Testosteron – Schirin Khodadadians Kasseler Inszenierung von Rebekka Kricheldorfs schwarz-humoriger Parabel

Männlichkeit gesucht

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 4. Mai 2013. Rebekka Kricheldorf ist beileibe nicht die erste, die ein Stück in einer "Gated Community" spielen lässt – auch Falk Richter etwa ("Im Ausnahmezustand") und sogar Botho Strauß ("Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte") verfielen bereits auf diese Idee –, doch Kricheldorfs "Testosteron" dürfte das mit Abstand witzigste unter diesen Stücken sein. Angesiedelt irgendwo zwischen erhellender Parabel ("schwarze Parabel" nennt es sich im Untertitel) und zersetzender Farce, zeigt "Testosteron" eine kleine Familie, die, ausgestattet mit dem festen Willen zu einem guten Leben und mit dem noch festeren Willen zur Verdrängung alles Schlechten, in "Gutes Viertel" wohnt. Dumm nur, dass es neben dem guten Sohn Ingo auch den schlechten Sohn Raul gibt, der irgendwann in "Schlechtes Viertel" rübergemacht hat – wenigstens ist er vorerst noch nicht in "Ganz Schlechtes Viertel" gelandet.

Zwei Brüder, die auszogen

Der Versuch Ingos, seiner Braut Solveig und seines Patriarchen-Vaters Fabian, das fassadenhaft aufrechterhaltene gute Leben samt gutem Gewissen im Hochsicherheits-Wohnbezirk abzuschotten, bricht natürlich nach und nach in sich zusammen. Die Hure Silvana aus "Ganz Schlechtes Viertel", die man – man ist ja nicht so! – aus der Distanz mit Geldern unterstützt, taucht plötzlich ganz real auf und hat Not und Elend im Schlepptau, und schlimmer noch: die Bedrohung des geliebten Status Quo. Wenn schließlich Solveig von Silvanas Vater entführt wird, lässt das Gutmenschentum seine Maske fallen: der schlechte Raul wird zurückbeordert, um das kriegerische Werk der Befreiung und Vergeltung ins Werk zu setzen.

testosteron2 700 N KlingerStarke Männer, rauchende Colts: "Testosteron" © N.Klinger

Die Komik Rebekka Kricheldorfs (die übrigens in diesem Jahr auch als Jurorin beim Stückemarkt fungiert) speist sich zwar auch aus diesem grellen Plot sowie aus einer Fülle popkultureller Anspielungen, nicht zuletzt aber aus ihrer Sprache: Wie Kricheldorfs Figuren aus einem mitunter auch recht derben Alltagsjargon plötzlich in den hohen Ton umswitchen und, sich gleichsam sprachlich in Pose werfend, schön gedrechselte, meist jambische Verse absondern (etwa Raul: "Ihr habt die Männlichkeit verlegt. Sie fiel euch aus dem Ich wie eine faule Frucht"), das hat schon einigen Witz.

Gag- und Comedy-geladen

Doch leider, leider: Die Kasseler Uraufführungs-Inszenierung von Schirin Khodadadian hat den Witz ausschließlich ins Optische übersetzt. Die Gated Community-Luxuswohnung in einem schaurig-biederen 50er Jahre-Stil mit grässlicher Teakholz-Schrankwand zu designen, mag noch angehen und leuchtet als (in einen riesigen goldenen Rahmen eingefasstes) Bild für eine auf Verdrängung beruhende Gesellschaft sogar unmittelbar ein. Doch ansonsten steht diese Inszenierung unter einem derartigen Gag- und Comedy-Zwang, dass die spürbare Anstrengung, mit jeder Bewegung und jedem Satz travestierend witzig sein zu wollen, irgendwann jeden Witz unter sich begräbt. Indem den Figuren erst gar keine Konversationsnormalität zugestanden wird, von der sich der hohe Ton abheben könnte, werden Kricheldorfs sprachliche Brüche erbarmungslos eingeebnet. Andere Sätze, die einen bei der Stücklektüre in ihrer boulevardesken Beiläufigkeit lachen machen können, werden lautstark und ohne Sinn für Timing einfach verschenkt.

Der Heidelberger Intendant Holger Schultze hat dem Stückemarkt dadurch, dass er in einem eigenen Wettbewerb auch Zweit- und Drittaufführungen von neuen Texten ein Forum bietet, den Blick auf das Schicksal von Texten gelenkt, die nach ihrer Uraufführung wieder schnell von der Bildfläche verschwinden. Die Uraufführung von "Testosteron" jedenfalls ist ein eindrückliches Plädoyer dafür, neue Stücke nachzuspielen. Um es besser zu machen. Der sprachliche Schatz Kricheldorfs jedenfalls wartet noch darauf, gehoben zu werden.


Testosteron. Eine schwarze Parabel
von Rebekka Kricheldorf
Uraufführungs-Inszenierung
Gastspiel Staatstheater Kassel
Regie: Schirin Khodadadian, Ausstattung: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath, Video: Stefano Di Buduo, Dramaturgie: Christa Hohmann.
Mit: Jürgen Wink, Björn Bonn, Aljoscha Langel, Anke Stedingk, Enrique Keil, Alina Rank.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause.
www.staatstheater-kassel.de


Zur nachtkritik der Kasseler Uraufführung vom November 2012

 

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