Der blinde Dichter – Jan Lauwers & Needcompanys großartiger Abend über Herkunft, Identität und Stammbaum

Die Nachfahren der Kannibalen

von Simone Kaempf

Heidelberg, 7. Mai 2016. Woher stammt ein dramatischer Impuls? Was löst ihn aus? Der Text eines Dramatikers, der Regisseur, die Schauspieler auf den Proben? Das sind Fragen, die sich angesichts der belgischen Stücke, die beim Gastland-Schwerpunkt präsentiert wurden, neu stellen und durch die Lesungen der vier Texte nicht geklärt, sondern eher angetrieben wurden. Doch nun, zum Schluss des ersten Schwerpunkt-Tages, löst sich diese Frage nonchalant wie von selbst auf mit der Vorstellung von "Der blinde Dichter". Dem Abend liegt keine dramatische Vorlage zugrunde. Eine Idee war Ausgangsbasis für dieses eigensinnige Theater-Musik-Tanz-Projekt von Jan Lauwers und der Needcompany, die hier einmal mehr kollektiv einen Schatz hebt und einen herausstechenden Abend entwickelt hat.

Anknüpfungspunkte für "Der blinde Dichter" waren, wie so oft bei der Needcompany, Erlebnisse aus dem eigenen Umfeld der Performer. Ihre Familiengeschichte und ihre Stammbäume. Kleine Details daraus, teils weit zurückreichend, teils intim aus der Gegenwart. Und es sind nicht nur angenehme Geschichten: Sie handeln von Hippie-Eltern, die einem vor einem Flug "Schokolade in die Hose steckten", oder von betrunkenen gewalttätigen Vätern. Von Urahnen, die als Waffenschmiede über Generationen ihr Auskommen hatten, oder – wie im Fall des Performers Hans Petter Melø Dahl – als Wikinger lossegelten und mordeten. Zumindest lehnt sich Dahls Vorfahren-Erzählung an diese Begebenheit an.

Den eigenen Namen schreien

Es geht um vieles. Wo soll man anfangen. Handlungsrudiment des Abends sind Selbstporträts der sieben Performer. Die auf die Bühne kommen, einzeln und zusammen, sich vorstellen in ganz unterschiedlichen Erzählungen, die sich immer lösen und von Details in größere unerwartete Zusammenhänge übergehen.

BlindPoet1 700 Els De Nil uMaarten Seghers und der Pferdekadaver © Els de Nil

Grace Ellen Barkey tanzt anfangs in einem asiatischen Phantasiekostüm, mit einer Krone aus Federn und Gräsern. Zehn Minuten lang flüstert, ruft, schreit sie ihren Namen, angetrieben von den Musikern auf der Bühne, angefeuert von den anderen Darstellern. Als sei dies ein Wettkampf, in dem alles gegeben wird. Schon darin steckt viel Emotionalität, öffnet sich ein Raum dafür, wie der eigene Name einen lebenslang begleitet bis zum erschöpften letzten Atemzug.

Barkey zeigt ein Bild von sich im Alter von zwei Jahren auf einem Schiff, das die flüchtende Familie nach Europa brachte. "Ich bin also auch ein Bootsflüchtling", sagt Barkey auf der Bühne. Angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsströme eine schwierige Behauptung, genauso wie "Ich bin ein Kannibale". Aber Lauwers' Performer lösen das mit einer inhaltlichen und ästhetischen Sicherheit, mit einer so ausgeprägten szenischen Darstellungsintelligenz, dass Bilder, Motive, Erzählungen wie von selbst ineinandergreifen.

"Seht, wie stark ich bin!"

Bilder und Szenen von so großer Schönheit entstehen, verbinden sich gleitend, dass es wirklich ein Geschenk ist. Da verwandelt sich ein metallenes, archaisch anmutendes Kriegsgerät in eine Wippe, auf der ein riesiger Pferdekadaver knarzend im Kreis gedreht wird wie beim Anschieben einer mittelalterlichen Mühle. Mit dem Ausruf "Seht, wie stark ich bin" bewegt Maarten Seghers wie von Geisterhand geführt den Kadaver, als könne er dem toten Tier Leben einhauchen. Ohne Künstlichkeit und mit einer Illusionskraft, die unter die Haut geht.

In diesem inhaltlich komplexen Assoziationsraum kommt Geschichte einem unmittelbar nah. Öffnen sich die Poren, dass die Lebens- und Leidenswege der Eltern, Großeltern oder der mordenden Vorfahren viel mehr mit der Gegenwart zu tun haben als der Alltag suggeriert. Wenn in diesen Tagen in Heidelberg von der besonderen Produktivität der belgischen und vor allem flämischen Theaterszene die Rede ist, dann demonstriert dieser Abend die große Kraft der anderen, kollektiveren Arbeits- und Spielweisen, dem Nebeneinander von Text, Musik, Tanz, vor dem man hier nur den Hut ziehen kann.

 

Der blinde Dichter
von Jan Lauwers & Needcompany
Text, Regie und Bühne: Jan Lauwers, Musik: Maarten Seghers, Kostüme: Lot Lemm, Kostüm: Mohamed Bachir bin Ahmed bin Rhaïem El Toukabri, Dramaturgie und Übertitel: Elke Janssens, Licht: Marjolein Demey, Jan Lauwers.
Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophie Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Mohamed Toukabri, Maarten Seghers, Elke Janssens, Jan Lauwers.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.needcompany.org

 

 

 

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