Die Landkarte ist nicht die Landschaft

von Michael Wolf

April 2019. Für Geographen ist es ein Kinderspiel, einen Berg zu versetzen. Als es noch unerforschte Gebiete gab, konnten sie sogar ein ganzes Gebirge aus dem Boden stampfen. Der Brite James Rennell (1742–1830) erfand im Jahr 1798 die 1000 Kilometer langen Kong-Mountains und erklärte so den unsteten Flussverlauf des Niger. In Afrika war er nie gewesen, nicht unüblich für die Geographie dieser Epoche. Die Karten gingen in den Druck, der Jubel war groß, ein Problem gelöst. Erst hundert Jahre später flog der Schwindel auf, als ein französischer Forscher vor Ort nachsah und weit und breit kein Berg zu sehen war.

Magdalena Schrefels "Ein Berg, viele" basiert auf dieser wahren, irrwitzigen Geschichte. Rennell, hier nur "Geograph" genannt, sitzt in seinem Turmzimmer (man könnte auch Elfenbeinturm sagen) und verzweifelt am Problem des Flussverlaufs. "Warum biegt er ab, wo es doch keinen Grund dafür gibt? Weil eigentlich dort ein jeder Fluss gen Europa fließt. Das lernt doch jedes Kind." So festgefahren in den eigenen Vorstellungen kommt er nicht auf die Lösung. Es ist seine Köchin, die ihn auf die Idee mit dem Berg bringt.

Welt auf Sand gebaut

Die Dokumentarfilmerin Pearl führt als Erzählerin durch das Stück. Im zweiten Teil bricht sie auf zu einer Spurensuche durch das Königreich "Berg Kong". Es ist ein Ort, der an die inoffiziellen Flüchtlingslager wie den "Dschungel" in Calais erinnert, "ein Wartezimmer" auf dem Weg nach Europa. Dort trifft sie auf Ismael, der Wache hält, der die Wartenden des Königreichs vor der nahenden Küstenwache warnen soll. Früher schaufelte er Sand an der Küste seines Heimatlands, als Baustoff für reiche Staaten. "Kein Haus wird ohne Sand gebaut, keine Schule und kein Vergnügungspark, kein Flughafen, kein Bahnhof und auch keine Bundesnachrichtenzentrale." Als kein Sand mehr da war, landete er auf einem modernen Sklavenmarkt. Schließlich schaffte er es nach Berg Kong, fest entschlossen, seinen Traum von Europa wahr zu machen, seinen Traum von einem "Bizness": Ismael möchte am französischen Strand mit einem Bauchladen Waren feilbieten.

schrefel vitaMagdalena Schrefel © Sarah HorvarthIsmaels Anteil am Stück, so die strenge Regieanweisung, darf nur vermittelt dargestellt werden, "über Filmszenen und Momente der Aufnahme". Eine anspruchsvolle, aber bedachte Setzung. Im Gespräch begründet Schrefel die Vorgabe: "Für Ismael zu sprechen, steht mir nicht zu. Gleichzeitig erzählt sich auch etwas über die Problematik des Erzählens und der Darstellung, wenn Ismaels Geschichte immer nur vermittelt erzählt wird." Schrefel vermeidet so die Anmaßung, für einen Flüchtling zu sprechen, ihm eine Stimme zu verleihen und ihm so eine eigene abzusprechen.

"Ein Berg, viele" ist ohnehin kein "Flüchtlingsstück" und Ismael keine Figur aus Fleisch und Blut. Schon wie er sich Pearl vorstellt ("Nenn mich Ismael") verweist weniger auf eine Wirklichkeit als auf Melvilles "Moby Dick", also eine andere literarische Figur. Die Darstellung durch Pearls Videokamera zeigt Ismael nicht als Afrikaner, sondern als den einzigen Afrikaner, den die Europäerin Pearl fähig ist, sich vorzustellen. Er ist eine Fiktion, so wie schon der Berg Kong.

Der Semantiker Alfred Korzybski schrieb den berühmtem Satz: "Die Landkarte ist nicht die Landschaft." Der Mensch lebt demnach in zwei unterschiedlichen Sphären: in der der Symbole und der seiner unmittelbaren Erfahrung. Aber diese Welten können sich überlappen; es gibt tektonische Verschiebungen, die Beben auslösen. Rennells Karte mag nur eine Zeichnung gewesen sein, eine Erfindung, aber eben auch eine europäische, eine imperiale und damit wirkmächtige Erfindung. Sie legte sich gleichsam über die Wirklichkeit. Auf einer aktuelle Karte Afrikas sehen wir jede Menge verdächtig gerader Linien. Der Grenzverlauf dieser Staaten ist das Relikt weiterer Fiktionen, deren Wahrhaftigkeit mit Gewalt durchgesetzt wurde. Vielleicht ist die Sklaverei nur die brutalste Ausprägung des Settings, in dem Menschen in den Kopfgeburten anderer leben müssen.

