Heidelberger Autorenpreis 2013 – ein Resümee der sieben Wettbewerbs-Stücke

Viel poetische Präzision

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 5. Mai 2013. Wenn man sich an den beiden Lesungstagen bei Kennern der Szene umhörte, dann wurden immer wieder zwei Namen genannt: Katja Brunner und Konstantin Küspert. Das schienen die beiden Autoren zu sein, die den eigentlichen Hauptpreis des Heidelberger Stückemarktes – den Autorenpreis – unter sich ausmachen würden. Und es gab ja auch Grund zu dieser Annahme, denn auf ihre jeweilige Weise ragten die Texte dieser beiden Autoren tatsächlich aus dem Tableau der sieben Stücke heraus, die zum Abschluss des Festivals in Lesungen vorgestellt wurden. autorenteppich2Der Autorenjahrgang 2013: Konstantin Küspert, Esther Becker, Valerie Melichar, Henriette Dushe, Katja Brunner, Loren Langenegger, Uta Bierbaum

Well made bis Textfläche

Küsperts Mensch Maschine war der einzige Text, der auf einen klaren, sich aus einem linearen Plot entwickelnden Spannungsbogen setzte und so die Zuhörer an die Hand nahm; ein Text, der somit auch – und der Begriff sei hier ohne jede Abwertung gebraucht – in Richtung well-made play schielte. Die Originalität des Stücks speist sich aus seiner gewitzt angepackten Thematik: Als eine Art philosophischer Krimi mit komödiantischen Elementen macht "Mensch Maschine" die Probe aufs Exempel des berühmten "brain in the tank"-Gedankenspiels – Wissenschaftler versuchen einem auf sein Gehirn reduzierten Menschen erstmals eine rein virtuelle Welt als Realität zu präsentieren. Dank seiner Robustheit – die die Bühnenwirksamkeit fast schon garantieren sollte – ging das Stück auch ziemlich verlustfrei aus seiner Lesung hervor (was beileibe nicht für alle Lesungen galt), weshalb einige vom fast sicheren Publikumspreis für Küspert ausgingen. Der ging dann allerdings an einen der internationalen Autoren nach Griechenland.

Existenzielle Diskurse

Als eigentliche Favoritin für den Hauptpreis blieb somit Katja Brunner (die in diesem Jahr mit "Von den Beinen zu kurz" auch zum Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis eingeladen ist). Ihr Heidelberger Beitrag Die Hölle ist auch nur eine Sauna, in dem nicht zuletzt Missbrauchsfälle der jüngsten Zeit auf provozierende und verwirrende Weise einem einfachen Opfer-Täter-Diskurs entzogen und in eine gleichsam universelle Perspektive gerückt werden, war der wohl einzige, der aufs Ganze geht. Und dabei sprachlich eine Menge riskiert: In den aufgerauten Textflächen dieses Stücks droht schon auch einmal die Gefahr eines Sich-Vergaloppierens oder eines arg schräg konstruierten Bildes. Doch die unbändige, mal sarkastische, mal rotzige, mal hochpoetische Kraft, die sich hier äußert, lässt mehr als aufhorchen (wenn auch das Potential des Textes durch eine etwas unkonzentriert eingerichtete Lesung beim Stückemarkt höchstens angedeutet wurde). Von dieser Autorin – diese Voraussage ist kein großes Wagnis – wird man hören.

Die anderen Stücke des Wettbewerbs präsentierten sich stiller und kleinformatiger. Dass mit Esther Beckers Supertrumpf auch ein Jugendstück dabei war, ist einerseits zu begrüßen, da so am starren Spartendenken gerüttelt wird, wirft aber doch Fragen hinsichtlich der Vergleichbarkeit unterschiedlich adressierter Texte im Rahmen eines Wettbewerbs auf. Unter den "leisen" Stücken gab es zwei, denen man zumindest Außenseiterchancen einräumen durfte: Lorenz Langeneggers Wo wir sind, in dem sechs auf ihre Ängste zurückgeworfene Figuren in wechselnden Konstellationen durch einen nächtlichen Stadtpark mäandern.

Gefühle in ästhetischer Form

Und eben Henriette Dushes lupus in fabula, das dann tatsächlich – und für viele sicherlich überraschend – den Preis davontrug. Doch Henriette Dushe ist, nur weil ihr Stück auf eher leisen Pfoten daherkommt, beileibe keine unverdiente Siegerin. In "lupus in fabula" zeigt sie drei Schwestern, die für eine unbestimmte Zeit aus dem Leben herausgerissen werden, weil ihr Vater stirbt. Es beginnt eine Zeit des Stillstands und des Wartens, in der die Beziehungen der drei Schwestern untereinander mit poetischer Präzision ausgelotet werden. Es kommt zu Feinjustierungen, das Dreieck (oder ist es, den stumm anwesenden Vater eingerechnet, ein Viereck?) tariert sich auf unspektakuläre, aber nicht weniger eindringliche Weise neu aus. Es ist ein Stück über Trauerarbeit, noch ehe die Trauer einsetzt. Und nicht zuletzt weil eine der Schwestern immer neue, von Bären, Hasen und Wölfen bevölkerte Szenenbilder imaginiert, mittels derer sie ihre Trauer in eine ästhetisierte Form zu bringen versucht, ist "lupus in fabula" auch eine wunderbare Herausforderung für das Theater.

 

Zur Meldung der Preise 2013 und deren Jurybegründungen

 

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