Ein Gespräch über neue Dramatik mit den Verlegern Gesine Pagels, Frank Kroll und Tobias Philippen

Lasst die neuen Stücke atmen!

nachtkritik.de: Wenn man die derzeitige Situation zeitgenössischer Dramatik betrachtet, dann scheint sich in dem Kräfteverhältnis Autor-Verlag-Theater in den letzten Jahren einiges verändert zu haben. Die Theater treten offensiver an Autoren heran, mit Stückaufträgen, mit Hausautorschaften. Teilen Sie diesen Eindruck?

Frank Kroll: Dass sich grundsätzlich sehr viel verändert hätte, kann ich nicht bestätigen. Es stimmt, dass viele Theater Autorenförderung betreiben zu einem sehr frühen Zeitpunkt, dass sie sich selbst auf die Suche gemacht haben nach Autorinnen und Autoren. Nach wie vor werden aber auch die Verlage genutzt. Man macht die Entdeckungen gemeinsam, und das ist eine Entwicklung, die wir aus Theaterverlags-Sicht nur unterstützen und bestätigen können.

Tobias Philippen: Ihre Frage suggeriert ein Gegeneinander: Kräfteverhältnis klingt, als sei das ein Zerren. Auch beim Symposium Schleudergang Neue Dramatik konnte man manchmal den Eindruck haben, dass sich da Kriegsparteien gegenüber sitzen. Aber es geht doch um ein Miteinander. Was sich allerdings in der Zeit, die ich überblicke, verändert hat, ist die Wichtigkeit von Aufträgen im Gegensatz zum Nachspielen. Als ich 1997 angefangen habe, war das Thema Uraufführungspauschale und Auftragshonorar nicht so präsent. Heute ist das sehr zentral.
nachtkritik.de: Ist es aus Ihrer Sicht schwieriger oder einfacher geworden, den Autoren zu Stückaufträgen zu verhelfen?
Tobias Philippen: Ich habe den Eindruck, dass die Offenheit für Hausautorenschaften und Auftragsvergaben sehr viel größer ist, dass es bis in die kleinsten Stadttheater zum guten Ton gehört, dass man Aufträge vergibt. Der weit kleinere Teil der Stücke aus unserem Verlag entsteht ohne Auftrag. Dass ein Stück daliegt und man dazu ein Theater finden muss, ist bei uns die Ausnahme.

Gesine Pagels: Ich kann das so nicht bestätigen. Das kann möglicherweise daran liegen, dass wir momentan nicht ganz so viele junge deutschsprachige Autoren vertreten wie andere Verlage. Es gibt wahnsinnig viele Stücke, die nur einmal gespielt werden und dann nie wieder. Das ist etwas, das sich im Laufe der Zeit verändert hat. Vielleicht auch durch die Förderstrukturen, denn ich glaube kaum, dass alle diese Stücke über Aufträge entstanden sind. Darüber muss man nachdenken.

Frank Kroll: Ich habe das nicht nachgezählt, aber es gibt sehr viele Autorinnen und Autoren, die nach wie vor auch ohne Auftrag Stücke schreiben – vielleicht sollten sie das lassen, vielleicht wäre das die professionellere Einstellung, genauso wie es im Filmbereich üblich ist, dass ohne Treatment-Vertrag nicht mit der Arbeit begonnen wird. Das würde den Markt bereinigen, um dieses schreckliche Wort zu benutzen.

nachtkritik.de: Würde das denn wirklich zu einer Qualitätsverbesserung führen?

Frank Kroll: Wenn man sich die Qualität der Hausautorenschaften und der Aufträge ansieht: Ja. Ich will da einfach mal zwei extreme Beispiele beschreiben: Es gibt ein Haus wie das Nationaltheater Mannheim, das schon seit ziemlich langer Zeit wagt, neue Stücke auf große Bühnen zu bringen und dafür auch ordentlich ausstaffierte Werkhonorare zahlt. Das ist eine kontinuierliche Zusammenarbeit, die über Jahre läuft und hinter der auch ein Konzept steckt. Und dann ist gerade an einem kleineren Haus ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, bei dem sich möglichst viele Autorinnen und Autoren bewerben sollen. Als Preis erhält man 5.000 Euro, und das Stück wird dort am Theater aufgeführt. Das ist natürlich nichts anderes als kaschierte Stück- und Stoffbeschaffung. Da fragt man sich schon, ob Veranstaltungen wie Schleudergang Neue Dramatik und all die Diskussionen der vergangenen Jahre überhaupt eine Konsequenz zeigen, wenn es immer noch solche Phänomene gibt, wenn nämlich dreißig, vierzig oder gar hundert Autoren anfangen zu schreiben und letztlich nur ein Autor Geld bekommt, ein One-Hit-Wonder landet und Folge-Inszenierungen ausbleiben.

nachtkritik.de: Sind das nicht eher Ausschreibungen, die sich an Autoren richten, die noch keinen Verlag haben?

