Verteidigung der eigenen Empfindung

von Christian Rakow

April 2019. Das Umfeld hat ganz eigene Ansprüche an Werther: "Sag mal das Wort ficken", reizt ihn sein Freund Wilhelm während eines "Männergesprächs". Und der CEO einer Werbefirma, bei der Werther kurzzeitig anheuert, instruiert ihn: "Jetzt denk doch mal mit deinem Schwanz!" Aber Werther will nicht mit dem Schwanz denken, sondern mit dem Herzen. Er spricht von "Empfindungen", von "Seele", nennt seine Lotte das "liebenswürdigste Geschöpf". Und auch sein Autor ist kein Trommler. "Werther in love" hat Daniel Ratthei seine Goethe-Neuschreibung betitelt, mit leisen Anklängen an den samtenen Streifen "Shakespeare in love" mit Gwyneth Paltrow und Joseph Fiennes.

Pop-Phänomen durch die Zeiten

An Bühnenadaptionen von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" mangelt es nicht. Vierzehn Bearbeitungen oder Neudichtungen zählt die Datenbank theatertexte.de. Mit Rattheis Stück sind es fünfzehn. Viele davon, wie auch Rattheis‘ Text, sind auf ein jugendliches Publikum berechnet. Diese Popularität rührt natürlich nur teilweise vom gewiss liebenswürdigen Stoffe her, also von der Geschichte des flirrigen Melancholikers Werther, der sich in die geistreich-anmutige Lotte verliebt, die leider bereits mit dem Biedermann Albert verlobt ist, weshalb es um Werther düsterer und düsterer wird, bis er sich final entleibt. Mit "Werther" kauft man sich vor allem den Nimbus des frühen Pop-Phänomens ein: der blaue Frack, die gelbe Weste, die coole Weltverlorenheit, das Werther-Fieber als Beatlemania des 18. Jahrhunderts. Das schwingt schon alles mit.

Es gibt diese zentrale Szene des Kennenlernens bei Goethe, in der das Kultige bereits vorweggenommen ist: Lotte und Werther sind sich erstmals auf einem Ball begegnet, haben getanzt, ein Gewitter zieht vorüber, und während Lotte in die Landschaft unter Regenguss blickt, spricht sie den Namen "Klopstock!" aus. "Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ergoss", kommentiert Werther.

Werther ohne Smartphone

Hier finden sich zwei im Namen des Pioniers der Empfindsamkeit, hier teilen sie einen Code, der ihnen ihr Kunst- und Welterleben harmonisch einfärbt. So wie sich spätere Generationen von weltenschwer Daseinstrunkenen unter dem Banner von Hermann Hesse, Thomas Bernhard oder al gusto The Smiths vereinigten. Wo wäre ein solches Moment von einvernehmlichem Weltempfinden heute zu suchen? Daniel Ratthei spart es in seiner Tanznacht-Szene aus. Stattdessen rinnen Tränen über Lottes Wange. Als stumme Zeugen einer numinosen Überwältigung.

ratthei vitaDaniel Ratthei © privat

Der Kniff muss also von woanders herkommen. Rattheis Lotte bemerkt wiederholt an Werther: Es "bingt" nicht aus seiner Westentasche. Was wohl bedeutet, dass dieser Werther entweder kein Handy besitzt oder es charmant auf lautlos stellt. Jedenfalls macht ihn das besonders in dieser Gegenwart, in der die locker an Goethes Vorgaben angelehnten Figuren fraglos mit beiden Beinen im digitalen Neuland stehen. Wenn sich Lotte zum "Date" mit Werther verabredet, checkt sie vorher erst einmal per Google die "TOP-FIVE-Aktionen für euer Stelldichein!!" (und dann gehen sie – Nr. 1. – nachts im Schwimmbad baden). Sie checkt es allerdings betont ironisch. Und da liegt denn der Grund ihrer Vertrautheit: nicht in einem positiven Sinnbezug (Klopstock!), sondern in einem leisen So-will-ich-es-doch-nicht-haben im Angesicht der digitalen Vorprägung jeglicher Erfahrung.

Bei Werther klingt dieser Rückzug aus dem digitalen Mainstream so: "Sie gefällt Dir also", stichelt sein Freund Wilhelm. Und Werther: "Das Wort hass ich in den Tod. Was muss das für ein Kerl sein, dem Lotte gefällt, dem sie nicht alle Empfindungen ausfüllt. Neulich fragte mich einer, wie mir Jennifer Lawrence gefiele. Ich antwortete: Mir und 26 anderen Personen gefällt das." Die Passage steht exemplarisch für den zentralen stilistischen Kniff bei Ratthei. Er mixt wie ein Goethe-Bauchredner Originalzitate in die Figurenrede und wechselt dann wieder abrupt in heutige Jugendsprache. Das wirkt beim Lesen manieriert, lässt sich aber durchaus als ziemlich spielerische, skurrile Spielvorlage vorstellen.

Bestes Schauspielerfutter

Überhaupt merkt man Rattheis Autorschaft die eigene Bühnenerfahrung als Schauspieler an. Scewballartige Dialoge, klare Hauptsatzstrukturen und dann eben immer wieder schöne Stopper, wenn der Text ins Goethe-Original oder in lose an der Goethezeit-Diktion orientierte Passagen einbiegt, sorgen für Rhythmus. Dazwischen gibt es erzählerische Einschübe, in denen Werther auf seine Geschichte mit Lotte zurückblickt und seine Seelenlandschaft nach Außen stülpt. Fürs Zusammenspiel (mit Lotte und Wilhelm, dessen Darsteller auch Albert und die Nebenfigur des CEO übernimmt) sind Szenen wie ein Ratespiel zu Klassikern der Kunstgeschichte eingebaut. Bestes Schauspielerfutter also.

Der 1979 in Cottbus geborene Autor (der mittlerweile wieder dort wohnt) ist selbst ausgebildeter Schauspieler, war in Dresden, Osnabrück und zuletzt in Würzburg im Ensemble, dazwischen auch freischaffend. Mit "Jihad Baby" hat er ein mehrfach nachgespieltes Klassenzimmerstück verfasst. Den Heidelberger Stückemarkt kennt er bereits als Schauspieler (in Dirk Lauckes "alter ford escort dunkelblau" aus Osnabrück, 2007) und als Wettbewerber um den Jugendstücke-Preis mit Der goldene Ronny (2017). Vom Schreiben allein kann er noch nicht leben; also ist er als freier Schauspieler aktiv.

Jugendliche Schwermut

Ratthei führt seinen Werther und Lotte von der Annäherung beim Tanz auf "Open Air Classic Night" über die Schwimmbad-Tändelei zur Erkenntnis, das Lotte mit dem biederen Albert bereits ein Kind hat, zum Intermezzo in der Werbebranche (wo der Held den Lebensmut nun wirklich verlieren kann), bis zur Unrettbarkeit im Wiedersehen. Der Darsteller des Werther muss dabei einiges an Überzeugungskraft in die monologisch ausgebreitete Schwermut legen, weil man im Zeitalter der Patchwork-Familien natürlich denkt: Hat sie halt ein Kind mit Albert, so what! Aber Werther ist eben ein schwankendes Gemüt. Hatte ja auch schon eine unglückliche Leonore, bevor Lotte überhaupt auf der Bildfläche erscheint. Und schwankende Gemüter schwanken mitunter auch in den Abgrund.

 

Lesung von "Werther in love" am ersten Tag des Autor*innenwettbewerbs, 27. April 2019 um 14.30 Uhr, Alter Saal