Point Of No Return – Yael Ronens Münchner Inszenierung über den persönlichen Umgang mit Terror zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt

Witz ist hier ein Wagnis

von Michael Wolf

Heidelberg, 3. Mai 2017. "Sie werden sterben", stellt Niels Bormann mit Blick ins Publikum klar. "Vielleicht sogar schon heute Abend." Unverhofft kommt oft. So verhält es sich auch mit Yael Ronens erster Stückentwicklung an den Münchner Kammerspielen. Geplant war eigentlich ein Abend über Liebe in Zeiten von Tinder. Aber dann versetzte der Amokläufer David S. am 22. Juli die Stadt in Angst. Oder war es nur Erregung? Damien Rebgetz hatte an dem Abend eine Vorstellung. Exponiert auf der Bühne stehend, fürchtete er, als erster erschossen zu werden. Aber siehe da, zum ersten Mal bekommt er Szenenapplaus für seine gefühlvolle Darstellung. "Am I using terrorism to impress my audition? Or am I really touched by these people dying?"

Schonungslos selbstbefragen

Seine Kollegin Wiebke Puls habe still und heimlich sogar Stolz darüber empfunden, dass der Terror München und nicht Berlin als erste deutsche Großstadt erreicht hat. Und allgemeine Enttäuschung habe sich eingestellt, als sich der "Vorfall" am Ende nur als schnöder Amoklauf herausstellte. Pointofnoreturn1 700 david baltzer uZutreten, oder besser: verstehen, warum man zutreten könnte in "Point Of No Return" © David Baltzer


Das Changieren mit persönlichen Gedanken und Biographien gehört zu Yael Ronens Inszenierungsstil. Es ist müßig zu spekulieren, was hier Spiel und was authentischer Bericht ist. Schon das raffinierte Bühnenbild von Wolfgang Menardi deutet auf den Abgrund hin, der sich bei jeder Reflektion auftut. Spiegel an drei Seiten. Die Spielfläche gefährlich schräg. Zu Beginn seilt sich das Ensemble vorsichtig nach unten ab. So nimmt diese Selbstbefragung einer hysterischen Gesellschaft ihren Lauf. Und zwar oftmals hochkomisch. Etwa, wenn Damien Rebgetz eine Leiche spielen soll und sich beklagt, er habe ja gar keinen Text in dieser Szene. Ein Witz als Wagnis, denn insbesondere diese Szene ist harter Tobak.

Nah am Blutrausch

Ein Beamer projiziert ein Video von einem Terrorakt in einem israelischen Busbahnhof auf die Bühne. Die Schauspieler verfolgen die Wege der Flüchtenden und der Opfer und versuchen zu verstehen, was in ihnen vorgeht. Dann schießt ein Wachmann auf einen Mann. Im Blutrausch schlagen Passanten mit Stühlen auf den Verletzten ein. Später kam heraus, dass es sich nicht um den Täter handelte, sondern um einen eriträischen Asylbewerber, der Lösegeld spart, um Familienmitglieder aus einer brutalen Geiselhaft zu befreien. "Ich habe Angst, was passiert, wenn wir die Erlaubnis haben zu hassen", heißt es da.

Skrupellos und charmant zugleich zeigt "Point of no return", wie Gefühle unsere Gedanken vernebeln, lüftet den Schleier und gibt neue Perspektiven frei. Und in den besten Momenten lindert Ronen sogar die Angst vor der Entdeckung, dass es in der Welt und in uns selbst vielleicht ganz anders aussehen könnte als wir bislang zu denken wagten.

Point Of No Return
von Yael Ronen und Ensemble
Uraufführungs-Gastspiel
Regie: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein, Sounddesign: Yaniv Fridel, Licht: Jürgen Tulzer, Musik: Yaniv Fridel, Dramaturgie: Johanna Höhmann, Recherche/künstlerische Mitarbeit: Bastian Zimmermann.
Mit: Niels Bormann, Dejan Bućin, Damian Rebgetz, Wiebke Puls, Jelena Kuljić.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.muenchner-kammerspiele.de


Zur Nachtkritik der Uraufführung an den Münchner Kammerspielen im Oktober 2016

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren