Furcht und Ekel – Ein Gespräch mit Regisseurin Pinar Karabulut über ihre Nachinszenierung von Dirk Lauckes Stück in Köln

Jenseits von Betroffenheit

nachtkritik.de: Die Theaterkritikerin und NachSpielPreis-Kuratorin Barbara Behrendt hat über Ihre Inszenierung von "Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute" gesagt, sie sei eine "schrill bunte Groteske voller dunkeldeutscher Spießbürgerfratzen". In der Uraufführung in Stuttgart trugen die Figuren schwarz und standen eher statisch frontal zum Publikum. Haben Sie bewusst das Gegenteil inszeniert?

Pinar  Karabulut: Nein, die Uraufführung habe ich nicht gesehen. Ich habe das Stück gelesen und es sofort schrill, grotesk und überdreht gesehen. Sonst wird man betroffen, das interessiert mich nicht. Oder man denkt: ah ja, ok, das spielt ja alles da drüben im Osten, nicht bei uns. Dabei geht es ja um Deutschlands Mitte. Da, wo die AfD schon längst angekommen ist.

nachtkritik.de: Ein Journalist hat getitelt "Mit Essen spielt man doch". Bei den Gerüchen und Esswaren auf der Bühne dreht sich einem fast der Magen um. Man riecht den quellenden Döner... die Zigeunersauce mit Stückchen spritzt fast auf die Zuschauer ... die Eierschalen springen...
Pinar Karabulut1 250 Sandra ThenPinar Karabulut © Sandra Then

Pinar Karabulut: Bei uns werden alle Sinne aktiviert. Dirk Lauckes Titel ist auch auf der Bühne Programm: Furcht und Ekel. Ekel wollte ich nicht nur durch Inhalte, sondern auch durch extreme Mittel evozieren. Wir haben gemeinsam im Supermarkt nach politisch unkorrekten Lebensmitteln gesucht. Zum Beispiel Negerküsse, die jetzt Schaumküsse heißen. Magda Lena Schott isst Müller-Milchreis, weil der Müllermilchreis-Chef ein bekannter Nazi ist. Außerdem ist Milchreis für mich etwas typisch Deutsches. Genauso wie die Gesichts-Wurst, die gibt es ja auch nur in Deutschland. Es ist eigentlich süß für die Kinder, aber eigentlich ist es so gepresstes, ekliges Fleisch... Und natürlich die Zigeunersauce, die ganz ernsthaft heute immer noch so heißt.

nachtkritik.de: Die besonders eklig ist, wenn die Schauspieler sie sich ins Gesicht reiben...

Pinar Karabulut: Ja, sieht schön aus, nicht? Da tun sie mir auch immer ein wenig leid (lacht). Das typisch Deutsche interessiert mich, dazu gehören Gartenzwerge, Jägerzaun und Grimmsche Märchen. Magda Lena Schott ist als Schneewittchen das personifizierte böse Deutsche. Der Döner wiederum ist so ein klassischer Fall von: man geht auf eine rechte Demo und schimpft 'Ausländer raus' und danach belohnt man sich in einer türkischen Imbissbude. Das Stück ist an Brechts "Furcht und Elend..." angelehnt. Der Staatsanwalt bei Brecht schält einen Apfel. Das haben wir dann so ähnlich mit den Eiern gemacht, die ich persönlich auch sehr ekelhaft finde. Das Essen fungiert als eine Form von Verfremdung.

nachtkritik.de: Wie sind Sie mit Dirk Lauckes dialektorientierter Sprache umgegangen?

Pinar Karabulut: Ich finde Lauckes Sprache sehr gut, sehr heutig. Sie wird oft als sehr "milieulastig" beschrieben. Den sächsisch-ostdeutschen Dialekt haben wir weggelassen, Rechtsradikalismus ist kein ostdeutsches Phänomen.

nachtkritik.de: Hat es in bestimmten Fällen nicht auch etwas Anmaßendes, von Phänomenen zu berichten oder sie zu inszenieren, die man nicht am eigenen Leib erlebt hat?

Pinar Karabulut: Dirk Laucke ist im Osten sozialisiert und hat die ultimative Berechtigung, einige seiner Szenen dort anzulegen. Trotzdem ist es für mich kein ostspezifisches Stück. Die Silberhöhe steht für eine bestimmte soziale Schicht. Würde Dirk Laucke in Köln wohnen, hätte er es vielleicht anders gelagert. Leider kann ich nicht sagen, dass ich diverse Ereignisse nicht erlebt hätte.

nachtkritik.de: In einer Szene diskutieren die Linken darüber, ob sie den Nazi-Aufmarsch nun verhindern oder nicht, dazu erklingt die Carmina Burana – soll das andeuten, wie hilflos und lächerlich heute alle Versuche sind, gegen Nazis vorzugehen?