Frank Kroll: Nein, nein, wir wurden als Verlag gefragt, und die Ausschreibung ist sicher auch bei Kollegen gelandet. Ich halte das für unseriös. Man kann nicht fünfzig Leute beschäftigen, wenn man nur 5.000 Euro zur Verfügung hat und es ohnehin nur darum geht, ein Auftragswerk zu initiieren. Da gibt es andere Mittel der Autorenförderung: als Bindung an ein Haus, eines Ensembles an den Autor, gemeinsam Stoffe entwickeln, sich gemeinsam Gedanken zu machen, welche Form und welcher Inhalt in Frage kommen. So stelle ich mir eine professionelle Zusammenarbeit in einem Dreiecksverhältnis Theater-Autor-Verlag vor.

nachtkritik.de: Steckt in dieser Nähe nicht auch eine Gefahr? Die nämlich, dass man die Texte zu sehr an die Produktionsbedingungen der Häuser hängt?

Frank Kroll: Das ist manchmal so, aber wenn ein starkes Stück entsteht, ist es auch widerständig und erweist sich als widerspenstig gegenüber verschiedensten Regielesarten.

nachtkritik.de: Man kann aber auch durchaus behaupten, dass die Tendenz zu Zwei- oder Drei-Personen-Stücken der Notwendigkeit geschuldet ist, Stücke für die Studiobühnen zu schreiben. Das fördert eine Entwicklung, die den Autoren gleichzeitig zum Vorwurf gemacht wird.

Gesine Pagels: Das ist eine Anpassung der Autoren ans System. Es gibt ein paar rühmliche Ausnahmen, die sich trauen, auch unbekannte Texte auf die große Bühne zu bringen. Es ist leider so, dass sogar Autoren wie Anja Hilling, um es aus unserem Verlag zu beschreiben, kaum auf die große Bühne geholt werden. Da träumen wir von.

nachtkritik.de: Haben Sie als Verlag Mittel in der Hand, um darauf zu drängen, dass Autoren auf die große Bühne kommen?

Gesine Pagels: Das ist immer eine Frage der Kommunikation und wie man sich mit dem Theater austauscht. Kommt das Theater auf einen zu, tritt man als Verlag an das Theater heran? Man will ja auch nichts verhindern. Wenn ein Theater sagt: Wir machen es nur so, dann will man sich letztlich als Verlag nicht dazwischen stellen.

nachtkritik.de: Wäre das nicht aber doch eine mögliche Strategie? Zu warten oder es an einem anderen Haus zu versuchen?

Gesine Pagels: Man müsste das ausprobieren. Auf der anderen Seite aber sitzen einem die Autoren im Nacken und sagen: Ich brauche einen Auftrag. Und natürlich will man als Verlag auch im Sinne des Autors agieren.

Tobias Philippen: Von Anfang an die große Bühne zu fordern ist eine schwierige Sache. Und vielleicht ist es auch gar nicht so dienlich. Es gibt bei uns einen neueren Fall, der in dem Kontext ganz interessant ist: Lars-Ole Walburg hat zur Spielzeiteröffnung in Hannover die Uraufführung von Nis-Momme Stockmann auf die große Bühne gebracht. Wir haben darauf gedrängt, aber das war auch eine gemeinsame Anstrengung. Von Verlags- und Autorenseite sollte man auch erkennen, dass das Mut und Unterstützung braucht. Man kommt nicht weiter, wenn eine Partei versucht, mit einer Art von Macht, etwas durchzusetzen.

Frank Kroll: Stücke brauchen Raum, um Atem und Luft zu bekommen, dann können sie sich ausbreiten, werden auch entsprechend wahrgenommen, und dann kann es auch Folgeinszenierungen geben mit einem ganz anderen Ansatz. Erst dann wird ein Stück eigentlich sichtbar.

nachtkritik.de: Natürlich gibt es nach wie vor die Stücke, die ohne Auftrag entstehen, sich also nicht an konkreten Bedingungen orientieren müssen, sondern eine völlig frei und unabhängig entwickelte Setzung machen. Wenn ich als Verlag ein solches Stück im Programm habe, warte ich ab, bis die Theater sich melden, oder trete ich an sie mit bestimmten Wünschen heran?

