Autorentag 3 – Neue belgische Theaterstücke von Stijn Devillé, Abke Haring, Thomas Depryck, Alex Lorette

Sachbearbeiter? Aufs Maul!

von Cornelia Fiedler

Heidelberg, 7. Mai 2016. Es einfach eine Sprachgrenze zu nennen, hieße bagatellisieren. Das wallonische und das flämische Belgien sind zwei Welten. So gibt es etwa im Parlament in Brüssel nur eine einzige Fraktion, in der niederländisch- und französischsprachige Abgeordnete zusammenarbeiten, die der Grünen, berichtet zur Eröffnung des Gastland-Programms taz-Korrespondent Tobias Müller. Politisch entfernen sich beide Landesteile mit jeder Staatsreform weiter voneinander. Und die Kultur? Die tut sich hier auch nicht gerade als Meisterin des Brückenschlags hervor, gesteht Luk Van Den Dries. Er hat im Auftrag des Heidelberger Stückemarktes als Scout neue Stücke und Produktionen aus Belgien zusammengestellt. Im Publikumsgespräch erzählt er, dass er für die französischsprachigen Texte zwei Co-Scouts suchen musste. Als flämischer Dramaturg und Theaterwissenschaftler habe man nun einmal wenig Kontakt zum Theater des wallonischen Belgien.

Der Reservist

In der Auswahl für den Autorenwettbewerb spielt diese belgisch-belgische Frage keine Rolle, ebensowenig das Thema des "homegrown jihad" oder die Anschläge von Brüssel, die dafür in sämtlichen Reden und Grußworten zum Stückemarkt ritualhaft erwähnt wurden. Unpolitisch sind sie deswegen nicht. Der französischsprachige Autor Thomas Depryck beispielsweise, der bereits als Dramaturg bei Jean-Marie Piemmes Szenarien mitgewirkt hat, zerlegt in seinem Beitrag "Der Reservist" die Phrasen und Logikfehler kapitalistischer Sozialpolitik. Dafür schickt er einen jungen, dauerfluchenden Don Quijote auf Antiheldenreise durch eine Gesellschaft, die mehr Menschen zur Arbeit zwingt, als sie beschäftigen kann. Erst versucht er es mit Totalverweigerung, sprich Sofa, Saufen und Streit mit dem komischen grünen Affenwesen im Fernseher. Dann nimmt er einen Job bei einer Abrissfirma an, doch auf die Freude am Zerstören folgt der Muskelkater. Eine dahergelaufene "Anarchistenfresse" erklärt ihm auf dem Arbeitsamt die Logik kapitalistischer Wertschöpfung, die ein bestimmtes Kontingent an Arbeitslosen braucht, als Druckmittel gegen die Arbeitenden, als "Reservearmee". "Perfekt, sage ich mir ... nachdem es wirklich nichts für mich gibt, gehöre ich eben zur Reserve!" Dass das Amt da nicht mitspielt und es sich auch nicht als brillanteste Idee erweist, dem begriffsstutzigen Sachbearbeiter aufs Maul zu hauen, liegt auf der Hand. "Der Reservist" spart nicht an komischen Momenten und ist unverhohlen deutlich, bleibt aber gerade durch die große Naivität des Protagonisten insgesamt ziemlich brav.

Flou – Verschwommen

Der Kontrast könnte kaum größer sein, vom Deprycks Redefluss zu Abke Harings extrem konzentrierter und reduzierter Sprache in "Flou", auf Deutsch "Verschwommen". Die Autorin hat das Stück selbst für das Toneelhuis Antwerpen inszeniert, dabei jede Menge Text gestrichen und – auch in der hier vorgetragenen Stückfassung – durch Schweigen ersetzt: Schweigen, weil Worte nicht mehr funktionieren. Harings poetisch gemeiner Text reiht Schlaglichter aneinander, ein Paar, das unendlich zäh übers Einkaufen spricht, über ein Urlaubs-Sonderangebot, übers Essen-Bestellen – und dabei traurige Leere und Einsamkeit verbreitet. Dazwischen schieben sich Sexphantasien, -erinnerungen oder -geheimnisse und absurde Momente wie das großartige Quartett der Ärgernisse. "Er: Hast du für mich von den Eigenschaften die Intoleranz? (...) Sie: Hast du für mich von den Persönlichkeiten den Phlegmatiker?", und so weiter. Provokation, verzweifelte Versuche vom anderen wieder gesehen zu werden, entspannte Abgeklärtheit? Schwer zu sagen bei der Lesung eines Stückes, das zwar durch präzise, fiese Formulierungen beeindruckt, aber dennoch ganz wesentlich auf Stille und Choreographie setzt.

