Über meine Leiche – Bei Stefan Hornbach beginnt mit einem Krebsgeschwür das Spiel des Lebens

"Schubs mich, ich bin dein Tumor!"

von Janis El-Bira

April 2016. Wer dem Autor Stefan Hornbach in den sozialen Medien folgt, wird ins Wurzelwerk des Alltags gesogen. Auf Hornbachs Twitter-Account herrscht fast täglich Hochbetrieb, reihen sich zahllose Links und Hashtags in leuchtendem Lila. Einen thematischen Schwerpunkt sucht man vergebens. Es geht viel, ja sehr viel ums Fernsehen, um Maybrit Illner, "Hart aber Fair", den "Tatort" und die RTL-Nachrichten, man liest Beobachtungen aus Bus und Bahn, vom Supermarkteinkauf, findet aufgeschnappte Gesprächsfetzen von der Straße und erfährt, dass der Autor in Osnabrück ein Schaumkussbrötchen zu sich nimmt. Die volle Twitter-Dröhnung eben, so banal wie das Leben, ungeschlacht und beäugt durch eine moderate Öffentlichkeit in Gestalt von 200 Followern. Nur beiläufig leuchtet da mal auf, dass der 1986 geborene Hornbach ein Schreibender ist, ein Schauspieler zudem. Meistens liest man dann: Preis gewonnen, Festivaleinladung erhalten, Verlag gefunden. Doch auch das wird abgenickt, weitergereicht und mitgespült.

Vielleicht muss man derart am und vor allem im Leben hängen, um ein Stück wie "Über meine Leiche" zu schreiben. Denn Hornbachs Text, der schon beim letztjährigen Osnabrücker Dramatikerpreis die höchsten Meriten eingestrichen hat, handelt vom genauen Gegenteil eines Lebens am Tropf des Twitter-Feeds. In "Über meine Leiche" wird der Moment eingekreist und ausgedehnt, in dem einer erfährt, dass es eben nicht immer einfach so weitergeht. Dass plötzlich ein Stoppschild in den Fluss des Alltäglichen gerammt wurde. "Sie haben da was!", sagen die Ärzte zu Friedrich. Etwas, das sich auf "Humor" reimt, ein Geschwür, eine Geschwulst, eine Wucherung. Jedenfalls sitzt es in der Nebenniere und ist, sagt ein Arzt, längst faustgroß.

Sterben als Chance, aber ...

Doch "Über meine Leiche" ist entgegen dieser Ausgangsprämissen gar kein Stück über den Tod, noch nicht einmal eines über das Sterben. Ausgerechnet parallel mit dem Tumor nämlich wächst hier das Leben, wird reicher, dichter, spinnt und träumt sich fort, weit über die unaufhaltsam verrinnende Zeit hinaus, die diesem Friedrich noch bleibt. Für ihn, den Träumer, der als Junge Allergien hatte, "nicht so recht wachsen und gedeihen und sich entwickeln" wollte, der keine Lust auf Fußball hatte, kurz: bei dem nie so ganz klar war, ob aus Fritzchen nochmal Friedrich werden würde, für den ist dieser Tumor fast eine Art Neubeginn.

"Sterben als Chance" ist ein Abschnitt des Textes übertitelt und doch läge man falsch, glaubte man deshalb, Stefan Hornbach habe hier eine Art Erbauungsdramatik geschrieben. Sein Stück läuft nicht auf die billige Romantisierung hinaus, dass die Welt vor allem lieben lernt, wer bald nicht mehr auf ihr ist. Friedrichs kleines Leben war immer eine widerspenstige, ausgesprochen tückische Angelegenheit. Mit dem Krebs wird es natürlich keinen Deut besser, aber wenigstens anders. Der Tumor zwingt Friedrich ins Sich-Verhalten, in die Auseinandersetzung.

... ohne Trost

Das betrifft nicht nur seine Krankheit, sondern die Menschen um ihn herum, das Leben an sich. Der Zorn über jene haarsträubende Ungerechtigkeit, die als Zellmutation unangekündigt die Nebenniere zersetzt, platzt dabei manchmal in wütenden Versalien aus dem häufig monologischen Textfluss: "FRISS MICH FRISS FRISS FRISS MICH DOCH DU SCHEISSTUMORBANDE", endet Friedrichs Versuch, sich mit esoterischen Mantras den Krebs aus dem Leib zu meditieren: "FRISS MICH DOCH AUF UND VERRECK DRAN ODER ICH." Während anderswo der weißbekittelte "Ärztechor" und eine "Psychoonkeltante" noch behaupten, die Krankheit mit Skalpell und Tiefenpsychologie einkesseln zu können, schreit hier einer, den das Elend längst gläserne Klarheit lehrt. Seidenweich auf sein momentanes "Gefühl" angesprochen, lässt Hornbach seine Hauptfigur kurz mit einer fast an Sarah Kane oder Elfriede Jelinek erinnernden Brutalität reagieren: "Ich kenne jetzt das Gefühl, ein kugelschreiberdickes Ding in den Beckenknochen gebohrt zu bekommen um mein Knochenmark anzuzapfen."