Gesine Pagels: Man muss schon sehr massiv über die unterschiedlichen Kanäle werben. Am effektivsten ist nach wie vor das persönliche Gespräch mit den Dramaturgen, Intendanten und auch mit den Regisseuren, die mehr und mehr den Spielplan mitbestimmen. Man spricht ja ohnehin über die nächste Spielzeit und hört raus, was für Themen gesucht werden. Das ist ein konstanter Austausch. Übrigens habe ich diesen Gegensatz freies Werk versus Auftragswerk nie so empfunden. Ich würde ein Auftragswerk immer als ein Ideal sehen für den Autor, weil das derzeit die besseren Bedingungen sind, unter denen er ein Stück schreiben kann, zumindest was den finanziellen Rahmen anbelangt. Man wird bezahlt, die Uraufführung ist gesichert. Das ist nicht vergleichbar mit den Tantiemen, die ein Autor ansonsten mit einem Stück einnimmt. Alles andere ist eine Frage der Qualität des Stücks. Ob es nachgespielt wird oder nicht, hängt nicht damit zusammen, ob es ein Auftrag war.

Tobias Philippen: Ein Auftragswerk am Theater hat ja auch nichts mit dem zu tun, was man aus dem Drehbuchbereich kennt. Am Theater gibt es das doch eher selten, dass man sagt: Wir möchten jetzt etwas haben für zwei Damen und drei Herren zum Thema NSU-Morde. Lobenswert häufig sind die Theater relativ offen. Einen Gegensatz zwischen den guten, frei entstandenen Stücken und den schlechten, unter Zwang entstandenen Auftragswerken würde ich insofern auch nicht aufmachen.

nachtkritik.de: Aber gilt ein Auftragswerk für andere Theater nicht doch eher als verbrannt als andere Uraufführungen?

Frank Kroll: Nein. Das Problem sind die fehlenden Folgeinszenierungen. Man braucht immer mindestens fünf, im besten Fall zehn Inszenierungen pro Spielzeit, dann kann man in Ruhe in den nächsten zwei Jahren die neuen Stücke vorbereiten. Da müssten wir eigentlich hin, dann käme man auf ein ordentliches Jahresgehalt über Tantiemen.

nachtkritik.de: Das wird natürlich zu einem rechnerischen Problem, bei den vielen Texten, die es auf dem Markt gibt, ist es ja faktisch unmöglich, dass alle uraufgeführten Texte fünf bis zehn Mal nachgespielt werden?

Frank Kroll: Ja, das ist so. Es gibt sehr viel mehr Premieren als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Das ist aus meiner Sicht eine bedenkliche Tendenz. Man muss sich mal angucken, was noch an Vorstellungszahl für eine einzelne Produktion übrig bleibt: Das sind eher 8 bis 15 Vorstellungen, früher waren das eher bis zu 30 Vorstellungen pro Spielzeit. Die vielen Autorenförderungsmodelle – so ehrenwert das ist –, haben den Anschein erweckt, es gebe eine gesteigerte Nachfrage nach neuen Stücken. Tatsächlich aber haben sich die Spielräume in den Theatern, was neue Dramatik angeht, nicht erweitert. Wenn man es mal ausrechnet, kommt man zu dem ernüchternden Ergebnis, dass in dem gleichen Maß, in dem mehr Premieren stattfinden, die Vorstellungszahlen abgenommen haben. Faktisch heißt das: Der Anteil neuer Dramatik in den Spielplänen ist überhaupt nicht gewachsen.

nachtkritik.de: Und die neuen Stücke haben vermutlich mehr Konkurrenz durch mehr Film- und Romanbearbeitungen ...

Frank Kroll: ... und durch Postdramatisches, durch Projekttheater und durch all das, wofür sich die Theater in den letzten Jahren geöffnet haben. Diese Konkurrenz ist auch gut. Es geht nicht um weniger Vielfalt.

nachtkritik.de: Man kann auch den Eindruck bekommen, dass Film- und Romanbearbeitungen den Ersatz für die großen Stoffe liefern. Dass das Zeitgenössische oft lieber über Filme und Romane als über neue Stücke auf die Bühne gebracht wird.

