Die Erfindung der Sklaverei – Christiane Kalss entwirft eine bodenlos schwarzhumorige Anti-Idylle

Die Ära Gernot

von Elena Philipp

April 2016. "Ein idyllisches Fleckchen Erde": Mit diesem Motto möchte die Gemeinde für sich werben. Findet Heidrun als engagierte Bürgerin gut. Aber klingen Fleck und Erde nicht etwas zu sehr nach Schmutz und Dreck? Der Fremdenverkehr wirkt plötzlich anrüchig, und schon klingt auch Tourismus verdächtig nach Terrorismus. Mit diesem Einstieg hat Christiane Kalss die Fallhöhe ihres Theatertextes "Die Erfindung der Sklaverei" definiert – und es gleich in den ersten Sätzen als ein Stück zur Stunde etabliert.

Zwei Menschen mit Fluchterfahrung erreichen die unspezifisch-mustermäßige Gemeinde. Der "Doktor" und "Die Andere", aka Humanressource und Fremdkörper. Dazugehören dürfen sie zwar nicht, Verwendung finden sie dennoch; Arbeit ist ihnen verboten, aber nichts spricht gegen freiwillige Tätigkeiten. Also schleppen sie bei Heidrun ungezwungen Kisten, weil sie in Heidruns Häuschen ja auch temporär untergebracht sind. Der Doktor darf sich in Heidruns "Hipstergeburtsklinik" ebenso engagieren wie in der unbesetzten Gemeindearztpraxis – rund um die Uhr selbstverständlich, als dankbares "Zeichen der Wärme, Offenheit und Liebe". "Es gibt nie zu viel zu tun, es gibt nur zu wenig Enthusiasmus", nicht wahr? Die Geflüchteten sind wirklich wahnsinnig willkommen.

Die gestörte Idylle

Kalss' Text ist schwarzhumorig bodenlos. Die Mustermänner der Gemeinde haben sämtlich Dreck am Stecken: Mitglieder der Funktionselite erleiden reihenweise bizarre Unfälle beim Besuch dienstbarer junger Damen. Heidruns Sohn Gernot ist eine personifizierte Diagnose mit hochfliegenden Plänen, die stets scheitern – gleichwohl wird er als Entrepreneur hofiert, um "die Idylle zu optimieren". Sich selbst optimotiviert dieser Narzisst mit allerhand neoliberal-banalen Sprüchen: "Manchmal da muss man einfach nur an sich glauben." Oder: "Alle können alles werden, was sie wollen." Stimmt in seinem Falle schließlich.

Gernots Pläne sind grotesk genug für die gestörte Idylle: Leuchtende Reitmeerschweinchen möchte er züchten, dann verfällt er darauf, per Drohne ein Flugzeug zu kapern. Dieses rechtswidrige "Projekt zur wirtschaftlichen Förderung der Region" wird bewilligt, denn Gernot verspricht dem Dorf die gewünschten Fachkräfte: "Einen Mathematiklehrer oder eine Mathematiklehrerin, aber lieber einen Lehrer. Zwei Kindergartenpädagoginnen, auf jeden Fall weiblich und nicht zu nah am Pensionsalter, 25 große, starke Männer für den Einsatz im Sicherheitsbereich, 35 sehr junge Frauen für den Einsatz im Unterhaltungsbereich und einen Pizzabäcker." Sexismus pur, Entführung nach dem Muster einer Essensorder.

