Heidelberger Autorenpreis 2014 – ein Resümee der sieben Wettbewerbs-Stücke

Vision einer neuen Theaterform

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 4. Mai 2014. Vielleicht ist dieser Preis einfach nur konsequent. Im Rahmenprogramm und auch im Jugendstücke-Wettbewerb hatte der diesjährige Heidelberger Stückemarkt ja bereits viele Aufführungen vorgestellt, in denen sich der Begriff der Autorschaft gegenüber dem klassischen Bild des isolierten Schreibtischtäters unter veränderten Bedingungen zeigte: von gemeinsam mit einem Ensemble erarbeiteten Stückentwicklungen (Black Box Schule von Oliver Frljic etwa oder Yael Ronens grandioses "Niemandsland") bis hin zu performativen Setzungen, in denen die Autorschaft verschwimmt (Animal Farm von Showcase Beat le Mot oder das Dortmunder Gastspiel Das goldene Zeitalter).

Wenn nun im Autorenwettbewerb, in dem nach wie vor das tradierte Dramatikermodell gewissermaßen a priori seine fröhlichen Urstand feiert, ausgerechnet jener Autor den Hauptpreis davonträgt, der in den letzten Monaten mit am vehementesten der Abschaffung dieses Modells das Wort geredet hat, dann hat das seine Folgerichtigkeit. Ulf Schmidt, der auf Twitter und in seinem Blog als @postdramatiker agiert, hat in einem vielbeachteten Artikel kollektive Schreibprozesse am Theater gefordert und für einen Writers' Room nach Vorbild der großen TV-Serien plädiert. Ironischerweise ist Ulf Schmidt allerdings selbst bei dem nun preisgekrönten Stück Der Marienthaler Dachs als klassischer Einzelautor unterwegs gewesen.

"Der Marienthaler Dachs" wäre aber tatsächlich auch als Kollektivarbeit denkbar: Denn es ist ein Stück, das gleichzeitig mehrere Stränge und Schauplätze etabliert, zwischen denen sich das frei im Raum umherschweifende Publikum einer zukünftigen Inszenierung zu entscheiden haben wird. Es spräche nichts dagegen, dass hier verschiedene Stränge auch von verschiedenen Schreibern (wie Ulf Schmidt Autoren in kollaborativen Prozessen nennt) hätten gestaltet werden können. Im Grunde könnte sogar jetzt noch irgendjemand einen Strang hinzuschreiben – wer sagt, dass der "Dachs" schon abgeschlossen ist? PreisverleihungReschke 250 Florian Merdes uVerlegerin Annette Reschke nimmt den Preis
stellvertretend in Empfang © Florian Merdes
Die Jury jedenfalls hat sich mit Schmidts in mehreren Spalten notiertem Text für die Vision einer neuen Theaterform entschieden und – mit den schwierig zu timenden Parallelaktionen – für den Alptraum eines jeden Regisseurs. Einen derart kühn gedachten Entwurf zu fördern, ist aller Ehren wert. Leise Zweifel aber dürfen angemeldet werden, ob der "Marienthaler Dachs" wirklich das "große literarische Werk" ist, von dem Schmidts Lektorin Annette Reschke sprach (die den Preis stellvertretend für den abwesenden Autor entgegennahm). In manchen Kalauer-Kaskaden haftet dem Stück durchaus noch Ungelenkes an, und ob es das Interesse eines Publikums auch jenseits seiner spektakulären Anlage über einen längeren Zeitraum inhaltlich zu fesseln weiß, wird sich erst zeigen müssen.

Andere Favoriten, treffsicherer Witz

Wäre es in erster Linie nach sprachlich-literarischer Qualität gegangen, hätte es sicherlich noch andere Kandidaten gegeben; einige schienen den im Vorfeld munter spekulierenden, notorisch gut informierten Expertenkreisen gar preiswürdiger zu sein. Allen voran wäre da Das Tierreich von Nolte Decar zu nennen, ein – wie auch der "Dachs" – ungemein personalintensives Stück, das die Poesie eines Schulferiensommers in einer Kleinstadt mit lässigem Anspielungsreichtum und einem geradezu unverschämt treffsicheren Witz verbindet. Wäre der Publikumspreis nicht nach Finnland entführt worden, hätte ihn "Das Tierreich" mit Sicherheit abgeräumt. Da es ein Stück ist, das auf geradezu wunderbare Weise die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenentheater hinfällig macht, wird es freilich auch ohne Preis seinen Weg gehen. Kurioserweise ist übrigens beim "Tierreich" Ulf Schmidts Idee eines Writers' Room in nuce bereits Realität geworden: Hinter "Nolte Decar" verbirgt sich das Autoren-Duo Jakob Nolte und Michel Decar, das sich allerdings bei seinem klein-kollektiven Schreibprozess nur höchst ungern in die Karten schauen lässt.

Der andere, eher stille Favorit, der sich aufdrängte, war Magdalena Schrefels die Bergung der Landschaft, eine faszinierend verrätselte Allegorie, die überdies mit der wohl eigenständigsten Sprache des Wettbewerb-Tableaus aufwartete. Vielleicht aber war es – wie auch Matthias Naumanns ins Heute fortgeschriebene Lehrstück in Brecht-Manier Die Reise, wie Juliane Stadelmanns Genremix Noch ein Lied vom Tod oder David Lindemanns Küchen- und Krisen-Farce Butcher's Block – der Jury am Ende doch etwas zu klein dimensioniert.

Letzteres ist Tanzen! Tanzen! von Daniel Foerster ganz sicher nicht, es ist ein durchaus umfangreicher Reigen von sechs Figuren, die durch das partygesättigte Leben einer Großstadt taumeln. Eigens für diesen Text hat die Jury noch einen vorher nicht geplanten "Nachwuchspreis" ins Leben gerufen, den zu stiften sich spontan der Freundeskreis des Theaters Heidelberg bereit erklärte (eigentlich 1.000 EUR – da auf der Urkunde jedoch fälschlich 2.500 EUR eingetragen waren, versprach Intendant Holger Schultze, auch für diese Differenz noch einzuspringen: "Wir kriegen das hin!"). Es ist die wohl merkwürdigste Entscheidung der Jury: Zwingend wirkt diese Auszeichnung nicht. Denn bei aller atmosphärischen Dichte ist "Tanzen! Tanzen!" auch ein durchaus typisches, nach Art von "short cuts" gestricktes Schreibschulen-Produkt. Ohne Zweifel lässt es Begabung erkennen. Wenn es denn aber partout ein zweiter Preis hat sein sollen, dann hätte es eigenwilligere Texte im Angebot gegeben.

 

Zur Meldung der Preise 2014 und deren Jurybegründungen

Mehr über die weiteren Preise in einem Resümee von André Mumot

 

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