Gesine Pagels: Neben allen inhaltlichen Entscheidungen hat das ja oft schlicht Marketing-Gründe. Anstatt einen unbekannten Autor auf die Bühne zu stellen, spricht vieles für den bekannten Titel. Die Theater unterliegen ja auch Zwängen und müssen bestimmte Zahlen einspielen.

nachtkritik.de: Wie gehen die Verlage damit um?

Gesine Pagels: Einerseits bietet man selbst Stoffe zum Adaptieren an. Man muss ja konkurrenzfähig bleiben. Auf der anderen Seite versucht man nach wie vor, mit den Theatern im Gespräch zu bleiben, um die eigenen Autoren unterzubringen.

nachtkritik.de: Durch das Postdramatische hat der Text auf dem Theater ja insgesamt einen anderen Status bekommen. Tobias Philippen, Sie haben auch Texte im Programm – von Rimini Protokoll zum Beispiel –, die man früher im Sinne einer festen Autorschaft gar nicht als genuine Theatertexte verstanden hätte. Wie kommt es zu dieser Öffnung, welche Erfahrungen machen Sie?

Tobias Philippen: Das hängt mit dem großen Thema der Annäherung der Freien Szene und des Stadttheaters zusammen und wie sich die Aufgaben eines Theaterverlags auf diesem Feld definieren. Grundsätzlich stellt sich ja immer die Frage nach dem Autorenbegriff – das wurde auch ausgiebig diskutiert, als Rimini Protokoll nach Mülheim eingeladen wurden. Viele der Freien Gruppen befassen sich mit Inhalten, sie gestalten Texte, auch wenn sie in der Recherche und durch Interviews entstehen, die dann wieder literarisch zugespitzt werden. Es wäre falsch zu sagen, dass das Abende wären, die ohne Autorenschaft auskommen.

nachtkritik.de: Gehen Sie mit diesen Texten auch in einem klassischen verlegerischen Sinne als Texte um? Würden Sie so einen Text von Rimini Protokoll auch einem anderen Kollektiv zur Verfügung stellen? Oder sind Sie da eher in der Position einer Künstleragentur?

Tobias Philippen: Faktisch sind wir das meistens schon. Bei fast allen Freien Gruppen gab es, wenn wir sie kennengelernt haben, die Diskussion über die Frage, ob die Sachen nachspielbar wären. So weit ich weiß, gab es aber bislang keinen Fall, bei dem das auch eingetreten wäre. Wobei ich das auch nicht für entscheidend halte. Der Verlag bekommt dann wohl auch etwas Agenturhaftes, was allerdings gleichermaßen Teil der "traditionellen" Verlagsarbeit ist: Auch da macht man mit einem Autor eine Karriereplanung, man macht für ihn Verträge, schafft Verbindungen und Vernetzungen.

nachtkritik.de: Ist es für Verlage wie Felix Bloch oder Suhrkamp das Agenturhafte auch ein Modell?

Gesine Pagels: Das ist bei schaefersphilippen sicher ein Spezialfall, weil sie sehr viele Freie Gruppen vertreten, aber ich würde das – wie Tobias Philippen sagt – gar nicht so trennen. Man macht ja als Verlag tagtäglich Agenturarbeit, man sitzt ja nicht den ganzen Tag da und lektoriert.

nachtkritik.de: Welche Situation müsste eintreten, damit ein Verlag sagt, dass ein Autor oder ein Text gegenüber dem, was ein Theater oder ein Regisseur tun, geschützt werden muss?

Frank Kroll: Beispielsweise Vertragsbruch. Es werden Verträge gemacht, die einen bestimmten Umgang mit einem Werk formulieren – bei aller Freiheit, die der Vertrag auch lässt, wird da ein Rahmen gesetzt. Man kann bis an die Grenzen dieses Rahmens gehen. Wenn man darüber hinausgeht, muss man sich bewusst sein, dass es da auch andere Interessen gibt, die da zu berücksichtigen sind.

nachtkritik.de: Was könnten das für Grenzen sein, wie werden sie festgeschrieben?

