Akademische Tierarten

von Elena Philipp

April 2019. "y e a h ! Die Sonne wirft ihr gleißendes Morgenlicht herab auf all das organische Material, das endlich wieder aus dem Erdboden sprießt!" Mit diesem jahreszeitlichen Jubelruf beginnt "Pflücke den Buchfink", eines der sieben Dramolette in Caren Jeß’ Theatertext "Bookpink". Frühling ist's, April genauer gesagt, und den launischen Monat verkörpert die kapriziöse "Tagesform", eine überforderte Hausfrau, die prokrastinierend auf Facebook herumklickt, die Wolkendecke auf- und zuzieht oder Hagelschauer auf die übrige Besetzung der Szene prasseln lässt – die gepflasterte Auffahrt, die hier viergestaltige Fugenvegetation sowie Narzisse und Tulpe. Reichlich merkwürdige Personnage? Yup. Caren Jeß’ Personenverzeichnis ist ein Spiel im Spiel. 36 vorwiegend gefiederte Figuren tummeln sich auf den zwei einleitenden Seiten, vom titelgebenden (plattdeutschen) Buchfink bis zum Zilpzalp, daneben die bereits Genannten sowie etliche Erzähler*innen für die langen Prosaeinschübe zwischen den Dialogen.

Einen roten Faden gibt es nicht in dem "Dramatischen Kompendium", wie Jeß ihren Text untertitelt hat; auch darüber klärt der Text gleich zu Beginn auf. Die Reihenfolge der Szenen ist veränderbar, Freiraum für Aleatorik lassend.

jess vitaCaren Jeß @ Mathias Hainke

Drei von sieben Szenen wählte etwa die Regisseurin Miriam Ibrahim für die Szenische Lesung an den Münchner Kammerspielen aus, wo Caren Jeß mit dem Residenzstipendium zum Münchner Förderpreis Neue Dramatik 2018 drei Monate verbrachte – neben "Pflücke den Buchfink" den "Dreckspfau" und "Bussard im Beton der Vernunft". Ausgereizt haben Ibrahim und die Kammerspieler*innen auch den von Jeß zugestandenen freien Umgang mit dem Text: Bis auf "yeah, yeah, yeah" wurde der zwischen allen Dialogritzen wuchernde Erzähltext im "Buchfink" gestrichen. "Das funktionierte auch", sagt Caren Jeß beim Gespräch in einem Berliner Café, trocken und überaus gelassen. "Bookpink" ist für die Autorin ein Inszenierungsanreiz, mit dem sie alle Gewerke zum Experimentieren anregen möchte.

In einem performativen Akt vollzieht Jeß im Stück den spielerischen Überschwang auch gleich selbst. Wilde Wechsel der Register und Kollisionen der Soziolekte zeichnen den Text aus: Jugendslang kombiniert mit Barocksonetten, Hochsprachliches hart an parataktische Formulierungen geschnitten. Um Geschlossenheit schert sich der "Bookpink" nicht – von Flächentexten distanziert sich Jeß höflich, aber entschlossen. Also weht der Geruch fettiger Pommes durchs dramatische Bild, wenn die "Weisse Taube" Bachs "Johannes-Passion" zitiert und eine seidene Robe für den Auftritt im Salon ersehnt. Tiefer Ernst trifft auf höchste Unterhaltung: Splatter schleicht sich in die Szene "Bussard im Beton des Vernunft", in der allerlei Vögel einen Verschlag aufsuchen, um den "Kokon der Vernunft" mit philosophischen und stets unbeantwortet bleibenden Fragen zu traktieren. Ob des Übermaßes denkerischer Anstrengung platzt, fast erlösend, ein Vogelkopf "und die siedend heiße Flüssigkeit, die dann aus meinem Hirn herausbricht", fabuliert die Rauchschwalbe, "wird die Kleinigkeit meiner Existenz mit sich fortspülen in das Vakuum der Ewigkeit". Oha, dieser Singvogel hat Töne!

