deren konzepte aus wenigen, schnell verstandenen einfällen bestehen. es gibt zuviele schlaue, durchsichtige, flüchtige einthesenabende. und das liegt mal am stück, mal an der inszenierung, manchmal fällt beides zusammen. theater kann mehr.

im theater ist alles möglich. es wird zu wenig wirklich. in die jahr für jahr ähnliche gewichtung von klassik, klassischer moderne, projekttheater und neuer dramatik in den spielplänen – mit den bekannten über- und untergewichten – ist in den letzten jahren ein wenig unruhe gekommen. immerhin und endlich. die debatte über eine weiterentwicklung des kanons findet regelmäßig statt: in den theaterleitungen, in privaten gesprächen nach inszenierungsbesuchen, in nachtkritikforen, in den theaterverlagen. es geht dabei nicht um eine rückbesinnung auf vermeintlich bessere autorenzeiten. die hat es nie gegeben. das ziel könnte die belebung des repertoires um moderne theaterschreibweisen sein. nicht zuletzt, um der herausforderung eines theaters als laboratorium sozialer phantasien ein gutes stück näher zu rücken.

 

Frank Kroll leitet seit September 2011 den Suhrkamp Theaterverlag. Zuvor war er 20 Jahre lang beim henschel Schauspiel Theaterverlag tätig, zuletzt als Geschäftsführer.

 

Am 1. Mai um 16 Uhr findet in der Traumfabrik (Hauptstraße 42) eine Diskussion statt mit dem Thema "Quo vadis, Dramatik?"

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  • Frau Lehmann  - Regietheater- und Autorenproblem
    Aber Jürgen Goschs Art des Herstellens theatraler Situationen traf auch immer einen tiefer liegenden, existenzielleren Nerv. Nach seinem Tod sah man viele schlechte Nachahmungen. Die Phase ist auch schon wieder vorbei. Wovon spricht Frank Kroll eigentlich? Eher von jungen Regisseuren, die in den vergangenen jahren oft diejenigen waren, die deutschsprachige Texte uraufgeführt haben. Nicht immer waren das fruchtbare Konstellationen: wenn sich ein Text bei der UA beweisen musste, der Regisseur gleichzeitig auch seine Handschrift abgeben wollte bzw. musste. Für mein Gefühl ist da gerade etwas Druck raus, auch weil, die Stücke zur Zeit wieder besser werden.
  • Goschianer  - sehe ich anders
    "eine regie, die mir als zuschauer das hergestelltsein einer theatralen situation ständig unter die nase reibt, unterfordert meine möglichkeiten als zuschauer."

    Das stimmt doch so nicht. Jemand wie Jürgen Gosch hat einem doch das Hergestelltsein einer theatralen Situation immer sehr poetisch unter die Nase gerieben, da entstand doch ein Mehrwert. Ich glaube nicht, dass das Publikum da unterfordert werden muss. Es kommt halt drauf an, wie man's macht.