"Ein Stück, das einem den Magen umdreht"

nachtkritik.de: Am Wiener Volkstheater haben Sie "Vereinte Nationen", das Theaterdebüt des Schriftstellers Clemens Setz, mit Studierenden des Max-Reinhardt-Seminars inszeniert. Ein Vater und eine Mutter filmen darin, wie sie ihre siebenjährige Tochter Martina bestrafen und maßregeln, diese Scripted-Reality-Filme stellen sie ins Netz. Wie sind sie zu diesem Stück gekommen?

Holle Münster: Als ich gefragt wurde, die Inszenierung zu machen, stand das Stück bereits ganz oben auf der Wunschliste des Volkstheaters. Nach der ersten Lektüre war meine Reaktion: Hui, das ist ein ganz schöner Hammer für eine Gruppe von jungen Darstellern und Darstellerinnen. Die Figuren in "Vereinte Nationen" sind unterschiedlich alt, darum lässt es sich mit einem etwa gleich alten Ensemble nicht in einem realistischen Setting inszenieren. Meine Idee war: Ich will dem Stoff eine zusätzliche Künstlichkeit hinzufügen. Ich kann mir "Vereinte Nationen" zwar auch sehr gut als Michael-Haneke-Film vorstellen, doch auf der Bühne benötigt es eine Form der Abstraktion, um die Gewalt darzustellen.

Holle MuenstercUlrike Rindermann 180Holle Münster
© Ulrike Rindermann
nachtkritik.de:
Was ist für Sie die Stärke des Stücks? Was hat Sie daran besonders interessiert?



Holle Münster: Das ist diese unglaubliche Wirkung des Textes. Man ist regelrecht angewidert und abgestoßen von der intensiven Art und Weise, wie die Dinge darin beschrieben werden – nicht auf einer rationalen Ebene, sondern tatsächlich so, dass sich einem der Magen umdreht. Das Stück bietet keine Lösungen an, der Konflikt wird nicht aufgebrochen. Die Figuren sind gefangen in den Zuständen, es gibt kein Entkommen. Was uns an dem Stoff interessiert hat, war weniger die Medienkritik, sondern die Frage: Was macht den Menschen aus? Wann ist der Mensch so entfremdet, dass er so etwas, wie es Clemens Setz in seinem Stück schildert, passieren lässt? Spannend war für mich auch der Textaufbau. Was zunächst wie ein klassisches Drama erscheint, ist nämlich überhaupt nicht klassisch aufgebaut. Das Stück bleibt dauerhaft auf einem Konfliktlevel. Darin liegt eine große Qualität: dass es so quälend stagniert.



nachtkritik.de: Die Mannheimer Uraufführung des Stückes hat eine gewisse Strenge, die Bühne wirkt sehr klar und aufgeräumt. Bei Ihnen geht es bunter und schräger zu. Ausstattung, Bühne und Kostüme lassen einen an das "Dschungelcamp", an die Trash-Ästhetik des Privatfernsehens, denken. Ich habe mich deshalb gefragt: Ist das Netz, sind die sozialen Medien per se ein Ort des Vulgären, ein Ort für den Trash?



Holle Münster: Das würde ich überhaupt nicht abstreiten, allerdings sind die sozialen Medien bei uns gar nicht das zentrale Thema. Die Verbindung zum "Dschungelcamp" liegt darin, dass Menschen ihr Leben quasi ausstellen. Auch die "Truman Show" war deshalb eine wichtige Inspiration. Mit der überzogenen Künstlichkeit in der Inszenierung reagieren wir darauf, dass die Figuren in Setz’ Stück so viel Wert darauf legen, dass die von ihnen gedrehten Videos "natural" sind. Dieser Wunsch nach Natürlichkeit, nach Authentizität, ist heute sehr präsent. Er führt dazu, dass Menschen sich Selbstoptimierungssportklamotten mit übergroßen Blumen darauf von Adidas anziehen, auf Fitnessstudiogeräte steigen und trainieren – anstatt wirklich in der Natur zu laufen. 



nachtkritik.de: Sie haben das Stück mit Studierenden des Max-Reinhardt-Seminars inszeniert. Ist das etwas Besonderes, mit Darstellern, die noch wenig Bühnenerfahrungen haben, zu arbeiten?



Holle Münster: Ja und Nein. Auf jeden Fall macht es mir großen Spaß, mit Studierenden zu arbeiten. Sie können einem Stück oft mehr Zeit und Fokus widmen als jemand, der am Stadttheater in drei oder vier Inszenierungen gleichzeitig spielen muss. Mir war klar, dass es für solch ein Stück, in dem psychische und physische Gewalt so präsent und in dem Haupt- und Nebenrollen so ungleich verteilt sind, ein starkes Gemeinschaftsgefühl braucht, ein Ensemble, das sich vertraut. Deswegen haben wir die Proben Tag für Tag mit einem Ritual, mit einer gemeinsamen Yoga-Stunde, begonnen. Wir sind also immer mit etwas Schönem in den Probentag gestartet. Aber ob ich mit erfahreneren Darstellern und Darstellerinnen anders vorgegangen wäre, kann ich tatsächlich nicht sagen.



nachtkritik.de: Sie sind Teil des Regieteams Prinzip Gonzo. Robert Hartmann und Alida Breitag, die ebenfalls zu dieser Gruppe gehören, waren auch an Ihrer Wiener Inszenierung beteiligt. Was ist das Gute am kollektiven Arbeiten?



Holle Münster: Es ist einfach schön, mit Menschen Theater zu machen, denen man vertraut, mit denen man die gleiche Sprache spricht, deren Denken man kennt. Wir stehen in einem ständigen Austausch darüber, wie wir unsere Stücke inszenieren. Das ist auch eine starke moralische Stütze. Ich könnte mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen, anders zu arbeiten. Und ein großer Vorteil ist auch, dass wir uns als Prinzip Gonzo sehr gut zwischen Stadttheater und freier Szene hin und her bewegen können.



nachtkritik.de: Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass "Vereinte Nationen" ein Stück ist, das häufig nachgespielt wird, das Interesse an dem Stoff ist enorm. Wie geht man als Regisseurin an solch einen Text heran? Steht man da stärker unter Druck?



Holle Münster: Nein, überhaupt nicht. Das kann ich wirklich ganz klar sagen: Daher kam kein Druck. Einen "Macbeth" zu inszenieren, würde mich ganz ähnlich anstrengen. Denn Arbeit, an der mir etwas liegt, ist immer mit einem selbstauferlegten Druck und einer Aufregung verbunden. Ich denke auch, dass man an unserer Inszenierung spürt, dass wir mit einem sehr eigenen Blick an die Textbearbeitung und Umsetzung des Stücks herangegangen sind.



Das Gespräch führte Alexander Jürgs