Es fährt ein Zug nach nirgendwo

von Michael Wolf

Heidelberg, 22. April 2018. Die Raumfahrt begann im Wilden Westen. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund schweben zwei Astronauten über dem roten Planeten Mars. Dann Schnitt: Ein Zug rast durch die Wüste. Auf der Galerie halten Schauspieler ein Laufband in Bewegung. Darauf Bäume, die hinter einem Miniaturzug vorbeischnellen. Mit der Live-Kamera übertragen sieht es auf der Leinwand aus, als würde eine echte Lok über die Bühne fahren.

Geld regiert

Regisseur Klaus Gehre arbeitet am Theater Braunschweig an einer "Amerika-Trilogie". Der erste Teil gastiert beim Stückemarkt: eine bunte, poppige Adaption des Westernklassikers "Spiel mir das Lied vom Tod" von Sergio Leone: Die Eisenbahn-Unternehmer "Frank" und "Morton" ziehen Gleise durch die Wüste bis zum Pazifik. Morton versucht Probleme mit Geld aus dem Weg zu räumen, Frank geht über Leichen. Nachdem er eine Familie ausgelöscht hat, wehrt sich die Witwe mit Hilfe der Revolverhelden "Cheyenne" und "Mundharmonika".

Spiel mir das Lied1 700 Joseph Ruben uDer Eisenbahn-Visionär Morton (Robert Prinzler), hinter dem ein Video tobt © Joseph Ruben

Der Film erzählt auch die Geschichte des aufkommenden Kapitalismus'. Es ist ein Abgesang auf harte Kerle wie den Sadisten Frank, der nur das Faustrecht kennt und die kommende Ära nicht mehr erleben wird, in der nicht das Schießeisen, sondern Geld regiert. "Alles, wirklich a l l e s kann zu Kapital werden. Du musst es nur zu deinem Kapital machen", prophezeit Valentin Erb als Mundharmonika.

Bam Boom Bang Bam

Gehre versteht den Filmstoff als Geschichte eines Grenzübertritts: Erst die Überwindung der Wüste ließ Kapitalismus und Innovation florieren. Das ist die gute Nachricht. Wenn im Theater irgendwo Amerika drauf steht, besteht sonst akute Gefahr, dass die Botschaft sich in "Trump mögen wir nicht" und "Kapitalismus finden wir auch nicht so toll" erschöpft. Eine schlechte Nachricht gibt es aber auch: Gehres Konzept ist mehr zu erahnen, als wirklich zu erkennen.

Dabei hat er den Abend als visuellen Leckerbissen angerichtet: Die Spieler reagieren auf die Videobilder, das Publikum erlebt deren Produktion live mit. Eine Ästhetik, die sich vom Hochglanz einer Katie Mitchell insofern unterscheidet, als hier durchaus Improvisation und Trash regieren. Da wird dann der leibhaftige Mundharmonika von einer Plastikpuppe auf der Leinwand zusammengeschlagen. Dazu gibt es die einschlägigen Soundfiles aus Actionfilmen. Bam Boom Bang Bam Bam Bam! So prügelt Gehre ein Meisterwerk der Filmgeschichte auf Bud Spencer-Niveau.

Nicht mal der Plot bleibt übrig

Zudem gerät die Schlagzahl gehörig ins Stocken. Das fünfköpfige Ensemble hetzt, humpelt, kriecht und klettert tapfer mit Handkameras über die Bühne und fällt doch alle paar Szenenwechsel in die gleichen Spannungslöcher. Rhythmisch nähert sich der Abend nicht dem Galopp an, sondern wiederholt seine Stürze in den Wassergraben. Die Dramaturgie versinkt derweil im Wüstensand. Daran kann auch Michael Lohmanns treibender Elektro-Remix des legendären Soundtracks von Ennio Morricone nichts ändern.

Nicht mal der Plot bleibt hier übrig. Um die Geschichte zu verstehen, sollte man den Film kennen, weil Gehre nur einige Szenen eher locker aus der Vorlage montiert hat. Das allein wäre noch kein Beinbruch. Nur trotzt Gehre seinem Leone-Material keine wirklich neuen Gedanken ab. Schon im Original werden Kapitalismus und technischer Fortschritt verhandelt. Ein Mars-Video und der Einsatz von Playmobil und Barbies sind noch keine Innovation. So bleibt unklar, warum dieser Abend eigentlich im Theater stattfindet. Warum Gehre nicht einfach eine Einführung zum Original hält und danach: Film ab.

 

Spiel mir das Lied vom Tod
nach Sergio Leone
Regie, Text und Bühne: Klaus Gehre, Musik & Sound: Michael Lohmann, Kostüme: Mai Gogishvili, Dramaturgie: Alexander Kohlmann.
Mit: Yevgenia Korolov, Götz van Ooyen, Robert Prinzler, Tobias Beyer, Valentin Erb.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

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