Rhetorischer Überaufwand

Ironische Anspielungen aus dem B-Register zieren den "Bookpink" zuhauf, etwa die ledernen Sandalen, mit denen die genderaktivistische Sumpfmeise Veroniko seine (oder ihre?) dürren Beine gürtet. Satzumstellungen imitieren oder: karikieren den hohen Ton des Epos – ist das ein Zwinkern in Richtung von Homers Trickster Odysseus, wenn die priesterlich-verschlagene Pute sich erhaben gibt, um Kritik ihrer Follower abzuwenden? –, und auch die drei aristotelischen Einheiten sind einen Scherz wert, wenn es in der "Buchfink"-Szene einleitend heißt: "ORT. (APRIL) // ZEIT. (APRIL) // HANDLUNG. (APRIL)". Zahllose Sprachspiele ließen sich reihen: Hier zündet Pathos-Mimikry ein posiealbumstaugliches Feuerwerk ("seht euch das Spektakel an: Les fleurs pênchent leurs têtes! Zauberschön tanzt der Frohsinn einen Reigen"), dort spiegelt sich eine schräge Situation in einer schiefen Metapher, wenn Sumpfmeise Veroniko beim Durchschwimmen des Fremden Gewässers gen Freiheit "ins Straucheln" gerät.

Was erreicht wird mit diesem Textverfahren eines grotesken rhetorischen Überaufwands? Ein Eindruck der zeitgleichen, inkommensurablen Existenz von Verschiedenartigem, ein Plädoyer für Diversität. Sieben Szenen, sonderbar und sprunghaft, sowie mannigfaltige Sichten auf die Welt versammelt Caren Jeß. Aufgedrängt habe sich ihr zu Anfang der "Dreckspfau", wie sie erzählt, die übrigen Vögel seien ihr später zugeflogen. Aufschwingen zu Höherem möchte sich der unterprivilegierte Protagonist in diesem zuerst entstandenen Dramolett, doch wird er durch (un)bewusst abwertende Äußerungen in seinem Umfeld, von der wohlmeinenden "Unterstützung" und dem überheblichen "Spatz", gnadenlos zurückgestoßen in die Unterschicht. Szenenbildlich entspricht dieser das Unterholz des dunklen Waldes, in dem Dreckspfaus Mutter das Ei mit ihrem Kind abgelegt und verlassen hat. Imaginiert der Pfau eine Autobiographie mit Happy End, lässt ihn zum Schluss sogar der Text selbst mit seiner Wut und Traurigkeit alleine, um die Loopings des Angeber-Spatzes zu bewundern. Ob die an Gefieder wie Gemüt geschädigte Gestalt des Mitgefühls wert ist, muss jede*r Leser*in selbst entscheiden.

Mit soziologischem Blick

Inspiriert haben Jeß zu dieser Figur ihre Workshops für Kreatives Schreiben in der Justizvollzugsanstalt Moabit, wie sie verrät. Aber nicht nur "Dreckspfau", auch die übrigen Szenen haben einen harten Kern in der noch härteren Realität – seien es Ausbeutungsverhältnisse in "Pute", das Scheitern wissenschaftlicher Erkenntnisversuche in "Bussard" oder Minoritätendiskurse im "Buchfink" ("Wir werden als Unkraut herabgewürdigt, und wir wollen, dass das aufhört!", ereifern sich chorisch die Pflasterritzenpflanzen. "Der Begriff ist vollkommen überholt. Er klassifiziert uns als minderwertig und ist Teil eines antisolidarischen Normenclusters" – so komisch kann politische Korrektheit sein, ohne dass sie an die Ironie verraten würde). Jeß’ Blick ist ein soziologischer, mit Sympathie für die weniger Privilegierten. Vielleicht ist das ein Herkunftsding: Als Akademikerin und Bauerntochter kennt Jeß verschiedene Welten und ihre Codes.

Nach einem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte und einer (in kollektiver Jahrgangs-Solidarität aufgrund von Leitungskonflikten) abgebrochenen Schauspielausbildung an der Etage in Berlin trägt Jeß’ Einstiegsstrategie in den Literaturbetrieb – die Einsendung ihrer Texte zu Wettbewerben, an Zeitschriften und Verlage – seit 2017 Früchte. Für den Kleist Förderpreis nominiert, war sie 2017 Preisträgerin beim Osnabrücker Dramatikerpreis, gewann mit "Bookpink" den erwähnten Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik und, mit einer rotzig-zeitgenössischen Ballade, den taz-Publikumspreis beim Literaturwettbewerb open mike. Jetzt also Heidelberg. Wie hieß es in München kurz und knapp? Y e a h ! Y e a h ! Y e a h !

 

Lesung von "Bookpink" am ersten Tag des Autor*innenwettbewerbs, Samstag 27. April 2019, um 16:00 Uhr, Alter Saal