Geisterkinder, die wir sind

von Georg Kasch

April 2019. Honig – das klingt wie ein Versprechen: süß, geschmeidig, voller Energie. Honig ist der Name, den das Mädchen Tarja einem ausländischen Soldaten gibt, seiner Augenfarbe wegen. Aber vielleicht auch, weil seine Anwesenheit ein Versprechen ist: auf ein besseres Leben.

Denn Tarja und ihr Freund Tasch, die kindlichen Protagonisten in Nadja Wiesers Kinderstück, leben in einem Land, das vermutlich Afghanistan ist, aber auch jedes andere Krisengebiet im Nahen Osten sein könnte, in dem internationale Truppen stationiert sind. Offiziell, um zu helfen – einer politischen Ordnung, einem Verbündeten. Vielleicht auch den Menschen vor Ort. Die leben im Kriegszustand: Tarjas und Taschs Väter sind Soldaten an der Front in einem Konflikt, in dem die westlichen Soldaten eine eher beobachtende Rolle spielen. Tarja lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in ärmlichen Verhältnissen, und auch mit Tasch, der keine Verwandten hat.

wieser vitaNadia Wieser © Vivien OliveiraWieser lässt ihre beiden Kinder vor dem festungshaften Militärcamp auf Honig warten, "im Schatten der Sträucher: Mit großen Augen, mit rotzigen Nasen, mit schiefen Zähnen, eingefallenen Wangen, von Flöhen zerbissen, die Kleider zerrissen. Geisterkinder, die wir sind, so siehst Du uns jede Nacht." Allerdings wird bald klar, dass sich die Truppen auf ihren Abzug vorbereiten. Während die Kinder versuchen, in der Dunkelheit Honig auszumachen, begreift man erst allmählich, dass er ihnen nur in Gedanken vertraut ist, durch Beobachtungen. Während Tarja ihn direkt anspricht, hat er sie noch nie bewusst wahrgenommen.

Ein persönliches Thema

Was passiert, wenn zwei sehr ungleiche Kulturen und Systeme bei starkem Machtgefälle aufeinanderprallen? Kommen solche Einsätze den Menschen vor Ort zugute? Was macht das mit allen Beteiligten? Die Themen von "Honig" beschäftigen Wieser seit Langem. Ihr Vater war mit der Bundeswehr drei Mal im Auslandseinsatz, ihr gleichaltriger Cousin zwei Mal. "Die Erzählungen meines Vaters haben mich vor allem auch als Jugendliche nachdenklich gemacht", sagt sie. „Ich habe im Bekanntenkreis meiner Eltern Menschen erlebt, die sehr ernüchtert aus solchen Einsätzen zurückgekehrt sind. Ich hatte das Gefühl, dass es sie beschäftigt, nicht mehr vor Ort ausrichten zu können. Was natürlich die Frage einschließt, was in diesem Fall 'ausrichten' bedeutet."

Schwer sei es gewesen, für das Thema eine Form zu finden. Dieses Suchen, Herantasten, das Fragende ist Teil der literarischen DNS des Stücks. Wieser baut die Spannung aus dem postkolonialen Ungleichgewicht zwischen westlichen Eindringlingen und lokaler Bevölkerung, das sich noch vertieft durch den großen Altersunterschied. Indem sie das Publikum die Situation durch die Augen der afghanischen Kinder sehen lässt, erlaubt sie ihnen eine unaufdringliche Perspektivverschiebung. Sie zielt auf die interkulturelle Differenz, auf sehr unterschiedliche Arten, auf die Welt zu blicken. Während die Soldaten etwa die Kinder als "Gatterratten" wahrnehmen, als Störung, als Diebe, bezeichnen die Kinder den Vorgang als Tausch: Wenn sie ins Camp gelangen, nehmen sie sich Dinge nicht ohne Gegenleistung, sondern lassen Sandratten, Läuse, Popel zurück.

Zu den "getauschten" Gütern wiederum gehören so überlebenswichtige Dinge wie "Taschenmesser, Essen aus Dosen, Uhren oder Bonbons mit Medizin", aber auch "riechende Luft aus Dosen, die man sich unter die Arme sprüht", "Stäbchen mit Watte an beiden Enden, die man sich in die Ohren und in die Nase stecken kann" und ein "Bärencomic. Wie der kleine Bär lernt, Soldat zu werden".Dieses Buch beruht auf realen Publikationen der Bundeswehr, etwa "Karl, der Bärenreporter", der Kindern, deren Väter oder Mütter im Auslandseinsatz sind, erklärt, wie das Leben vor Ort aussieht. "Das Teddy-Buch versinnbildlicht für mich die Fragestellung, wie die militärische ‚Informationskampagne’ auf die Kinder dort vor Ort wirken könnte“, sagt Wieser. "Tarja versteht die Bilder des Buches nicht als Information, sondern als Appell."

