Anfall und Ente – Sigrid Behrens' Kinderstück umkreist das Werden und Vergehen

Friedhof mit Kuscheltieren

von Sophie Diesselhorst

April 2017. "Eigentlich spielt das ganze auf einem Friedhof. Aber wenn man das ins Programmheft schreibt, kommt keiner, also sagen wir: Das ganze spielt auf einer Grünfläche." Mit dieser Regieanweisung eröffnet Sigrid Behrens ihr Stück "Anfall und Ente" – und nun, einen Friedhof als Grünfläche zu bezeichnen, ist ja auch nicht gelogen.

Das bedeutet aber nicht, dass der Friedhof neutrales Terrain ist: Was könnte das hier alles sonst noch sein, wem könnte man begegnen, was könnten wir vom Leben wollen und auch vom Tod, fragen die beiden namensgebenden Figuren des Stücks einander – "Anfall" und "Ente", die aus dem Hut ihrer geteilten Phantasie im Laufe von 41 Seiten noch vier weitere Figuren zaubern, namens Kissenschlacht, Pfannkuchen, Pinguin und Trüddelschmopf.

Zwischen Teichwiese und Weltall

Ein Kuscheltier gibt es auch auf diesem Friedhof, es heißt Hundi, ist nur stummer Zuhörer und trotzdem der Wichtigste. "Am Anfang..." beginnt Ente immer wieder eine Geschichte für ihn, und weiß dann nicht weiter. Anfall äfft sie nach: Am Anfang, Am Anfang. Wie soll sie auch etwas zu erzählen haben:

 

"Ich kenn ne Ente ja und die

was macht die wohl den ganzen Tag

die dümpelt einfach so herum

mit Kuscheltier

ich mein Hallo"


So disst er sie, und als die vielleicht faule, aber auch feinsinnige Ente ihn geradeheraus fragt, ob er neidisch ist und auch gern so ein Hundi als Freund hätte, ist er empört. "Verstecken Fangen Kloppen", "drunter drüber Leben Tod", das ist sein Programm, wenn er sich mit seinen Freunden trifft, und zu Entes Trautheit mit Hundi hat er nur eines zu sagen: "Schnarch".

Anfall und Ente sind zwei scheinbar aus Zeit und Raum gefallene Charaktere mit komischen Namen. Eine Verwandtschaft zu Becketts Figuren drängt sich auf. Man weiß nicht, wer oder was sie eigentlich auf dieser "Grünfläche" festhält. Ihre Namen erklären sie selber so:

"Anfall: Erst mal ins All
Ente: Heißt du deshalb so
Anfall 
Anfall: Gute Frage komischer Name
angekommen aus dem All
und zack plumps auf die Erde gefallen
deshalb glaub ich
(…)
warum heißt du eigentlich Ente?
Ente: Gute Frage komischer Name
Ente wie Anfall würd ich mal sagen
Ente gut und schwimmen auch
und fliegen tauchen und spazieren
Hauptsache mir wird nicht kalt"


Im Schlagabtausch

Je länger sie sich beschnüffeln und beharken, desto enger schweißt ihr Schlagabtausch sie zusammen – unterbrochen werden sie von einem realen Ereignis, das sie dann auch aus der Beckettesken Lethargie herauskatapultiert, und zwar auf Umwegen ins Weltall. Aber auch dort geht’s weiter im Viervierteltakt; das vierhebige Versmaß, in dem Sigrid Behrens sie manchmal sogar reimen lässt, treibt als poetische Gesetzmäßigkeit das Gespräch voran und lässt Anfall geradezu anfallsartig Wortspiele produzieren – Kostprobe:

 

"Anfall: BAMM
Ente: War das ein Knall?
Anfall: Der Knaller war das."

 

Dieses BAMM kehrt immer wieder, zieht sich in unterschiedlichen Funktionen durch den Text; mal erschrecken sie einander damit, mal eskaliert ein Streit in mehrere BAMM, wenn Worte nicht mehr reichen; mal füllt BAMM einfach nur einen Schlag im Gesprächsrhythmus, wo ein Wort fehlt oder ein schneller Gedanke, mal durchbricht es diesen Rhythmus – und später beamen sich Anfall und Ente per BAMM durchs Universum.

Zwischendurch 'ne Runde sterben

"Was bedeutet BAMM? Vieles. Schreck und Freude und Begeisterung und Überforderung. Wut natürlich auch, Trauer, und Sprachlosigkeit, selbstredend. Alles, was man nur brüllen kann", sagt Sigrid Behrens selbst dazu.

behrens vita© Jakob Borner

"Anfall und Ente" ist das erste Kinderstück der 1976 geborenen, in Hamburg lebenden Autorin; obwohl sie selbst zwei Kinder hat: Die Engführung "eigene Kinder, eigene Texte für Kinder" habe sie "immer eher abwegig", gefunden, sagt sie.

Dann sei aber doch über Gespräche mit ihrem Sohn "ganz ungefragt" eine Idee dahergekommen – Gespräche über das Werden und Vergehen, das Auf-die-Welt-Kommen und Sterben, "das hat mich einfach umgehauen, diese Klarheit im Umgang mit einem so existentiellen Thema, das hatte mit der Unschärfe von Erwachsenen, nicht zuletzt mit deren Angst im Umgang mit Vergänglichkeit, so gar nichts zu tun."

