Edelweißpiraten – Christopher Haningers Jungsbanden-Inszenierung über Spaß und Ernst des Widerstands im Dritten Reich

Schlittern in den Widerstand

von Simone Kaempf

29. April 2015. Hat man im Vorwege der Kinder- und Jugendtheater-Gastspiele gedacht, dass die Inszenierungen diesmal konventioneller ausfallen, erzählerisch geschlossener, belehrt einen "Edelweißpiraten" vom Kölner Comedia Theater eines Besseren. Konventionell muss nicht gleich erwartbar, realistisch oder unterkomplex sein. Nicht, wenn die Frage, wer im Theater eigentlich wen repräsentiert, so radikal gelöst wird wie von Regisseur Christopher Haninger.

Jugendliches Underground-Feeling

Mit fünf Schauspielern jenseits der Fünfzig und Sechzig hat er die Jungsrollen in seiner Inszenierung frei nach dem Roman von Dirk Reinhardt besetzt: Heranwachsende einer Jungendbande im Dritten Reich, die sich mit Gestapo, SS und Blockwarten Prügeleien liefert. Aber auch erste Küsse erlebt, lebensreformbewegt auf Ausflüge in die Natur zieht und mehr zufällig aus Kräfteüberschuss in den Widerstand schlittert. Statt "Fucking Braun wie die vielen grauen Mäuse" handeln die Jungs in der Gang ungezwungen, sind "laut, albern herum und haben Spaß", ziemlich attraktiv für Gerle und Tom, zwei Jungs aus dem Arbeiterviertel, die sich dem Kreis um den Anführer Flint anschließen.

Edelweisspiraten1 700 MEYER ORIGINALS uDie "Edelweißpiraten": Klaus Prangenberg, Klaus Wildermuth, Thomas Fehlen, Adrian Ils, Klaus Schweizer ©MEYER ORIGINALS

Auf zeitloses jugendliches Underground-Feeling statt auf politische Aufklärung baut Haningers Inszenierung. Und auf Musik. Was eigentlich bei späteren Generationen als Wiege des Protests diente, funktioniert auch bei diesem Stoff über antifaschistischen Widerstand. Die Schauspieler betreten anfangs mit E-Gitarre und Bass die Bühne im Stile der halbstarken Beat Generation. Ihre hochgekrempelten Hosen suggerieren 40er-Jahre-Stimmung, doch hebt sich die Inszenierung über jede Zeitverortung und erzeugt Allgemeingültigkeit. Das ist hier die schöne Leistung der älteren Schauspieler: beim körperlichen Agieren den Text leicht durch sich hindurch zu sprechen, nicht jugendlich zu tun, aber auch die Distinktion erwachsener Überlebender nur anzuticken. Sich nicht ernsthaft zu prügeln auf der Bühne, aber das rohe Körperliche der Ereignisse mitzuerzählen. In die Falle falscher Anbiederung an Jargons oder Verhaltensweisen tappt hier niemand.

Spielerischer Abenteuer-Charakter

Chorisches und episches Erzählen wechseln sich ab. Schrammelige Gitarrenklänge brechen immer wieder die Chronologie auf: Bombennächte, Flugblätterabwurf, Verhör im Gestapo-Keller entwickeln sich entlang der realen Ereignisse von 1941 bis ins Frühjahr 1945. Die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung oder das gescheiterter Hitler-Attentat streut die Inszenierung wie nebenbei ein und behält ihren spielerischen Abenteuer-Charakter bis zum Schluss. Das geht zwar zu Lasten der Spannungskurve, die Gefahren der letzten Kriegstage verlieren sich aus dem Blick. Dennoch überzeugt "Edelweißpiraten" als gewagte und schlüssige Erzählung, wie sich ein Freundeskreis sein Freiheitsgefühl inmitten eines Zwangsregimes bewahrt - und wie die Besetzung mit dreimal so alten Schauspielern im Jugendtheater ein Gewinn sein kann.

 

Edelweißpiraten
von Dirk Reinhardt in der Theaterfassung von Christopher Haninger
Regie: Christopher Haninger, Ausstattung: Brigit Kofmel, Dramaturgie: Hannah Biedermann, Musik: Adrian Ils.
Mit: Thomas Fehlen, Adrian Ils, Klaus Prangenberg, Klaus Schweizer, Klaus Wildermuth.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.comedia-koeln.de

 

Zum Essay über die Jugendstücke


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