"Die Dunkelheit ist unser Freund"

Dass Tarja wegen des Comics selbst Soldatin werden will, ist einerseits eine Zumutung, andererseits konsequent. Denn sie sehnt sich nach Stärke, Geborgenheit. So wird ihr Honig zur Projektionsfläche, zum Vaterersatz, das Militär zu einer Art Familie, der sowohl Honig als auch der Vater angehören. Im Verlauf des immer wieder aufgenommenen Dialogs zwischen Tarja und Tasch hat sich längst herauskristallisiert, dass er der Zurückhaltende, Vorsichtige ist, der Bedenkenträger, sie hingegen die Mutige, Drängende, die versucht, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen, dabei aber die Konsequenzen noch nicht überblicken kann.

Auch das eine dieser Perspektivverschiebungen. Immer wieder legt Wieser Spuren der Fremdheit, wenn eine Aufzählungen von amerikanischen Sängerinnen in Lautschrift wiedergegeben wird, um die Distanz zu markieren: "Riänna, Bionse, Läidie Gaga oder Täila Swift". Wenn Worte wie "Gatterratten" zu unverständlichen Lauten werden, die auf die Unmöglichkeit verweisen, sich verbal auszutauschen. "Wir sehen was, was du nicht siehst" – dieser abgewandelte Vers eines Kinderspiels markiert die Differenz ebenso wie die vielen Hell-Dunkel-Kontraste: "Die Dunkelheit ist unser Freund", heißt es einmal, weil sie den Kindern hilft, sich zu verstecken. Wieser arbeitet mit Kinderreimen, Abzählversen und Aufzählungen, ist sparsam mit Szenenanweisungen (nur Pausen setzt sie oft), legt aber durch graphische Gestaltungen – Wörter verdimmen, Absätze bilden Pfeile oder Trichter – weitere Hinweise für Theatermacher*innen.

Wie fremd sich die Welten sind, wird auch klar, wenn Wieser gegen Ende des Stücks plötzlich Honig selbst zu Wort kommen lässt. Hier scheint sie noch einmal grell auf, die Unmöglichkeit der Verständigung, auch der Wahrnehmung: Honig tun die Kinder einerseits leid, andererseits sind sie ihm Störgeräusche, eine mögliche Bedrohung. Sein Monolog wirkt, als müsse das Stück hier zu Ende gehen – mit Tarjas Tod im Kugelhagel.

Ähnliches Bedürfnisse

Aber "Honig" ist ein dialektisches Stück. Deshalb darf Tarja überleben. Und deshalb gibt es zahlreiche Momente, die betonen, wie nahe wir einander sind, in unseren Bedürfnissen zum Beispiel. Einmal zählt der Text die Berufe auf, die afghanischen Väter ausübten, bevor sie in den Krieg zogen: Neben Ziegenhirten gibt es Imbissbesitzer, Feuerwehrmänner, Bergarbeiter, Ärzte, Beamten, Taxifahrer. Krieg ist ja kein natürlicher Zustand. Er unterbricht die Normalität – überall auf der Welt.

Und Wieser erzählt von der Differenz auch innerhalb von dem, was auf den ersten Blick wie eine Einheit wirkt. So sind Tarja und Tasch nicht "die" afghanischen Kinder, sondern zwei Individuen, die im Zeitalter der Migration geradezu prototypische Positionen vertreten: Gehen oder bleiben? Wird alles wieder wie früher oder hat es das gelobte Gestern nie so gegeben? Ist es ein Verrat an der eigenen Identität, sich einer fremden Macht anzudienen? Oder ist es die berechtige Hoffnung auf ein besseres Leben?
Einer der vielen Vorzüge von "Honig" ist: Es gibt keine einfachen Lösungen. Es gibt allenfalls ein aufrichtiges Interesse aneinander:
"Wir sehen was, was du auch siehst.
Denn wir haben alle zwei Augen.
Wir haben alle zwei Augen.
Und das ist ein Anfang."

 

 

Lesung von "Honig" am zweiten Tag des Autor*innenwettbewerbs, Sonntag 28. April 2019 um 14.30 Uhr, Alter Saal