Dieses Fleisch ist echt!

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 1. Mai 2014. "Eins" – tock-tock – "zwei" – tock-tock – "drei" – tock-tock – "vier" … Es ist schon eine Zumutung, aber eine brillante. "Siebzehn" – tock-tock – "achtzehn" … Mit marionettenhaften Bewegungen wackelt ein barbiepuppenhaftes Wesen die Treppe herunter. "Achtundzwanzig" – wisch-wisch, wisch-wisch. Füße abputzen! Zosch. Die elektronische Schiebetür öffnet sich. "Neunundzwanzig" – tock-tock – "dreißig". Ab durch die Tür. Zosch. Tür zu. Die Live-Sound-Produzenten sind im hochkonzentrierten Dauereinsatz, jede Aktion bekommt das passende Geräusch unterlegt, wie im Computerspiel. Oben auf der Treppe erscheint die nächste Barbiepuppe. Musik setzt ein. Tock-tock – "neunundneunzig" – tock-tock – "eins" ... Und so geht's weiter. Vorerst.

Präsent gehaltene Vergangenheit

Man kann schon nervös werden bei diesem Anfang, wenn man weiß, dass die Dortmunder Performance "Das goldene Zeitalter" von Schauspieldirektor Kay Voges und seinem Dramaturgen Alexander Kerlin mit dreieinhalb pausenlosen Stunden veranschlagt ist. Aber in seinem Minimalismus ist das erst einmal grandios. Die in Dauerschleife über die Treppe wackelnden Figuren werden per Video auf die Rückwand übertragen, in vier Panels unterteilt. Doch dann schleichen sich erste Asynchronizitäten ein: War am Anfang alles live, tauchen plötzlich auch Bilder auf, die einige Sekunden, später einige Minuten, noch später einige Stunden alt sind. Die Performance hält ihre eigene Vergangenheit so ständig präsent. "Die Festplatte füllt sich mit Bildern", heißt es dazu lakonisch in einem projizierten Kommentar.

TheaterDortmund DasGoldeneZeitalter 700 Birgit HupfeldBarbie und Duracell-Hase: "Das goldene Zeitalter" @ Birgit Hupfeld

"Das goldene Zeitalter" dreht sich um das Thema Wiederholung und um die – zum Teil durchaus utopisch auffassbaren – Möglichkeiten, ihr zu entrinnen. Voges und Kerlin setzen dazu sehr grundsätzlich an: Denn die Inszenierung selbst ist ja auf Wiederholung angelegt. Anstatt jedoch ein minutiös festgelegtes Programm abzuspulen, greift Regisseur Voges hier immer wieder live in die Abläufe ein und verändert sie. Wenn der Loop des Beginns vorbei ist (er wird im Laufe des Abends natürlich noch einige Male – "eins", tock-tock – wiederkehren), entfaltet sich ein Szenenmaterial, das zwar vorbereitet ist, doch bei jeder Aufführung neu angeordnet und von neuen Anweisungen des mit im Zuschauerraum sitzenden Regisseurs unterbrochen wird.

Hemmungslos bis zum Plagiat

So arbeitet Voges etwa einmal an einem Bild, in dem eine Schauspielerin möglichst spannungsvoll einen Goethe-Text sprechen und ein als Duracell-Hase verkleideter Darsteller dazu im richtigen Moment hinstürzen soll: "Man spricht immer von Originalität, allein was will das sagen! (…) Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig." Ein zentraler Satz, denn auch die Wiederholung als Plagiat bzw. als gesampletes Zitat wird zum Thema. Voges und Kerlin wissen natürlich, dass sie bei ihren künstlerischen Mitteln hemmungslos bis zum Plagiat bei den jüngsten Theateravantgarden herumplündern: bei Vegard Vinges Berliner John Gabriel Borkman-Aufführung im Volksbühnen-Prater etwa oder bei Nicolas Stemann. Allein was will das sagen?

Die größte Gefahr der Aufführung ist, dass sie in ihrer ständigen Bestrebung, ihre eigenen Mittel und ihre Machart offenzulegen, in theatraler Selbstreferentialität versinkt. "Seht mal, wie wir das Theater brechen", ruft es uns dann entgegen, doch irgendwann sitzt man im schlimmsten Fall Theaterbrechmitteln gegenüber. Nackte, die über unseren Köpfen klettern und uns versichern, dass dies – klatsch' aufs Fleisch – echt ist, und Schaumstoffpuppen, die ausgiebig ihre Genitalien befingern, können schnell langweilig und zur künstlerischen Selbstbefriedigung werden. Dieser Gefahr entrinnen Voges und Kerlin auf Dauer leider nicht. Der starke Beginn aber, der riskante Ansatz und der Mut, an einem Stadttheater wie Dortmund so konsequent auf Experiment zu setzen, sind aller Ehren wert.

 

Das goldene Zeitalter. 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen
von Alexander Kerlin und Kay Voges
Regie: Kay Voges, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert, Komposition/Live-Musik: Tommy Finke, Video-Art/Live-Video: Daniel Hengst, Live-Sound: Mario Simon, Jan Voges, Dramaturgie/Live-Wording: Alexander Kerlin, Licht: Sibylle Stuck, Ton: Gertrfried Lammersdorf, Andreas Sülberg, Backstage-Kamera: David Wesemann.
Mit: Björn Gabriel, Caroline Hanke, Carlos Lobo, Eva Verena Müller, Uwe Schmieder, Merle Wasmuth.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, keine Pause

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