Leni und Susan

Mit "Leni und Susan" von Stijn Devillé und "Pikadon (Hiroshima)" von Alex Lorette sind zwei semi-dokumentarische Arbeiten im Wettbewerb vertreten. Devillé entwirft eine fiktive Begegnung zwischen Leni Riefenstahl und Susan Sontag. Sontag war es, die in ihrem Essay "Fascinating Fascism" vehement widersprach, als Riefenstahl versuchte, sich nach dem Ende des Nationalsozialismus als Künstlerin mit weißer Weste zu re-etablieren. Beide sind nun, im Jahr 1998, zum 75. Geburtstag des Time-Magazins eingeladen. Anfangs sind die Szenarien getrennt. Hier die unnachgiebige Denkerin Sontag, die schwer krank zurückblickt, die sich erinnert, wie sie immer schon vor allem begreifen, immer schon schreiben wollte. Wie sie 1993 während des Bosnienkrieges in Sarajevo Becketts "Warten auf Godot" inszeniert hat, "en attendant, waiting for, warten auf Clinton". Auf der anderen Seite die uralte, unerklärlich fitte Reichsparteitags-Filmerin, die selbst nachdem sie den Polenfeldzug filmisch begleitet und die Gräuel der Wehrmacht erlebt hat, ihre Karriere im NS-System weiter verfolgte. Devillé entwickelt aus Tagebüchern und Biographien eine Begegnung, die sich zumindest in den Köpfen beider durchaus so abgespielt haben könnte.

Pikadon (Hiroshima)

"Pikadon (Hiroshima)" von Alex Lorette verwebt das munter-dämliche Geplapper einer Touristengruppe, die nach Japan reist, mit Augenzeugenberichten zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945. Zu hören sind Menschen, die nur durch Zufall überlebten, weil sie gerade im Keller oder außerhalb der Stadt waren, als die Bombe fiel. Menschen, die alles und jeden verloren haben. Menschen, die nur noch wenige Stunden zu leben haben. Lorette kontrastiert deren Berichte mit chorischen Passagen, Gesprächen von Touristen, Gesprächen der Militärs, die den strategisch günstigsten Ort für die Bombe aussuchen. Der Text ist durchkomponiert und rhythmisiert wie ein Oratorium, eine nachdenkliche Erinnerung an einen Zivilisationsbruch, von dem jeder weiß, der für uns Europäer*innen heute aber etwas seltsam Irreales hat. Wie "Leni und Susan" ist "Pikadon (Hiroshima)" inhaltlich spannend, sauber recherchiert und in eine stringente künstlerische Form gegossen – mehr aber auch nicht.

Liegt es an der Auswahl, oder ist Belgien einfach nicht das Land für geschriebene Theatertexte? In der Praxis hat es diese Form ohnehin nicht wirklich nötig, angesichts seiner ungeheuren Vielfalt an klugen, eigenwilligen Performanceprojekten, siehe u.a. Der blinde Dichter.

 

Leni und Susan von Stijn Devillé
Aus dem Niederländischen von Uwe Dethier
Gelesen von: Nicole Averkamp, Christina Rubruck.
Einrichtung: Fabian Appelshäuser, Jürgen Popig

Verschwommen | Flou von Abke Haring
Deutsch von Monika The
Gelesen von: Steffen Gangloff, Nanette Waidmann.
Einrichtung: Khrystyna Zaliska, Viktoria Klawitter

Der Reservist | Le Réserviste von Thomas Depryck
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Gelesen von: Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Fabian Oehl.
Einrichtung: Sonja Winkel, Mélina Hégron, Andreas Weinmann

Pikadon (Hiroshima) | Pikâ Don (Hiroshima) von Alex Lorette
Aus dem Französischen von Silvia Berutti-Ronelt
Gelesen von: Nicole Averkamp, Sheila Eckhardt, Hans Fleischmann, Steffen Gangloff, Florian Mania, Hendrik Richter und Christina Rubruck.
Einrichtung Fabian Appelshäuser, Laura Guhl

 

Zum Essay über die belgische Theaterlandschaft

 

 

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