Frank Kroll: Für die Zusammenarbeit zwischen Theaterverlagen und Bühnen gibt es eine Regelsammlung. Das ist so eine Art Manteltarifvertrag zwischen Bühnenverein und dem Verband der Theaterverlage. In dieser Regelsammlung finden sich auch Klauseln, die beispielsweise besagen, dass die Werkeinheit eines Stückes erhalten bleiben muss. Das ist ein urheberrechtlicher Begriff, das heißt, man darf ein Stück nicht auf Links krempeln, man darf nicht an die Substanz des Stückes gehen und es aushöhlen. Da sind der künstlerischen Freiheit durch Urheberrechte Grenzen gesetzt.

nachtkritik.de: Aber kann man das quantifizieren?

Frank Kroll: Nein. Es ist eine Frage des Respektes. Jeder Autor, jeder Erbe, jeder Nachlassverwalter, jeder Verlag, der sich um Rechte kümmert, tut gut daran, öfter mal ins Theater zu gehen und sich über moderne Spielweisen zu informieren. Das geschieht normalerweise auch, die wissen auch, dass Theater ein sozialer und transitorischer Kunstprozess ist. Dass es immer eines Aneignens und Anverwandelns von Stoffen bedarf, um es auf der Bühne interessant werden zu lassen. Mit den meisten Autoren und Erben kann man im Vorfeld reden, und wir Theaterverleger sind auch dafür da, das zu moderieren.

nachtkritik.de: Ist es denn üblich, dass Regisseure mit bestimmten Fragen zu den Texten bei Ihnen anrufen?

Frank Kroll: Ja. Das passiert oft. Bei Brecht-Stücken etwa rufen die Regisseure oft mit besonderen Besetzungsvorschlägen an. Man fragt dann nach dem Konzept dahinter, und wenn das begründet ist und das Stück nicht dekonstruiert wird, werden sich die Rechteinhaber bzw. wir auch nicht dagegen wenden.

nachtkritik.de: Wie oft kommt es zu realen Streitigkeiten? Von außen bekommt man es ja meist nur mit, wenn etwas eskaliert, wie etwa bei den berühmten Dresdner "Webern" (2004) in der Inszenierung von Volker Lösch, deren Aufführung untersagt wurde. Von wem geht so etwas aus?

Gesine Pagels: In diesem Fall ging das von den Erben Hauptmanns aus. Diese "Weber" waren ein gutes Beispiel für schlecht geführte Kommunikation zwischen Theater und Verlag, und alle Beteiligten haben aus diesem Fall viel gelernt. Bei uns hat es seitdem keinen vergleichbaren Fall mehr gegeben, die Kommunikation ist dadurch besser und offener geworden. Es gibt bei uns unheimlich viele Anfragen danach, die Stücke etwa von Hauptmann, Dürrenmatt, Claudel nicht einfach vom Blatt, sondern in Bearbeitungen zu spielen. Und hier zeigen sich nicht zuletzt die Erben Hauptmanns durchaus offen. Es sind Werke, die sich behauptet haben und gewisse Eingriffe auch aushalten. Man muss dann natürlich abwägen, was möglich ist und was nicht, und was einen Text eventuell zerstören könnte. Es gibt in der Regel aber einen sehr guten Austausch mit den Theatern, und bei neueren Texten habe ich solche extremen Streitigkeiten gar nicht erlebt.

nachtkritik.de: Herr Kroll, haben Sie schon eingreifen müssen?

Frank Kroll: Ja, vor nicht gar zu langer Zeit in Köln, da haben wir den Prozess gewonnen gegen das Schauspiel Köln, es ging um Brechts "Puntila". Das war ein eindeutiger Vertragsbruch, der die Musik von Paul Dessau betraf. Man hatte Dessau angekündigt, drin war aber die Musik eines anderen Komponisten. Da muss man zumindest vorher informiert werden. Das hat man nicht getan. Danach haben wir so viele Anrufe von Dramaturgen und Intendanten bekommen wie noch nie, weil die Szene aufgeschreckt war.

nachtkritik.de: Wenn bei einer Uraufführung Autor und Verlag unglücklich sind, weil Forderungen aus dem Text von der Regie ausgehebelt werden, wie geht ein Verlag damit um?

