Zwei - Kurzkritik

von Verena Großkreutz

Heidelberg, 30. Mai 2018. Zwischen den Trauergästen und dem toten Körper ihres Vaters habe sie auf einmal das unbändige Verlangen verspürt, zu tanzen. Die Schauspielerin Soo-Yeon Sung spricht von ihren Gefühlen auf der Beerdigung ihres Vaters, der nach Wochen des Leidens seiner Krebserkrankung erlegen war. Ihr Körper windet sich nun in immer bizarreren Verrenkungen: Die lange in ihrem Körper eingesperrten Gefühle wollen plötzlich raus aus ihrem Gefängnis.

Großes Meeresrauschen

Ein starkes Bild in "Before after", einer Stückentwicklung des Seouler Theaterensembles Creative VaQi, das dessen junger Gründer und Leiter Kyungsung Lee 2015 inszeniert hat. Ein Bild, das übergeht in die Schluss-Szene: Nacheinander treten alle sechs Darsteller*innen in den weißen Kreis in der Bühnenmitte, legen sich zu Boden, umschlingen sich, bis sie zu einem einzigen Körper verschmelzen. Ihr gleichmäßiges Atmen, das Rauschen der Meereswellen: Individuelle Trauer vereint sich zur kollektiven – jener über das furchtbare Fährunglück der "Sewol", die am 16. April 2014 vor Südkorea versank und 304 Menschen in den Tod riss.

Beforeafte2 700 Creative VaQi uHören, erzählen, zuhören, mit zwei Kameras, zwei kleinen Monitoren und ein paar Stühlen: "Before after" © Creative VaQi

"Before after" (Vorher, nachher) beschäftigt sich mit nichts Geringerem als dem "unvorstellbaren Sinn des Todes". Am Beginn steht die Nachricht über die Schiffskatastrophe, der das Ensemble in Soloszenen nach und nach individuell erlebte Schicksale gegenüberstellt: Etwa San-Ha Chae, dessen bester Freund 2006 Suizid beging und der sich schuldig fühlt, nicht genug getan zu haben, um dieses Unglück zu verhindern.

Ein Rap-Song, erst Jahre später entstanden, hilft ihm, seine Emotionen zu verarbeiten. Oder Sung-Ik, der bei studentischen Demonstrationen festgenommen, gefoltert und dann zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Er musste lange um sein Augenlicht bangen – als Folge der Folterungen. Und immer wieder Soo-Yeon Sung, die das allmähliche Sterben ihres krebskranken Vaters begleitete und die nun seinen körperlichen Verfall bis zu seinem letzten Atemzug minuziös beschreibt und körperlich nachspielt.

Suche nach dem Sinn des Todes

Das Schiffsunglück selbst, das Chaos, das nach dem ersten Notruf entstand, wird im dramatisch gestrafften Reportagestil dargestellt: so vor allem die Unfähigkeit des unerfahrenen, vom Kapitän und Staat im Stich gelassenen Personals, die richtigen Entscheidungen zu treffen, die vielleicht viele der 325 Schüler*innen an Bord gerettet hätten.

Mehr als zwei Kameras, zwei kleine Monitore und ein paar Stühle braucht das Ensemble nicht. Der Einsatz der Live-Kamera ist dabei vorbildlich, dient ausschließlich der Ergänzung und Präzisierung des Geschehens durch Foto- und Text-Material, Zeichnungen, Gesichter-Zooms. Digitale Datums- und Uhrzeit-Angaben im Hintergrund verdeutlichen die Zeitsprünge.

Beforeafter1 700 Creative VaQi uTrauer wegtanzen in "Before after" © Creative VaQi

Das Publikum erlebt ein genial ausbalanciertes Wechselbad der Gefühle. Nach erschütternden Szenen folgen Brüche, die mit Raffinesse Leichtigkeit ins schwergewichtige Thema bringen: Etwa eine Theaterübung, in der das Publikum Tipps erhält, wie es sich im Katastrophenfall zu verhalten hat. Es wird aufgefordert, sich mal die Sitznachbarn genauer anzuschauen, sich ihre Gesichtszüge zu merken, sich an den Händen zu fassen, ruhig zu atmen, denn das alles erhöhe am Ende die Überlebenschancen. Die ungewohnte Nähe zwischen den Zuschauer*innen bringt viele zum Lachen, aber sie werden dadurch auch sanft zum Einfühlen gebracht.

Theatrale Rede der Präsidentin

Immer wieder wird aber auch übers Theater selbst reflektiert. Wie gelingt es etwa Schauspieler*innen, andere Menschen möglichst authentisch auf die Bühne zu bringen und wie wahrhaftig kommen dann deren Gefühle rüber? Kann man das leisten, ohne die Figur wirklich zu verstehen? Ein Exempel wird statuiert: Soo-Yeon Sung wird aufgefordert, sich in den Zustand der Trauer zu versetzen, was sie mit professionellen Atemübungen schnell schafft.

Dann soll sie die Rede halten, die die damalige südkoreanische Präsidentin Geun-hye Park nach dem Fährunglück an die Nation hielt und sich darin für die groben administrativen Fehler entschuldigte und für die Überbelegung der Fähre. Sung liest den Text emotional überwältigt, schluchzend und Tränen vergießend. So einfach ist das also, Gefühle zu spielen. Ein Beweis, der den vielen Menschen Recht gibt, die der Präsidentin ihre Tränen nicht abnahmen und angesichts ihres sonstigen Verhaltens an ihrer Aufrichtigkeit zweifelten? Eine andere Szene unterstreicht das. Su-Jin Jang als Allegorie des Staates wird interviewt zu dessen Daseinsform und Aufgaben. "Hat der Staat jemals Liebe empfunden?", wird sie am Ende gefragt. "Nein", sagt sie nach langem Zögern.

Before after
von Creative VaQi, Seoul
In koreanischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Regie: Kyungsung Lee. Bühne und Kostüme: Seung-Ryul Shin, Licht: Hyek-Yoon Go, Sounddesign: Kayip, Dramaturgie Kang-Hee Jun, Voice Coach: Jungsun Choi, Movement Coach: Soyoung Lee.
Mit: San-Ha Chae, Su-Jin Jang, Sung-Ik Jang, Da-Huin Kim, Kyung-Min Na, Soo-Yeon Sung
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

 

Zur "Theaterlandschaft Südkorea" von Jan Creutzenberg

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