Aberwitzige Versuchsanordnungen, leider plausibel

Die Moral von der Geschicht' ereilt die Autochthonen schneller und umfassender als ihnen vorstellbar: Wenn die Gastarbeit so vorzüglich funktioniert, warum das Modell nicht auf die Ansässigen anwenden? Gemeindeseits gedacht, getan – Gesetze hin- und hergebogen. Die Personalverfügung nimmt bizarre Züge an: Die Andere wird gezwungen, Gernot zu heiraten.

kalss vitaChristiane Kalss © privat Er ist jetzt der große Zampano, weil er sich (wie die Gemeinde) nicht mehr an Regeln hält. Um seiner vermeintlich Herr zu werden, überlässt man ihm sogar das Bürgermeisteramt. Danach ist Polen offen, wie schon ein gewisser A.H. wusste, Österreicher wie Christiane Kalss. Eine Drehung der Handlungsschraube später jedenfalls muss Gernots Mutter Heidrun mit Der Anderen den Arbeitsplatz tauschen und in der Nachbargemeinde als Prostituierte arbeiten. Zwangsgeheiratet die Gattin, die Mutter Hure: das ist "Die Ära Gernot" oder "Die Erfindung der Sklaverei". Demokratie ade und adieu Menschenrechte.

Mit aberwitzig scheinenden, hinterrücks plausiblen Versuchsanordnungen experimentiert die Autorin Christiane Kalss schon, seit sie 2008 begonnen hat, Theatertexte zu schreiben. Verortet sind ihre Gesellschaftsexperimente bevorzugt in geschlossenen, extrem begrenzten Räumen: einer Sporthalle, einer Marsstation oder einer zum Eislaufplatz umfunktionierten Wohnung. Dort entfaltet sich abgründig Allzumenschliches – Kalss ist sensibel für Dahergeredetes mit Subtext, scheinbar schnoddrig Oberflächliches und Floskelhaftes, das eigentlich Gemeintes nur notdürftig bemäntelt: Machtbestreben, gekränkte Eitelkeit, den Wunsch nach Nähe.

Komisches Desaster

In "die turnhalle", Kalss' neuestem und noch in Arbeit befindlichem Stück, ringen der "Hallenkönig" und "Elke-for-President" um Zuständigkeiten. Dabei geht es ihnen nicht um Gestaltungsspielraum, sondern um inhaltsfreie Machtbefugnisse: eine "neue Hallenordnung". – Die Figuren in der Eislauf-Wohnung hält ihre Furcht vor dem, was draußen wartet , "drinnen": Schuld, Pech, Beziehungslosigkeit. – Als Marskolonisatorin bewirbt sich Steffi nur deswegen, weil sie von der Liebe enttäuscht ist. Pionierin und doch "der letzte mensch auf dem mars" ist sie, weil sich die Politik "kurzfristig gegen die Langfristigkeit entschieden" hat und ihre zwei Mitmarsianer kurz nach Ankunft Darwin Award-würdig aus dem Genpool ausgeschieden sind. Nichts liegt hier ferner als technikeuphorisches Blockbuster-Survival, Steffi macht sich lieber Gedanken, ob Vorhänge bei geringerer Schwerkraft schön fallen – womit sie ein gelungenes Beispiel beschränkten Bewusstsein ist. Es ist ein Desaster bei Christiane Kalss, aber nicht selten ein komisches.

Für "drinnen" erhielt die Autorin 2009 den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena. In Österreich hat sie das Feld gut dotierter Schreibstipendien abgegrast, als Absolventin von uni-T etliche Schreibwerkstatterfahrungen gesammelt. Auch für "Die Erfindung der Sklaverei" hat sie professionelle Strukturen genutzt und das Stück am uni-T mit einer Workshopgruppe besprochen und weiterentwickelt. Dabei war der Titel dem Stück vorgängig, ihn trug Kalss schon länger mit sich herum, bis sich Weihnachten 2014 ein Inhalt ergab: Neben dem Haus ihrer Mutter in der Steiermark hatte eine Flüchtlingsunterkunft eröffnet. Weihnachten im ursprünglichen Sinne, wie sie sagt – ein guter Anlass für das Erdenken einer mahnenden Anti-Idylle.

 

 

Lesung von "Die Erfindung der Sklaverei" am ersten Tag des Autorenwettbewerbs, 30. April, 12.30 Uhr, im Alten Saal

 

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