Gas – Tom Lanoyes Monolog der Mutter eines Attentäters, gespielt von Viviane De Muynck

Im Grab meines Sohnes

von Simone Kaempf

Heidelberg, 8. Mai 2016. "Ich dachte, es geht vorüber. Wie seine anderen Manien." Wie sein Wunsch, Zauberer zu werden zum Beispiel. Oder Wettkampfschwimmer, nachdem er Johnny Weissmüller in den Tarzan-Filmen sah. Aber es ging nicht vorbei, es wurde immer schlimmer. Und was sich hier jetzt aus Fetzen zusammensetzt, ist das Porträt einer Mutter, die ihren Sohn doppelt verloren hat: erst an den Dschihad, dann starb er im Kugelhagel nach seinem Giftgas-Attentat in einer U-Bahn-Station. "Gas" heißt dieser Monolog, mit dem der belgische Dramatiker Tom Lanoye die Wucht eines solchen Ereignisses einer einzelnen Figur aufbürdet: einer Mutter am Grab ihres Sohnes.

Mit "Gas" ragt ein starker Text aus den Stücken beim Gastland-Schwerpunkt heraus. Hatte man nach dem ersten Tag gedacht, dass in der flämischsprachigen Theaterszene der Text nur selten den dramatischen Impuls auslöst, wirkt Lanoye nun wie die große Ausnahme. Satz für Satz breitet sich eine sprachlich präzise mediale und familiäre Erklärungssuche aus, die Frage nach Schuld aufwirft und aufzeigt, wie die Geschicke des eigenen Fleisches und Blut plötzlich auf dem Prüfstand stehen.

Was hat sie falsch gemacht?

Geschrieben hat Lanoye den Text für die Schauspielerin Viviane De Muynck, Jahrgang 1946. Und es ist ihr Verdienst, diesen Text mit sparsamen Gesten und doch mit all den großen unheimlichen Fragen zum Leben zu bringen. Sie spricht ihn sachlich und klar, oft ein wenig ins Publikum gerichtet, als müsse dieses überzeugt werden. Und schon diese Sprechweise berührt über die persönliche Obsession hinaus den allgemeinen gesellschaftlichen Konflikt samt jener Fragen, die angesichts eines Attentats kollektiv bewegt: Wie konnte es so weit kommen?

Gas1 700 Fred Debrock uBußgang und Rechtfertigungsrede: Die große Viviane De Muynck in "Gas" © Fred Debrock

Eng verknüpft sich die typische Biographie einer westeuropäischen alleinerziehenden Mutter mit allgemeingültigen Motiven von Schuld, Verantwortung – und der Mutterliebe, in der die Zweifel keimen, auch ausgelöst vom äußeren Druck. Die Gesellschaft versagt und zieht stattdessen die Mutter zur Verantwortung. Der Geheimdienst will nichts gewusst haben, aber "alle verlangen von mir, dass ich es hätte besser machen sollen". Da hebt auch De Muynck ihre Stimme. Hat sie etwas falsch gemacht? Die Selbstsanktionierung reicht so weit, dass die Mutter sich befragt, ob sie ihr Kind nochmal zur Welt bringen würde und gestehen muss: "Ich weiß es nicht."

Unheimlicher Kontext

Rechtfertigungsrede, Plädoyer, Bußgang – alles steckt in "Gas", und De Munyck hält mit einfachsten Mitteln grandios die Schwebe zwischen den Deutungsebenen. Steht in einem Hosenanzug so uneitel wie monolithisch in einem grauen schlichten Raum, der seine Wirkung als Grabkammer voll entfaltet. Eine Mutter nicht am, sondern im Grab ihres Sohnes. Eine, die angesichts der fehlenden alternativen Antworten verurteilt dasteht. Das liegt maximal weit weg von einer aufgeklärten Rolle als Mutter, aber der Mechanismus dahin erscheint bei Lanoye erschreckend zwingend.Publikumsgespraech VivianeDeMuynckPublikumsgespräch mit Viviane De Muynck, links
Piet Arfeuille, rechts die Übersetzerin © sik

Eigentlich hat der Dramatiker das Stück als Auftragswerk für das Theater Malpertuis in Westflandern geschrieben, das damit im vergangenen Jahr an die Gas-Einsätze im Ersten Weltkrieg erinnerte. Das Gastspiel in Heidelberg ist die erste Vorstellung nach den Anschlägen in Brüssel, der neue Kontext des Stücks ist unheimlich, eine nahezu hellseherische Beschreibung einer nun realen Situation. Doch davon will Lanoye beim Publikumsgespräch in Heidelberg nichts wissen. Der Terror war absehbar und rückt schon seit längerem näher, erklärt er. Das vorherzusehen sei einfach gewesen. Daraus ein Stück zu entwickeln, dass die Mutter eines Attentäters wie eine lebende Zielscheibe ins Zentrum eines gesellschaftlichen Echoraums setzt, ist eine eigene Leistung. Wenn "Gas" beim Heidelberg auch keinen Preis gewinnen konnte: Großen Eindruck jedenfalls hat es hinterlassen.

 

 

Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter
von Tom Lanoye
Regie: Piet Arfeuille, Bühne: ruimtevaarders, Kostüm: Lieve Pynoo.
Mit: Viviane De Muynck.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.malpertuis.be

 

 

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