Suche nach dem Resetknopf

von Georg Kasch

Früher funktionierten Selbstdefinitionen bestenfalls so: Ich denke, also bin ich. Heute ist die Sache zugleich komplizierter und einfacher geworden: "Ich tanze – ich – ich bin – ich tanze", sagt Michelle in der zentralen Szene des Stücks. Und Conny, der lange als eine Art unsichtbarer Chronist durchs Stück geistert, beobachtet: "Tanzen, tanzen in diesem Club, für den ihr euer gutes Geld, das gute Geld, das ihr nach Hause schafft, das Geld gezahlt habt, um hier zu tanzen, euch hier zu finden und zu lieben" – der körperliche Rausch als letzte Selbsterfahrungsbastion und dennoch Teil der alltäglich kapitalistischen Verwertungskette.

Zentral ist die Szene nicht nur durch ihre Position in der Mitte des Stücks, sondern auch, weil sie ihm den Titel gibt. In "Tanzen! Tanzen!" versammelt Daniel Foerster sechs Zögerer, Lebensfremde, Soziophobe, alle nah am Absturz gebaut. Sie scheitern auf den verschiedensten Ebenen, an sich und an den anderen. Es sind Charakterskizzen, deren Wege sich im "Short Cuts“-Prinzip kreuzen. Zum Beispiel in besagter neunten Szene, die "Club" heißt. Da sind Frank und Michelle, sie Mitte 20, er Mitte 30, nur scheinbar das ideale Paar, als das sie sich verbal feiern. Anwesend ist auch Nassim, der Busfahrer mit Waschbrettbauch und einem Abschluss in Medizin, der in Deutschland "nichts zählt". Mit ihm war Michelle zuvor im Bett: Während die beiden ihre "Arbeit an der Liebe" vollzogen, saß Frank hinterm transparenten Spiegel mit Pizza und Bier und "kurbelt mit geübtem Handgriff seinen besten Geschäftspartner auf Maximalstellung".

Rotierendes Gedankenkarussell

"Ich liebe dich, sagt Frank, wenn ich dich nicht haben kann", sagt Frank – und in dieser Konstruktion steckt nicht nur eine der vielen kleinen, unauffälligen Gegenwartsanalysen, sondern auch das Erzählprinzip von "Tanzen! Tanzen!". Die Figuren sprechen meist in der dritten Person von sich, erzählen und beschreiben mehr, als dass sie handeln. Wenn sie miteinander reden, dann hat das nur bedingt mit dem zu tun, was sie denken und fühlen. Es ist der (verlogene) Versuch, sich gemeinsam zu konstituieren (als Paar zum Beispiel); oft geht das Gedachte und Gesagte derart durcheinander, das eine klare Trennung unmöglich ist.

Dieses indirekte Sprechen, dieser große Narrativ markiert ebenso die Distanz der späteren Darsteller zur Rolle als auch der Charaktere zu sich selbst. Sie stecken in einer Dauerselbstanalyse fest, was zu ihrer inneren Zersplittertheit beiträgt. Sie sind sie selbst und zugleich außer sich. "Alle reflektieren sich zu Tode", sagt Foerster über seine Figuren. "Ihr Gedankenkarussell lähmt sie, nicht die Reaktionen der anderen Menschen."

Lust an Zuspitzungen

Foerster ist Theaterpraktiker. Er studiert Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und arbeitete bislang vor allem mit Jugendtheatergruppen zusammen. "Tanzen! Tanzen!" ist das erste Stück, das nicht für eine konkrete Aufführung entstand. Die Uraufführung will er nicht selbst inszenieren: "Ich finde es fruchtbar, wenn jemand Fremdes eine andere Fantasieebene einzieht. Das Risiko, dass das dann vollkommen anders wird, als ich mir das vorstelle, würde ich eingehen."