"Im Rollenspiel sind Kinder pausenlos tot. Und zack, wieder am Leben. Davon kann man sich eine Scheibe abschneiden“ – diesen Anspruch überträgt Sigrid Behrens direkt auf Anfall und Ente, deren Namen ja auch schon lautmalerisch eine Richtung implizieren, die sie dann auch schnell explizit einschlagen; erst theoretisch, wenn es im Gespräch drum geht, wo die Oma hingegangen ist, nachdem sie gestorben war – "erst unter die Erde/dann wieder zum Nordpol und dann/ins Weltall/guten Flug Oma“ (Anfall). Später auch praktisch, denn Hundi ist auf einmal verschwunden, und Ente ist verzweifelt. Das sagt Anfall, um sie zu beruhigen:

"Vielleicht wollt er ne Runde sterben

oder ganz frisch auf die Welt

vielleicht einmal den Mond besuchen

oder einen Maulwurf

weißt du die Erde

die ist weit

da kann dein Hundi überall

ich trau nur meinen Augen Ente

ich würd sagen

suchen wir"

 

Sie begeben sich auf Reisen und treffen immer neue unwahrscheinliche Freunde von Anfall – erst Kissenschlacht, dann Pfannkuchen, dann einen Pinguin am Nordpol:

 

"Ente: Aber

tschuldige mal Anfall

Pinguine leben doch

die sind doch

wir sind ja verwandt

am Südpol nicht am Nordpol

nein

Anfall: Meinst du am Südpol echt jetzt

BAMMM

na und

Nord Süd mir doch egal

weil Pinguin

ist eben so

der wohnt halt da wo ich es will der

passt da auf mein Iglu auf

und zwischendurch

weist er den Weg“

 

Doch auch der Pinguin und selbst Trüddelschmopf, "ein nettes Wesen mit ganz vielen Augen Armen Köpfen Beinen kennt sich gut im Weltall aus", haben Hundi nicht gesehen. Und Entes Heimweh beamt die beiden – BAMM – wieder zurück auf die "Teichwiese", wie sie die Grünfläche des Friedhofs selbst getauft haben. Vielleicht ist Hundi ja in der Zwischenzeit wiederaufgetaucht? Ist er nicht, aber er hat einen Brief hinterlassen, in dem steht, dass er "Im Zwischen" ist. Wie man dahinkommt, wissen beide nicht. Anfall will sich gleich wieder auf den Weg machen zum Suchen, doch einstweilen siegt Entes Geduld – "Ente: bestimmt wenn ich grad mir nichts dir kommt es vorbei und holt mich ab". Es = das Zwischen.

Alles muss sitzen

Ja, vielleicht passiert das dann, wenn Anfall und Ente im Theater zu einem physischen Leben erweckt werden, vielleicht liegt das Zwischen dort im Wechselspiel von Schauspielern und Publikum – ein bisschen lässt Sigrid Behrens Charakterisierung ihrer Schreibarbeit fürs Theater (sie schreibt auch Prosa) das vermuten – "Wenn ich einen Theatertext schreibe, muss ich in der Lage sein, Raum und Kollegen, Theaterzwänge und Theaterfreuden mitzudenken. Dass aus dem Text und seiner Umsetzung und allem, was andere Menschen dazu beitragen, mehr wird als die Summe der einzelnen Teile."

Dass sie mit einem Kinderstück in den Autoren- und nicht in den Kinderstücke-Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts eingeladen ist, passt, dass es für sie "eigentlich nur einen Unterschied zwischen guten (sprachlich interessanten, relevanten, eigenständigen, 'funktionierenden') und weniger guten (sprachlich konformen, irrelevanten, uneigenständigen, banalen) Stücken"gibt.

Das Vorurteil, für Kinder zu schreiben sei einfacher als für Erwachsene, hält sie für „absoluten Blödsinn“: „Ich finde es eher genau umgekehrt, Kinder sind in ihren Reaktionen direkter, viel weniger auf Kurs gehalten durch gesellschaftliche Konventionen, wenn die etwas langweilt, dann bekommt das am Haus jeder zu spüren. Also muss alles noch viel besser sitzen, am Text wie in der Regie, sonst sind die einfach raus aus dem Geschehen.“

Mithilfe eines Stipendiums

"Anfall und Ente" hat sie im Rahmen eines "Nah dran"-Stipendiums fürs Theater Konstanz geschrieben, wo es im Mai 2017 uraufgeführt wird. Die Zusammenarbeit mit der Dramaturgie dort sei sehr gut gewesen, betont Sigrid Behrens – aber was das Verhältnis von Autor*innen und dem Theaterbetrieb generell angeht, hat sie keine rosarote Brille auf: Autor*innen seien "zu 99 Prozent" die schwächsten Glieder der Produktionskette, "sie machen nur selten Ansagen, ganz im Gegenteil, ihnen werden welche gemacht. BAMMM."

Die wenigen Dramatiker*innen, die sich glücklich schätzen können, am Theater das Sagen zu haben, könne man an einer Hand abzählen. "Aber man wird ja noch träumen dürfen. Besser: müssen, schließlich sollten Autor*innen sich das Träumen tunlichst bewahren, sonst schreiben sie am Ende gar nicht mehr. Was nicht allein für die Theater ein Verlust wäre, schließlich hätten die dann plötzlich niemanden mehr, dem sie eine Ansage machen können."

 

Lesung von "Anfall und Ende" am zweiten Tag des Autorenwettbewerbs, Sonntag 30. April, um 14 Uhr im Alten Saal.

 

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