Theatermachen in Europa heute – Ein Gespräch über die belgische Theaterlandschaft

Together in diversity?

von Simone Kaempf

Heidelberg, 9. Mai 2016. Über belgisches Theater zu sprechen, bedeutet in diesen Tagen, wie automatisch auch auf die Brüsseler Anschläge vom 22. März zu kommen. Denn natürlich will man wissen, wie die Theater und die Theatermacher damit umgehen. Und vielleicht liegt die Antwort in dem, was auch in Paris symbolisch stattfand nach dem jüngsten Attentat: im Zusammenrücken und Zusammenwachsen.

Er habe überhaupt erst in Heidelberg gelernt, dass es eine belgische Theaterszene gibt – und nicht nur eine flämische und wallonische, sagt Gastland-Kurator Luk van den Dries zum Auftakt der Diskussion über die Theaterlandschaft. Was ironisch klingt, ist bitter ernst gemeint. Die Sprachgrenze sei ein tiefer Spalt zwischen den Theaterszenen, es gebe wenig Überschneidungen, und nur in Ausnahmen säßen Vertreter beider Szenen zusammen an einem Tisch. Das liege an den unterschiedlichen Theatertraditionen, glaubt van den Dries, möglicherweise auch an der Omnipräsenz der sogenannten Flämischen Welle.

Bastard culture

Als Befund klingt das jedoch sogar optimistisch. "Brüssel ist eine Stadt mit doppelten Strukturen und unklarer kultureller Identität", sagt der Theaterwissenschaftler Karel Vanhaesebrouck. Der Dramatiker Tom Lanoye bezeichnet das als "bastard culture", die fragmentarisch und multipel sei, und "wenn man das akzeptiert, ist das eine große Freiheit. Dann ist alles möglich."

Welche Auswirkungen die "bastard culture" hat, wurde in den vergangenen Tagen beim Stückemarkt immer wieder deutlich. Etwa auf die dezentrale Organisation von Brüssel: Allein sechs Bürgermeister hat die Stadt. Wie aber wirklich die Brücken geschlagen werden zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, wie und ob überhaupt die Theaterszenen sich verzahnen, steht auf einem anderen Blatt.

Tom Lanoye etwa wusste schon als Heranwachsender, dass er Theaterstücke schreiben will, beeinflusst von seiner Mutter, einer Amateurschauspielerin, die ihre Rollen zuhause übte. Die herausragenden flämischen Theatermacher flößten ihm eher Angst ein und schreckten anfangs ab, erzählt er. Etwas, womit junge flämische Theatermacher heute noch zu kämpfen haben, berichtet auch Vanhaesebrouck. Sich als junge Avantgarde zu präsentieren, sei schwierig, Die wallonische Theaterszene ist dagegen sehr stark institutionalisiert. Besonders schwierig sei es für Schauspieler zwischen den Sprachgrenzen zu switchen, weil die Art des Schauspielens sehr unterschiedlich sei.

Das Böse und Fremde

(Selbst-)kritisch scheint das nicht gesehen zu werden. Immer wieder ist auf dem Podium von den Chancen des "together in diversity" die Rede und von Brüssel als "Symbolstadt für ganz Europa", was fast wie eine Beschwörungsformel klingt. Logisch scheint es, dass die Theater nicht an vorderster Front vermitteln, nicht zwischen den Sprachgrenzen, aber auch nicht zu den Einwanderern gelangen, die jenseits des Brüsseler Zentrums in den Problemvierteln leben. Wobei die Flämische Shouwbourg fünf Jahre Lang in Moelenbeek eine Nebenspielstätte betrieb. "Das Projekt hätte mehr Zeit gebraucht", resümiert Karel Vanhaesebrouck, der als Theaterwissenschaftler in dem Gebäude sein Büro hat.

Über die Unterschiede zwischen dem belgischen und dem deutschen Theater kann man lernen, dass in jenem lieber über ästhetische Formen als über politische Inhalte debattiert wird. Zumindest bisher. Nein, eigentlich möge er kein explizit politisches Theater, gesteht denn auch Kurator van den Dries, diese Auseinandersetzung überlasse er lieber den Journalisten. "Aber natürlich müssen die Theater reagieren und versuchen, die Perspektiven zu ändern." Und wie das aussehen könnte, kitzelt Moderatorin Dorte Lena Eilers dann doch noch aus ihm heraus: "Gutes Theater konfrontiert uns mit Dingen, die wir nicht verstehen, auch mit dem Bösen und Fremden." Man denkt, dass das dann tatsächlich ein im guten Sinne europäisches Theater sein könnte.


Gespräch über die belgische Theaterlandschaft
Theatermachen in Europa heute
Mit: Sylvia Botella (Theaterkritikerin), Luk Van Den Dries (Gastland-Kurator), Miguel Decleire (Mitglied des Performance-Kollektivs (Transquinquennal), Tom Lanoye (Dramatiker) und Karel Vanhaesebrouck (Theaterwissenschaftler Université Libre de Bruxelles und Leiter der institutionsübergreifenden THEA Research Group).
Moderation: Dorte Lena Eilers (Theater der Zeit).

 

Zum Essay über die belgische Theaterlandschaft

 

 

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