Tschick – Jan Gehler versetzt Wolfgang Herrndorfs Roman in Fantasiewelten, ohne den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren

Verzaubert im deutschen Wald

von Esther Slevogt

3. Mai 2012. Jetzt sind sie also in Heidelberg angekommen, die beiden Vierzehnjährigen Maik und Tschick, die mit einem geklauten schrottreifen Lada aus Berlin weg in ein gefühltes Utopia aufgebrochen sind, Walachei oder vielleicht auch einfach nur Freiheit genannt. Denen unterwegs ein paar seltsam traumverlorene Figuren begegnen, die doch mitten aus dem Leben gegriffen sind. Isa, zum Beispiel, die auf einer Müllhalde lebt, oder Horst, ein alter Wehrmachtsveteran, der im Wald wohnt und noch immer auf „den Iwan“ schießt. Lehrer, Eltern oder andere von der Gesellschaft verformte Erwachsene, die im unschuldigen Blick, den die beiden Ausreißer (und ihr Erfinder Wolfgang Herrndorf) auf sie richten, in kleinen Episoden kurz zu blühen beginnen. tschick3 matthiashorn"Tschick" © Matthias Horn

Die Bühne von Sabrina Rox ist eine Art schiefergraue Halfpipe, eine wunderbar sinnfällige Spielfläche für die sozialen und emotionalen Achterbahnfahrten der Geschichte. Wie im Kasperletheater tauchen dahinter immer wieder neue Episodenfiguren auf: Eltern, Lehrer, Outcasts oder schrullige Randständige der Gesellschaft. Von ganz oben droht leicht der Absturz in ein ungewisses Off. Doch es lockt auch das Glück des Gipfelstürmens. Und der Liebe sowieso. 

Jan Gehler hat die Geschichte wie eine minimalistische Mischung aus „Warten auf Godot“ und „Sommernachtstraum“ inszeniert, ohne je den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren, aus der Wolfgang Herrndorfs Romanfiguren kommen, denen Robert Koall in seiner Bühnenfassung ein schlichtes wie ergreifendes Bühnentextkostüm geschneidert hat. Sebastian Wendelins Wirklichkeitsverweigerer Tschick läuft mit seinem guturalen Fantasiedialekt und gewiefter Miene immer wieder zum Verzauberungspotenzial der berühmten Shakespeare-Elfe Puck auf. Benjamin Pauquets als staunender Simplicissimus Maik gerät immer tiefer in seinen Bann.

Ebenso die Zuschauer, die dem Duo generationsübergreifend verfallen: Da sitzt der abgebrühte Kritiker neben der ironischen Jungdramatikerin mit dem gleichen verträumt lächelnden seligen Blick, wie eine Gruppe etwa vierzehnjähriger Mädchen. Da hätten einen nun die Erwachsenen immer vor der Schlechtigkeit der Menschen gewarnt, sagt Tschick am Ende der Reise. Doch sind sie unterwegs in Wolfgang Herrndorfs und Jan Gehlers Zauberwald nur lauter guten Menschen begegnet. Der Mensch ist also gut! Das muss auch einmal gesagt werden. Wenigstens auf dem Theater.

 

Tschick
von Wolfgang Herrndorf
Uraufführung
Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüm: Cornelia Kahlert, Dramaturgie: Julia Weinreich, Licht: Andreas Rösler.
Mit: Benjamin Pauquet, Sebastian Wendelin, Lea Ruckpaul, Anna-Katharina Muck, Holger Hübner.
www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr über "Tschick" und die anderen eingeladenen Jugendstücke in einem Essay von Christian Rakow, der die Produktionen ins Panorama des gegenwärtigen Jugendtheaters einordnet.



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  • Robert Koall
    Sie haben sich nicht verhört, sondern wir haben gepennt. Völlig richtig, da hat die Dramaturgie geschlampt, Köpfe werden rollen.
  • C. Gabriel  - Tschick
    Wunderbarer Theater-Abend - vielen Dank nach Dresden. Sebastian Wendelin als Tschick ist ein absoluter Volltreffer...
    Mein 12-jähriger Sohn entdeckte eine Ungereimheit: die Geschichte spielt 2010, die Zahl 10 erscheint auch sichtbar auf der Bühne - in der Reihe der aufgezählten Bundespräsidenten taucht jedoch der Name "Gauck" auf, oder haben wir uns beide verhört?