Villa Dolorosa – Erich Sidlers Saarbrückener Inszenierung von Rebekka Kricheldorfs "Drei Schwestern"-Bearbeitung

Die Leere kaputt reden

von Verena Großkreutz

2. Mai 2012. Diese Ödnis tut wirklich weh, die in der "Villa Dolorosa", diesem Schmerzenshaus, über zwei Stunden vor sich hingärt. Alles wirkt teigig. Das beige grundierte Wohnzimmer mit beigem Sofa und leerem Bilderrahmen an der Wand genauso wie die Tiraden der drei Schwestern, die in diesem vor sich hin modernden, baufälligen Eigenheim wertvolle Lebenszeit ungenutzt verstreichen lassen, sich gegenseitig die Daseinshölle befeuern und doch nicht auseinander gehen können. Vielleicht auch, weil das gemeinsame Erbe längst verprasst ist. villa dolorosa1 andreasseifertDrei im Schmerzenshaus © Andreas Seifert

Olga arbeitet als Lehrerin, schafft es gar zur Schuldirektorin mit dickem Gehalt, bleibt aber allein. Irina bricht ein Studium nach dem anderen ab, fläzt lieber im Bett, liest "Pippi Langstrumpf" und verscheucht jeden Verehrer. Mascha ist verheiratet, aber mit einem, den sie nicht liebt und dem sie den Wunsch nach Kindern verweigert. Dazwischen der einzelgängerische Bruder, Andreij, der an seinem Roman bastelt, bis ihm die prollige Tussi Janine über den Weg läuft und in die Villa einzieht, um dort gefährlich viel Ordnung zu schaffen und den Schwestern die leeren Bilderrahmen mit Sinn zu füllen: mit den Fotos ihrer beiden Neugeborenen. Andreij muss jetzt im Kulturamt arbeiten.

Rebekka Kricheldorf hat Tschechows "Drei Schwestern“ nachgedichtet, es mit aktuellen Daseinsfragen wie etwa der Lebenssinnstiftung durch Arbeit infiltriert. Ein Stück über die Unfähigkeit des Menschen, seine vermeintliche Freiheit sinnvoll zu nutzen. Dreimal feiert Irina ihren Geburtstag. Jedes Mal gibt es ein Konzert aus Hasstiraden, Pläneschmieden und lebensgierigen Ausbrüchen. Doch nichts ändert sich wirklich. Alles wird tendenziell noch schlimmer. Selbst der Besuch von Georg, dem Mann, der dem Bannkreis seiner sich regelmäßig die Pulsadern aufschneidenden Gattin nicht entfliehen kann, wiederholt sich, so wie die Masse an Worten, die immer und immer wieder schön zurechtgeknetet wird. Olga: "Ich weiß nicht, was ich rede. Ich rede irgendeinen Blödsinn. Einfach so, damit jemand die Leere kaputt spricht. Damit sie nicht allzu offensichtlich wird. Das hielte nämlich keiner aus.“

Kricheldorfs "Drei Schwestern“ sind amüsant. Man lacht viel und gern, auch wenn die Freudlosigkeit dieser Existenzen erdrückend ist. Erich Sidlers Inszenierung setzt auf Sprachwitz und skurrile Körpersprache. Glänzend besetzt ist Nina Schopka als Irina: Lustig, wie sie mit schlaffen Gliedern und starrem Blick die Öde ihres Geburtstagsfestes beklagt oder exaltiert und staksig tanzt – ausgerechnet auf "Was hat dich bloß so ruiniert". Sidler hat ein Herz für die Schwestern. Sie wirken sympathisch und allemal sympathischer als die nervige Übermutti Janine, die ihr eigenes Verhalten niemals in Frage stellt. Erich Sidler wirft auf diese Figuren einen liebevollen Blick und dringt dennoch tief in ihr Kraftfeld aus Selbsterkenntnis und Selbstverlust ein.

 

Villa Dolorosa. Drei missratene Geburtstage
von Rebekka Kricheldorf frei nach Anton Tschechows "Drei Schwestern"
Regie: Erich Sidler, Bühne und Kostüme: Gregor Müller, Musik: Philipp Stangl, Dramaturgie: Nicola Käppeler.
Mit: Nina Schopka, Saskia Petzold, Natalie Hanslik, Urs Fabian Winiger, Heiner Take, Dorothea Lata.
www.theater-saarbruecken.de

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  • rudi  - Grandios!
    Endlich mal eine deutsche Autorin, die schwarze Komödien schreiben kann und damit unseren Ruf konterkariert, hierzulande könne das keiner. Grandios!

    Und großartig auch Sidlers Inszenierung. Da soll mal einer noch sagen, in der deutschen Provinz werde kein gutes Theater gemacht.