Menschen nach der Krise

von Georg Kasch

Heidelberg, 21. Mai 2018. Wenn die Sonne am Ende aufgeht, dann als blendend gleißender Scheinwerfer, der von hinten die Szene erbarmungslos ausleuchtet: auf Menschentrümmer, Menschen, die sich selbst nicht entfliehen können. Die sich in ihren Lebensbequemlichkeiten, -feigheiten, -lügen eingerichtet haben, da nicht mehr rausfinden. Und plötzlich, für einen Moment, sind es auch Menschen von Gerhart Hauptmann.

Hauptmann erzählte in seinem Durchbruchs-Drama "Vor Sonnenaufgang" von 1889 die Geschichte einer von plötzlichem Wohlstand und Alkohol zerfressenen Bauernfamilie, zusammengeschweißt von Karrierismus und böser Vererbung, zerrüttet von Inzest-Ehebruch, Totgeburt, Selbstmord. Wenn man sie heute inszenieren wollte, müsste man sie als eine von gestern zeigen – oder ihre Spuren derart verwischen, dass man auch gleich eine Neufassung schreiben könnte.

Gefahr des plötzlichen Wohlstands

So hat es Ewald Palmetshofer gehalten. Er zeigt mit Thomas Hoffmann, Alfred Loth und Peter Schimmelpfennig drei Menschen, die früher mal – im Studium – ziemlich eng waren, jetzt einander aber kaum noch etwas zu sagen haben. Hoffmann hat in die wohlhabende, aber einigermaßen prollige Unternehmerfamilie Krause eingeheiratet und engagiert sich politisch konservativ (oder gar noch weiter rechts, das bleibt so offen wie viele Details). Schimmelpfennig wirkt als desillusionierter Provinzarzt, als wäre er einem Tschechow-Stück entsprungen. Loth schreibt für ein linkes Wochenblatt, will aber vor allem wissen, warum die Menschen "nach der Krise" auseinanderdriften: "und zwischen uns / ein Spalt / da führt nix drüber / und das, obwohl / ich mag dich doch /ich hab dich doch gemocht."

VorSonnenaufgang1 700 Sandra Then uIm sonnigen Scheinwerferlicht: Ewald Palmetshofers Kleinfamilienhölle frei nach Gerhart Hauptmann © Sandra Then

In den ersten beiden der drei Akte pinselt Palmetshofer ziemlich komisch die Kleinfamilienhölle aus, in der Stiefmutter Annemarie das etwas ruppige Regiment führt, Vater Egon am Liebsten über seinen Stuhlgang spricht und sich zuweilen krachend volllaufen lässt, Tochter Martha ihren Schwangerschaftsbauch vor sich herschiebt und Tochter Helene untergekrochen ist, weil ihre Selbstständigkeit – irgendwas mit Design – ihr gerade zu Nichts zerbröselt.

Charakter-Studien

Das ist auch deshalb ein Spaß, weil Nora Schlocker in ihrer Uraufführungsinszenierung am Theater Basel wunderbare, äußerst sprachsouveräne Schauspieler durch die unbehaust kahlen Räume von Marie Roth schickt, die selbst den Katastrophenfiguren einen Rest an Würde bewahren. Cathrin Störmer verströmt als Annemarie eine aufgekratzt dominante Tussigkeit, dass man gleich in Deckung geht. Wenn sie frustriert den Tisch abräumt, wird jede Geste ein Vorwurfs-Ausrufezeichen.

VorSonnenaufgang2 700 Sandra Then uOffene Flaschen, der Alkoholpegel steigt: Pia Händler, Michael Wächter, Simon Zagermann in "Vor Sonnenaufgang"
© Sandra Then

Myriam Schröders Nervhupe Martha buhlt mit jedem Witz und jedem Stöhnen um Aufmerksamkeit. Hinter der frustrierten Fassade von Pia Händlers Helene pocht das Begehren so leise, dass man richtig überrascht ist, als es dann plötzlich machtvoll hervorbricht.

Und den Jungen von einst merkt man Michael Wächters Hoffmann noch an, man spürt sein Bemühen, in diese Familie zu passen, da hängt ja auch ein Unternehmen dran. Um so schärfer gewürzt wirkt sein als Realismus getarnter Zynismus, gerade im Kontrast mit Loth, den Simon Zagermann traurig verwundert grundiert.

Wortreich ausgestelltes Leid

Allerdings kann dieses Schauspielerfest nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass Palmetshofers Neufassung nicht so recht aufgeht. Zum einen braucht sie in ihren umkreisenden Andeutungen ermüdend viele Worte – dass die meisten Charaktere versuchen, die Leere und die Abgründe wegzuquasseln, hat man bald kapiert, und die Wortgefechte zwischen Hoffmann und Loth haben zuweilen etwas Leitartikelndes. Zum anderen wirds im finalen dritten Akt seifenopernd – all das Leid berührt nicht, wirkt seltsam ausgestellt, absehbar ohnehin.

Und unlogisch: Wenn heute eine Hausgeburt kompliziert wird, kommt sofort der Krankenwagen, da wird nicht stundenlang gepresst bis zur Totgeburt. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mann eine Frau verlässt, weil es eine (nicht genannte, vermutlich geht’s um Depressionen) Erbkrankheit in der Familie existiert? Immerhin legen Palmetshofer und Schlocker nahe, dass Loth, der da wie ein Schatten durchs Haus geistern muss, als hätte er sich in einen expressionistischen Stummfilm verirrt, die Beine auch deshalb in die Hand nimmt, weil ihn die ganze Familie so entsetzlich nervt. Kann man verstehen.

Vor Sonnenaufgang
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Uraufführung/Auftragswerk 
Inszenierung: Nora Schlocker, Bühne und Kostüme: Marie Roth, Musik: Marcel Blatti, Licht: Tobias Voegelin, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Pia Händler, Steffen Höld, Myriam Schröder, Cathrin Störmer, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter, Simon Zagermann.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

 

 

Wiebke Mollenhauer, Ole Lagerpusch