Formal und sprachlich ist "Tanzen! Tanzen!“ stark von Elfriede Jelinek und Dea Loher beeinflusst. Lohers "Unschuld" in Göttingen war nach vielen Jugendtheaterstücken Foersters Urerlebnis zeitgenössischen Theaters, "der erste Ton aus einer anderen Welt, die mich total begeistert hat".

Die panoramatische Eingangsszene liest sich denn auch als Hommage an Lohers "Das letzte Feuer": Alle Figuren treffen hier aufeinander, oder besser: gleiten aneinander vorbei, während sich die aufbauende Spannung in einem tödlichen Unfall entlädt. Ein Kind stirbt – ein Katastrophen-Klimax, der erstaunlich folgenlos bleibt. Foersters Lust an Zuspitzungen zeigen sich in der Sprache, die er über Kalauer und Manierismen schon mal an den Rand des Strapazierfähigen treibt. Und in den Charakteren. Am extremsten vielleicht bei Tamara, Ende 20, die sich immer und immer wieder die Pulsadern aufschneidet, um sich vom mütterlichen Rettungssystem auffangen zu lassen. Eine Sozialschmarotzerin, deren Selbstmordversuche ihre Sinnsuche sind, eine Art Ersatzreligion, der sie ihr Blut opfert, ein Vollzug, der die innere Leere stopfen soll.

Heimliche Sehnsüchte

Ihre Suche nach einem menschlichen Resetknopf bleibt vergeblich, ist aber ein weiteres Indiz für die vollkommene Entfremdung, aus der nicht mal die Liebe helfen kann. Denn als Henk, der als Nachtwache aus dem Altenheim ein etwas merkwürdiges Verhältnis zu seinen Schutzbefohlenen pflegt, sich ihr nähert, geht das nur kurz gut. Sie verweigert die Kommunikation, flüstert, für ihn unhörbar: "Wir werden uns nicht lieben, weil wir Menschen sind, um die die Liebe einen großen Bogen macht, als hätten wir ein Schild an der Tür – Liebe lieben wir hier nicht."

Henk kommt das übrigens ziemlich entgegen, er braucht die Distanz: "Ich mag es lieber, wenn ich davon träumen kann." Auch aus Selbstschutz, wie die Szene auf dem Spielplatz beweist, wo er offensichtlich wegen seiner Sehnsucht nach einem Jungen auf der Schaukel herumsitzt. Sicher ist das allerdings nicht, weil man alles über ihn nur vom Chor der Beobachter erfährt, einer geifernden, mutmaßenden Masse, die die öffentliche Hinrichtung mitleidlos vollzieht, ohne das etwas geschehen wäre – ein faszinierender Moment, der erschreckend an die Hysterie der Vorverurteilung etwa im Fall Edathy erinnert, obwohl das Stück weitaus früher entstanden ist.

Summe aller Teile

Was genau (oder ob überhaupt etwas) geschieht in "Tanzen! Tanzen!", bleibt oft genug unklar und der Entscheidung der Regie überlassen. Die Katastrophe findet nicht statt – oder keine anhaltende Resonanz, wie der Unfall der Eingangsszene zeigt. Wie sehr auch die Zeichen rufen "Du musst dein Leben ändern", wie sehr auch die Sehnsucht nach einem anderen Leben durchs Stück geistert – die Protagonisten bleiben davon letztlich unberührt. "Tanzen! Tanzen!" bleibt ein Kunst-Stück, das ziemlich extremen Vertretern der Gegenwart folgt. Dennoch schwingt es in der Summe seiner vielen Schmerzpunkte und genauen Beobachtungen zu einer ziemlich bitteren Gegenwartsanalyse auf: ein Tanz auf dem Vulkan, deren Tänzer eine Eruption vermutlich nicht einmal bemerken würden.

 

 

Lesung von “Tanzen! Tanzen!" am ersten Tag des Autorenwettbewerbs, Samstag 3. Mai, um 12 Uhr im Alten Saal.