Gesine Pagels: Es ist eine Gratwanderung, wieweit man sich da als Verlag einmischen darf und sollte. Natürlich muss man auch bei zeitgenössischen Autoren darauf achten, wie mit dem Text umgegangen wird, insbesondere bei Uraufführungen. Der Vorteil in diesem Fall ist ja, dass man mit dem Autor über Striche und Änderungen reden kann. Wenn es an die Regie geht, weiß ich aber gar nicht, ob man da als Verlag noch mitreden sollte. Letztendlich braucht der Text auch die Auseinandersetzung, das kann glücken oder schiefgehen – das ist das Risiko, das man letztlich als Autor eingeht, wenn man sein Stück in die Öffentlichkeit gibt.

nachtkritik.de: Trügt der Eindruck, dass junge AutorInnen geduldiger gegenüber Regieeingriffen sind oder durch postdramatische Erfahrungen wissen, dass ihre Texte mitunter wie ein Material behandelt werden?

Tobias Philippen: Material fände ich zu viel gesagt, aber grundsätzlich stimmt das schon. Die Leute, die momentan im Theaterbetrieb schreiben, sind an Kollaboration gewöhnt. Ich kenne da nicht so die solitären Egomaschinen, die dann auf das Theater treffen und grundsätzlich verstört sind, was ihnen angetan wird. Die Autoren kennen den Prozess, wollen ihn auch, dafür existieren ein großes Verständnis und eine Offenheit. Nichtsdestotrotz ist der Verlag der Lobbyist des Textes und der Autoren. Wichtiger aber als eine juristische Drohkulisse, die ja immer nur ein Worst-Case-Szenario sein kann, ist für mich, dass die Theater spüren: Autor und Verlag ist es ernst mit dem Text. Dazu gehört auch, dass man in Proben geht, sich das anguckt, und möglichst nicht in die Situation kommt, in eine Premiere zu gehen, wo einem dann die Farbe aus dem Gesicht weicht. Das ist zum Glück nicht so häufig der Fall. Problematisch ist es eigentlich nur, wenn es boshaft scheitert, also wenn von Anfang an der Text nicht ernstgenommen wird – das muss man zu verhindern suchen, indem man frühzeitig mit dabei ist. Uraufführungen genießen einen besonderen Schutz und da kann man im schlimmsten Fall schon sagen: Wir sind nicht einverstanden. Wir hatten einen Fall, der an der Grenze dazu war, aber das ist die Ausnahme.

Gesine Pagels: Was man gerade bei Uraufführungen noch machen kann: sorgsam mit aussuchen und mit überlegen, wer der Regisseur sein soll. Passt der zum Stück, zum Autor, haben die eine gemeinsame Sprache? Im Idealfall treffen sie sich auch vorher und reden miteinander. Das wird ja auch praktiziert, sollte aber vielleicht doch Standard sein, um bestimmten Missverständnissen aus dem Weg zu gehen.

nachtkritik.de: Und zum Schluss noch die Frage: Wie geht man als Verlag mit dem Spagat zwischen Anspruch und Kasse um, gerade in Zeiten, da auch für die Theater Kassenschlager zur Überlebensnotwendigkeit werden?

Tobias Philippen: Die Frage ist doch: Kann man reagieren, selbst wenn man wollte? Ich glaube nicht, denn man hat ja als Theaterverlag nicht die Möglichkeit wie ein Buchverlag zu sagen: Um Geld zu verdienen, mache ich jetzt einen Gesundheitsratgeber, das läuft immer. Selbst wenn ich jetzt wollte - was nicht der Fall ist - und sagen würde: Der Inhalt ist mir ein bisschen egal, ich will vor allem Kohle machen, was tut man denn dann? Es gibt ja kein Rezept! Ich kann nicht einen Autoren einfach damit beauftragen, so etwas zu schreiben wie "Tschick" und dann wird es vierzig Mal inszeniert. Ich erlebe die Verlagsarbeit so, dass wir in einer ähnlichen Position sind wie die Autoren selbst und dass man nur das machen und verfechten kann, was man selbst gut findet, und dass man versuchen muss, die Theater davon zu überzeugen. Das ist schon alles, was man tun kann. Es gibt da keine Rezepte, nur den eigenen Geschmack und die eigene Begeisterung. Und daran muss man sich halten.

Das Gespräch führten Simone Kaempf, Wolfgang Behrens und Georg Kasch im April 2013.

Gesine Pagels ist Leiterin der Dramaturgie bei Felix Bloch Erben und zuständig für die Bereiche Schauspiel und Medien.
Frank Kroll ist Leiter des Suhrkamp Theater-Verlags.
Tobias Philippen gründete 2008 mit Marc Schäfers den Verlag schaefersphilippen, der seitdem von beiden gemeinsam geleitet wird.

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