Grenzen der eigenen Vorstellung

Und diese Kopfgeburten beschränken auch die eigenen Gedanken. Die Kinder des Geographen spielen im Garten Kolonialismus nach. Ihre Vorstellung vom Aufbau einer neuen Welt ähnelt verdächtig der, in der sie selbst gerade leben. Eine Schule wollen sie in der Fremde gründen. "Und alle Kinder aus der Umgebung müssen in unsere Schule gehen. Sie müssen unsere Sprache lernen und Schreiben und Lesen. Sie müssen Uniformen anziehen, wie wir. Sie werden Aufsätze schreiben, über den Berg. Und sie werden mit uns beten." Als Erwachsene klären sie den Vater an dessen Totenbett auf, immer gewusst zu haben, dass es das Gebirge nicht gibt. Sie wollen das Geheimnis dennoch bewahren. So wie die westliche Welt auch in postkolonialen Zeiten noch mit eigennütziger Handelspolitik ihre ökonomische Vormacht sichert.

All das steckt in diesem anspielungsreichen Text, der aber keine europäische Selbstanklage sein will. Die Größe der politischen Botschaft liegt in ihrer Schlichtheit: Es gibt Gründe, dass die Welt so ist, wie wir sie kennen. Das heißt, sie könnte auch eine andere sein. Denn die Fantasie kann das Wahre vermissen lassen und dennoch Schönes und Gutes hervorbringen. So erklärt sich, dass Schrefel durchaus Sympathie für den Geographen empfindet. "Ich bin zufällig beim Hören einer Radiosendung auf die Geschichte der Kong-Berge gestoßen. Mich hat das als Autorin sehr berührt. Was Rennell gemacht hat, ist dem Schreiben sehr ähnlich. Er hat sich auf etwas eingelassen, was ihn fasziniert hat, und daraus etwas entstehen lassen, das ihn selbst überdauert."

Die richtigen Papiere

Schrefels Stück ist in erster Linie eine Meditation über die Macht von Geschichten, über Literatur. Schon in "die Bergung der Landschaft", mit dem sie 2014 im Wettbewerb um den Autor*innenpreis vertreten war, beschwor sie die ebenso schöpferische wie apokalyptische Kraft der Kunst.

Das Flüchtlingslager wird am Ende von der Küstenwache aufgelöst, Ismael verschwindet im Trubel, Pearl aber kann einfach nach Hause fliegen, denn sie hat die Kontrolle der Küstenwache bestanden, sie hat die richtigen "papers". Es sind solche Dokumente, die über das Schicksal, über ganze Biographien entscheiden.

Auch ein Reisepass beruht auf etwas Erdachtem, auf einer Fiktion. Er ist eine auf teurem Papier erkaltete Fantasie. Die Buchstaben tanzen hier nicht mehr, sind in Eindeutigkeit erstarrt. Anders als in der Literatur und auf der Bühne, in der immer ein ästhetischer Rest bleibt, der sich der Lesbarkeit entzieht und gerade deshalb zum Denken und Spinnen auffordert.

Kunst-Glaubensbekenntnis

Im Prolog des Stücks erzählt Pearl von einen Traum, in dem sie aus einer Bühne ein Boot baut und in See sticht. "Lass uns hier und jetzt ein Schiff bauen, die Verfertigung des Schiffes im Segeln, bis dann, zu guter Letzt, die Rückwand aufbricht, endlich!" "Ein Berg, viele" ist auch ein Glaubensbekenntnis an die Kunst. Theater ist hier, angemessen unbescheiden, Transportmittel in eine andere, eine mögliche Welt. Und zwar nicht im Sinne einer kleinen Träumerei im Parkett, sondern als Ort, in dem wir heute solche Geschichten erzählen, die morgen Geschichte sein könnten. Hier entstehen neue Gedanken und frische Lügen. Hier beginnt das Abenteuer.

 

Lesung von "Ein Berg, viele" am ersten Tag des Autor*innenwettbewerbs, Samstag 27. April 2019, um 13.30 Uhr im Alten Saal