Pinar Karabulut: Ganz ehrlich: wie verhält man sich richtig? Ich weiß es nicht. Ist es richtig, jeden Freitag im Flüchtlingsheim mit Kindern zu spielen? Helfen wir ihnen oder helfen wir eigentlich uns, damit wir uns endlich wieder gut fühlen können? Das ist ein so wahnsinnig schwerer Spagat. Wie helfe ich richtig? Was ist überhaupt richtig? In dieser Szene will sich eine Gemeinde mit Kerzen gegen Nazi-Fackeln stellen. Lacht sich der Nazi da nicht schlapp? Kann man Radikalisierung besser mit Gegen-Radikalisierung lösen? Ich weiß es nicht. Das ist eine Form von Ohnmacht, die ich selbst auch empfinde. Für mich ist die Szene als Kampf der Titanen und großen Konzepte gedacht: einer kommt mit seinen Antifa-Freunden von außerhalb und will aufmischen, der andere, der dort großgeworden ist, seine Kinder und seinen Buchladen dort hat, sucht nach einer friedfertigeren Methode. Beide Positionen haben ihre Berechtigung. Die Inszenierung beantwortet nichts. Das war mir wichtig, dass in den Szenen keine explizite Positionierung sichtbar wird.

nachtkritik.de: Es gibt ja auch eine extreme Folterszene im Stück, Sie haben sie in Form von Magda Lena Schott auf die Bühne gebracht, die in Schwarz-Rot-Gold-Kleidung sehr erotisiert davon erzählt.

Pinar Karabulut: Magda Lenas Figur habe ich in dieser Szene dazu erfunden. Sie ist wie ein böser Geist, der auf einmal aus Dani herauskommt. Sie übernimmt die Szene und wird zu Danis bösem Ich. So wie Brad Pitt in "Fight Club". Wie der Nazi, der in jedem steckt und einen verführen kann. Macht hat ja immer irgendwie mit Gewalt und mit Sex zu tun, das ist wie eine Form der Verführung zum Bösen. Ich finde schon, dass jeder Mensch diese Tendenz in sich trägt. Je nachdem wie man sozialisiert wurde, muss man das in Schach halten. Mir war sehr wichtig, dass es eine Frau diesen Gewaltmonolog spricht, da das Böse oft zu schnell auf Männer projiziert wird. Selbst Beate Zschäpe im NSU-Prozess versucht ja, sich auf die Erzählung zu versteifen: ich habe mich doch immer um den Haushalt gekümmert, ich weiß doch nicht, was die Uwes gemacht haben und war so abhängig... dabei gibt es in der Skinhead-Szene so viele Frauen, die in der Hierarchie weit oben stehen.

nachtkritik.de: Und nun ist gleich Ihre erste Regiearbeit zu wichtigen Nachwuchsfestivals eingeladen, deine zweite bereits zum Heidelberger Stückemarkt...

Pinar Karabulut: Damit hätte ich auch nicht gerechnet... Großartig!

nachtkritik.de: Wie geht es weiter?

Pinar Karabulut: Ich bin jetzt im letzten Jahr Regieassistentin am Schauspiel Köln, danach bin ich freie Regisseurin. Ich freue mich darauf, dass es jetzt richtig los geht.

nachtkritik.de: Was wollen Sie für Stücke inszenieren?

Pinar Karabulut: Mir ist wichtig, dass es politisch ist. Moderne Texte. Es muss etwas sein, bei dem ich die Berechtigung empfinde, es behandeln zu können. Bei "Invasion!" war es wie eine Identifikationssuche, als ich das gelesen habe, wusste ich, das sind Themen, mit denen ich mich seit Jahrzehnten auseinandersetze. Es war nicht einfach, das Nachfolgerstück zu finden... "Furcht und Ekel" ist deswegen toll, weil Dirk Laucke versteht, mit Sprache umzugehen, ohne seine Figuren zu diskreditieren. Auch der Titel ist schon so toll... gerade weil "Invasion" einen sehr migrantischen Blickwinkel hatte, wollte ich etwas Deutsches machen. Es spielt in deutschen Städten, es sind nur deutsche Mitbürger, die auftauchen. Es behandelt auch nur deutsche Probleme. Für mich sind Fragen der Identität momentan Hauptthemen. Die tagespolitische Brisanz interessiert mich. Ich bin aber auch ein großer Tschechow-Fan. Weil in seinen Stücken so eine Menschlichkeit ist, die mich sehr berührt. Die Russen haben es mir angetan - mich interessiert auch der lebende russische Autor Iwan Wyrypajew. Aber auch der Belgier Tom Lanoye. Er kommt ja zum Stückemarkt!

Das Gespräch führte Dorothea Marcus.

 

 

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