Ums Leben gerannt

von Geog Kasch

Heidelberg, 28. April 2018. Der Selbstbetrug hält bis zum Schluss. Wenn der tote Willy Loman von den sieben Zwergen mit Warnkegeln auf dem Kopf beweint wird, um dann von einem Polizisten zu Disneys "Snowwhite"-Song "One day my prince will come" ins Jenseits erlöst zu werden, dann ist das nur bedingt ein Happy End, eher ein Sieg des Konsum-Kitschs über die Wahrheit. Sein Sohn Biff aber blickt auf den leeren Platz, der eine Stunde lang Willys war – und nimmt ihn nicht ein.

Engagiert Partei ergreifen

von Verena Großkreutz

Heidelberg, 28. April 2018. So nah dran kann Theater sein: Da schaut die ganze Welt verzückt auf den Friedensgipfel zwischen den beiden koreanischen Staaten, da kommt eine 50-köpfige Delegation von der ostasiatischen Halbinsel nach Heidelberg, wo Südkorea Gastland des Stückemarkts ist. Die Entwicklungen in Richtung Wiedervereinigung sind so turbulent, dass die Berliner Korea-Expertin, die zur Eröffnung des Gastlandprogrammes einen Einführungsvortrag über die Theatergeschichte Südkoreas halten sollte, wegen medialer Kommentaraufgaben absagen musste.

Romeo ist eine Frau

von Michael Wolf

Heidelberg, 30. Mai 2018. Am Nachmittag beim Theaterlunch, der Podiumsdiskussion mit koreanischen Theatermachern, lernte das deutsche Publikum etwas Neues: Der Grenzkonflikt zwischen Nord- und Südkorea ist für die Südkoreaner im Alltag kein großes Thema. Was im Westen nicht ankommt: Das Land hat (auch noch) andere Probleme, zum Beispiel Homophobie.

Im Tal falscher Tränen

von Verena Großkreutz

Heidelberg, 30. Mai 2018. Zwischen den Trauergästen und dem toten Körper ihres Vaters habe sie auf einmal das unbändige Verlangen verspürt, zu tanzen. Die Schauspielerin Soo-Yeon Sung spricht von ihren Gefühlen auf der Beerdigung ihres Vaters, der nach Wochen des Leidens seiner Krebserkrankung erlegen war. Ihr Körper windet sich nun in immer bizarreren Verrenkungen: Die lange in ihrem Körper eingesperrten Gefühle wollen plötzlich raus aus ihrem Gefängnis.

Gastland Korea

Mehr über das Gastland beim Heidelberger Stückemarkt

April 2018. Süd- und Nordkorea trennt die gefährlichste Staatsgrenze der Welt. Während in Pjöngjang der autokratische Machthaber Kim Jong-un residiert, hat sich Südkorea zu einer wirtschaftsstarken Demokratie entwickelt. Im Nachgang der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang sprachen viele von einem politischen Frühling der verfeindeten Brüderstaaten. Dass deren Annäherung wohl nicht mehr als eine politische Inszenierung war, registrierten vor allem diejenigen, die sich in Südkorea professionell damit beschäftigen, wie man Emotionen in Szene setzt: die in freien Gruppen organisierten Theatermacher des Landes. Als Scouts für das Gastland Südkorea haben HeeJin Lee und Jürgen Berger drei exemplarische Inszenierungen eingeladen: "Before After" (Kyungsung Lee / Creative VaQi), "Romeo und Julia" (Yohangza Theatre Company) und "Death of a Sales MAN" (MOMent).

Logo StueMa GastlandViolett

April 2018. Theater, wie wir es in Europa kennen, gibt es in Korea erst seit hundert Jahren. Dafür ist die Szene heute äußerst lebendig – und hat sich mehr als einmal als genauer Seismograf ihrer Zeit erwiesen, wie Jan Creutzenberg in seinem Streifzug durch die jüngere Theatergeschichte beschreibt.

RomeoandJuliet1 250"Romeo and Juliet" © Yohangza Theatre Company

30. April 2018. Romeo ist eine Frau. Mit Julia lebt sie offen lesbisch. Als Überlebenskampf einer gleichgeschlechtlichen Liebe hat der Seouler Regisseur Jung-Ung Yang Shakespeares Romeo and Juliet inszeniert. In K-Pop Manier: quietschbunt, knallig und verspielt. Das wirkt auch beim Gastspiel respektlos anverwandelt, und ein bisschen gefällig, findet Michael Wolf.

Beforeafte2 250 Creative VaQi u"Before after" © Creative VaQi

30. April 2018. Das koreanische Fährunglück im April 2014, bei dem 304 Menschen starben, ist für koreanische Theatermacher ein großes Thema; das konnte man in den Gesprächen am Rande des Stückemarkts lernen. Die Performer von Creative VaQi aus Seoul haben daraus einen beeindruckenden Abend über echte und falsche Gefühle erarbeitet. Mehr über Before after von Verena Großkreutz.

LesungDasGespur1 250 SusanneBurkhardt uLesung "Das Gespür..." © Susanne Burkhardt

29. April 2018. "K-Pop" nennt sich die südkoreanische Pop-Kultur-Welle, die gerade auch nach Europa schwappt. Und im Land nur ein Extrem ist, Nordkorea oder die Schatten der jüngeren Vergangenheit ein anderes. Was in den neuen koreanischen Theaterstücken zusammenkommt, die gestern beim Internationalen Autorentag vorgestellt wurden; wie die Stücke auch überraschend sozialkritisch sind, weiß Verena Großkreutz. Und von der Diskussion über Theater in Südkorea, bei der es auch um die geheime Schwarze Liste der Vorgängerregierung ging, berichtet Georg Kasch.

deathofamansale1 250"Death of a mans SALE" © MOMent

29. April 2018. En detail mögen die koreanische und deutsche Kultur einander ziemlich fremd ein. Der Blick des Regisseurs Hyuntak Kim auf Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" kommt einem jedoch sehr nah. In seinem Death of a mans SALE rennt Willy Loman um sein Leben und gegen die Macht der Kitsch-Konsumkultur. Das sitzt, findet Georg Kasch.

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