Der Getreidespeicher – Natalia Vorozhbyt und das Erste Kinder- und Jugendtheater Lwiw zeigen ein Stationendrama aus der Sowjetzeit

In diesem Dorf tanzt niemand mehr

von Simone Kaempf

Heidelberg, 7. Mai 2017. Die heilige Muttergottes höchstpersönlich spricht und winkt mit den Armen. Natürlich nicht wirklich, ein kulakischer Bauer macht sich nur einen Spaß. Er ist in die russische Ikone geschlüpft und ulkt herum, zum Vergnügen aller auf dem Sommerfest. Die Stimmung ist ausgelassen wie auf einem Bauernfest irgendwo am Don. Man singt und tanzt, die Obrigkeiten lachen mit. Noch. Denn die Verhältnisse kippen so schnell, wie die Bolschewisten die Revolution ausrufen in "Der Getreidespeicher" vom Ersten Kinder- und Jugendtheater in Lemberg.

Erst strahlt die Ikone, dann schwingen die Bauern rote Fahnen auf der Bühne. Regisseur Andrij Prychodko erzählt in schnellen, intelligenten Bildern – anfangs zumindest –, wie eine Dorfgemeinde unter die Knute des Kommunismus gerät. Und der bringt nichts Gutes für die Menschen, sondern nur eine große Hungersnot, die am Ende kaum jemand aus dem Dorf überlebt.

Unermessliches Leiden

Das Stück stammt aus der Feder von Natalia Vorozhbyt, Mitgründerin der dokumentarisch arbeitenden Theatergruppe Theatre of Displaced People, als Schauspielerin beim Stückemarkt in Wo ist Osten? zu sehen. "Der Getreidespeicher" basiert auf Erinnerungen ihrer Großmutter, heißt es, die jene große ukrainische Hungersnot überlebt hat, bei der in den 1930er Jahren unzählige Menschen starben. Ob dieses Massensterben künstlich durch die Sowjetunion herbeigeführt war, diese Diskussion flammt alle paar Jahre wieder neu auf.

Getreidespeicher 700Noch schwingen die Bauern die roten Fahnen, doch das Leiden folgt im "Getreidespeicher" auf dem Fuße
© Marianna Pavliuk

Vorozhbyt meidet zwar die Schuldfrage, aber mit der Enteignung durch die Sowjets geht sie ziemlich deutlich ins Gericht und erzählt von dessen zerstörerischer Wirkung. Der bärbeißige Bauer Samson ahnt es misstrauisch, wenn er fragt: "Erst nehmt ihr alles weg, dann verschenkt ihr es wieder?" In der Matroschka-bunten Inszenierung wird der Alltag bald härter. Auf anfangs heitere Szenen folgen zunehmend düstere etwa auf dem Friedhof.

Zwischendurch kündigt sich ein Amerikaner an, der im Dorf einen Film drehen will. Das lustige Sommerfest aus alten Zeiten soll für ihn noch einmal inszeniert werden. Doch das Singen und Tanzen haben die Dorfbewohner längst verlernt. Vor Hunger geschwächt halten sie mit Müh und Not die Stalin-Plakate in die Höhe. Die Filmproben enden in einem Blutbad, weil ein Genosse um sich schießt als die hungernden Dörfler den Speisesaal stürmen.

Folkloristische Zutaten

Für den Abend ist das noch nicht genügend Leid. Man kauert fortan auf dem Boden, Kunstschnee rieselt sanft auf leblose Körper. Bis am Ende alle Schauspieler nochmal in historischen Trachten Volkslieder singen und im Publikum Brot verteilen. Diese folkloristischen Motive ziehen sich durch den Abend, die Botschaft aber steht von Anfang an fest, und man fragt sich bei diesem letzten der ukrainischen Gastspiele, für wen es eigentlich gemacht ist.

"Der Getreidespeicher" läuft im Programm des Ersten Kinder- und Jugendtheaters Lwiw, aber selbst als erwachsenem Zuschauer geht einem die Puste aus für das pathetisch breitgetretene Leid der Dorfbewohner und für die wie Propaganda wirkenden folkloristischen Zitate. Willkürlich werden alte Filmaufnahmen mit bolschewistischen Aufmärschen gezeigt, aber aufklärerisches Dokumentartheater streift die Szene nur. Gut möglich, dass der Abend in Lemberg nochmal anders funktioniert, dort, wo Erzählungen aus der Zeit dieser schlimmen Hungersnot in den Familien kursieren und manche Erinnerung angesichts der russischen Annexion der Krim geweckt ist. Beim Gastland-Schwerpunkt hinterlässt der Abend als Stationendrama gemischte Gefühle, die anderen Gastspiele wirkten direkter, dringlicher und ästhetisch mehr auf der Höhe der Zeit.

 

Der Getreidespeicher
von Natalia Vorozhbyt
In ukrainischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Erstes Kinder- und Jugendtheater Lwiw
Regie: Andrij Prychodko, Bühne und Kostüme Bogdan Polishchuk, Ton: Oleksandr Kleinos, Licht: Svitlana Korenkova.
Mit: Bohdan Balko, Dmytro Bartkov, Bohdana Bonchuk, Oleksandr Chesherov, Ihor Danchuk, Olha Hapa, Ihor Huliuk, Vasyl Kogut, Liubov Kuz, Natalija Mazur, Mykhailo Ponzel, Oleksandr Tryfoniuk, Vasyl Vasylyk, Tetiana Zakharova.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
nashteatr.lviv.ua

 

Zur "Theaterlandschaft Ukraine" von Anastasia Magazowa