In diesem Sinn hat Hornbachs Stück tatsächlich sehr wenig mit Trost zu tun, wohl aber mit einem Lern- und traurig-schönen Emanzipationsprozess. Dafür wird in "Über meine Leiche" eine Figur angelegt, die so ganz und gar anders ist als Friedrich. Jana heißt sie, ist zornig, immer lakonisch und ziemlich obszön. Für Friedrich war sie einst die erste große Jugendliebe. Aber: "Jana will nicht. Gar nichts. Jana hat keine Lust." Das bezieht sich nicht allein auf den schwächlichen Friedrich, den sie noch im Erwachsenenalter stichelnd "Fritzchen" nennt, sondern auf alles.

Das gähnende Leben

Jana ist müde, grundsätzlich. Sie leidet, wollte man ihr mit Kierkegaard zu Leibe rücken, an der Krankheit zum Tode, Diagnose unheilbar. Dabei steigt ihr Weltekel mit dem rasenden Tempo, in dem sie das Leben aufsaugt: "Mit 14 gibt sie das Rauchen auf, weil es sie langweilt", heißt es am Anfang. Und weiter: "Lebensmüdigkeit macht sich breit und immer breiter und auch in der nächstgelegenen Stadt, wo es andere Jungs gibt und Männer, mit schnellen Autos und Klappmessern, wo man sich mehr oder weniger gefährliche Substanzen in die Kehle kippt und durch die Nase zieht, wo es Frauen gibt, die schöner sind als Jana, wo es lauter ist, da wird sie bloß noch müder, als könnte sie ihr restliches Leben nur noch gähnen, bis es dann irgendwann endlich einmal vorbei ist."

Sie wartet bloß auf das Ende, den Tod, das "Atemberaubendste, was dir überhaupt passieren kann", wie sie einmal sagt. Jana verschwindet als Jugendliche, sie fehlt. Ausgerechnet sie ist es nun, die mit Friedrich einen Pakt, ein wechselseitiges Lehrverhältnis eingeht, als sie zum Zeitpunkt seines Krankwerdens unvermittelt, einem Gespenst gleich, wieder in seinem Leben auftaucht. Ihr Angebot lautet: "Ich zeige dir, wie man lebt. Und du zeigst mir dann, wie man nicht mehr lebt. Geht das?"

Spiel des Lebens, Spiel des Sterbens

Aus der Asymmetrie dieses Verhältnisses zwischen Janas lebenssatter Todessehnsucht und Friedrichs verglimmendem Lebensdrang entwickelt "Über meine Leiche" seine Dynamik und dringt dabei, nach verschachtelten Textfeldern zu Beginn, auch immer mehr ins beinahe klassische Zwiegespräch vor. Zwei Figuren, unbeholfen Liebende natürlich, die nicht sich selbst, vielleicht aber einander retten können. Stefan Hornbach verschränkt Drastisches und Sanftes, wenn Jana sich schließlich daran macht, Friedrich während einer fast schamanischen Beschwörung der Orte und Artefakte ihrer gemeinsamen Kindheit zu "heilen". Irgendwann wird klar: Friedrichs Krebsgeschwür, das sind auch (oder gar nur?) die Fesseln der Vergangenheit, die Demütigungen, unverwundenen Rückschläge und unerwiderten Lieben, es ist das Gespenst aus einer anderen, verlorenen Zeit, das ihn nicht los-, sondern bloß immer heftiger vermissen lässt: Es ist Jana.

"Finale Befreiung" heißt einer der letzten Teile in diesem "Spiel des Lebens, Spiel des Sterbens". Was jedoch genau passiert im entscheidenden Moment, da das Herz Abschied nimmt und die Nebenniere vielleicht gesundet, wird in Hornbachs Text von einer Leerstelle verschluckt. An den Theatern ist es, sie zu füllen.

 

Lesung von "Über meine Leiche" am zweiten Tag des Autorenwettbewerbs, 1. Mai, 14 Uhr, im Alten Saal.

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