lupus in fabula – Die Eröffnung des Stückemarkts erzählt mit Henriette Dushe anrührend vom Warten aufs Sterben

Der Tod ist eine blöde Sau

von André Mumot

Heidelberg, 25. April 2014. Wenn es ganz schlimm wird, vielleicht hilft dann ja das Spielen. Der Stückemarkt jedenfalls möchte in diesem Jahr damit beginnen, vom Trost des Theaters zu erzählen. Damit, dass ein Vorhang vor die Realität gezogen wird, in der es eigentlich ums Sterben geht, um Magensonden und Morphiumspritzen. Damit, dass auf diesen Vorhang mit Hilfe eines Tageslichtprojektors gezeichnete Landschaften geworfen werden, in denen sich drei Schwestern Badeseen vorstellen und Hasen und Birken und in denen sie selbst zu Schattenrissen und Spielfiguren werden.

Es ist auch derselbe Vorhang, den "Die Mittlere" (Lisa Förster) gegen Ende, als ihr klar wird, dass es keine Hoffnung mehr gibt für ihren sterbenden Vater, aufwickelt und an sich drückt wie einen Körper. Sie zerrt und zerrt an dem dunklen Stoff, bis er von der Decke reißt und auf sie niederstürzt und sie sich ganz verfängt in ihm und ihrem Schmerz. Das ist ein Moment, an dem man ins Schlucken kommt, weil das Theater es schafft, sehr künstlich zu sein und trotzdem etwas artikuliert, das sich kaum in Worte fassen lässt.

Kindheitsmuster und körperlicher Verfall

Aber gerade darum geht es natürlich beim Stückemarkt, ums Wortefinden, und mit "lupus in fabula", dem Siegerstück des letzten Jahrgangs, hat Henriette Dushe diesbezüglich eine bemerkenswerte Gratwanderung zustande gebracht: Nicht ohne Grund brechen ihre Figuren so oft mitten im Satz ab. Und versuchen sie es doch einmal mit hochtrabenden Definitionen, um dem Lebensende beizukommen, verfangen sie sich in Phraseneinfalt, schütteln den Kopf und stellen schlicht fest: "Der Tod ist eine blöde Sau".Lupus3 700 Florian Merdes uDie drei Schwestern der Henriette Dushe: Maria Munkert, Lisa Förster, Hanna Eichel © Florian Merdes

Es passiert nicht viel, fast nichts im Grunde: Drei Schwestern treffen einander am Sterbebett des siechen, unansprechbaren Vaters, erinnern sich, berichten, fallen in alte Kindheitsmuster zurück, versuchen eine Haltung gegenüber der unerträglichen Situation zu entwickeln. Was das Stück dabei auszeichnet, ist die leichtfüßige Flexibilität, mit der es zwischen der großen Verzweiflung und dem Banalen, der anschaulichen Beschreibung des körperlichen Verfalls und dem abgeklärt hingeworfenen Sarkasmus hin- und herwechselt, sich von den ausgestellten Theaterellipsen hinüberrettet zum unprätentiösen Sprechen über Ausscheidungen, Sterbehilfe und Angst.

Brutal-zärtliches Ballett

Um dieses zittrige Auf und Ab wenigstens ansatzweise mitfühlbar zu machen, dirigiert Regisseur Alexander Nerlich mit Maria Munkert, Lisa Förster und Hanna Eichel drei hoch gespannte, dünnhäutige Darstellerinnen durch einen schummrig kahlen Erinnerungsraum, in dem fast alles schon in Kisten verpackt ist und nichts den heftigen Gemüts- und Ausdruckssprüngen im Wege steht. Da wird gealbert und geschrien, gesungen und getanzt, gerungen und geweint, manchmal auch zu laut und aufgedreht und atemlos – eben in die Kunst, ins Theater hinein, was Längen erzeugt, die ungeduldig machen.

Doch dann sampelt das Trio der Gebeutelten den Atem des Todkranken live mit einem tonlos aufgezogenen Akkordeon, und das mühselige Umbetten des Vaters, den immer eine der Darstellerinnen abwechselnd verkörpert, ereignet sich als brutal-zärtliches Ballett, während draußen, sehr passend, am Heidelberger Himmel der Donner rumort. Kitsch und Schmerz und Wut und allerhand glaubhaftes Gefühl greifen ineinander, und so erzählt dieser Auftakt-Abend eben weniger von der Unfassbarkeit des Sterbens, als von der Sehnsucht nach einem Wortefinden und Nachspielen, das uns partout Schönheit und Ordnung vortäuschen will. Und ist der Theatertrost auch flüchtig und durchschaubar, bloß Schnee aus Federn, der zum Schluss über einen Ventilator geworfen wird – gespürt hat man ihn doch.

 

lupus in fabula
von Henriette Dushe
Uraufführung
Regie: Alexander Nerlich, Bühne und Kostüm: Stefan Mayer, Musik: Malte Preuß; Dramaturgie: Lene Grösch.
Mit: Hanna Eichel, Lisa Förster, Maria Munkert.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

 

Zum Stückporträt von lupus in fabula aus dem Vorjahr

 

 

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