Die schwarze Flotte – Die Recherche des Kollektivs correctiv.org über internationale Schiffsfrachter als großer, medial unterstützter Monolog von Kay Voges' in Szene gesetzt

Im mediterranen Sumpf

von Michael Wolf

Heidelberg, 2. Mai 2017. Die Schiffe heißen Adam, Ezadeen oder Sandy. Sie liefern Waffen in Bürgerkriegsgebiete, Haschisch und Flüchtlinge nach Europa. Womöglich hat sogar der syrische Diktator Assad seine Finger mit im Spiel. In einer aufwendigen Recherche verfolgte das gemeinnützige Reporterkollektiv correctiv.org ein internationales Netzwerk, das unter dem Radar der Justiz das Mittelmeer unsicher macht. Der Dortmunder Intendant Kay Voges hat die Story unter dem Titel "Die schwarze Flotte" Anfang dieser Spielzeit inszeniert. Eine Reportage im Theater. Kann das gelingen? Es kann.

Reporter als Held

Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz adaptiert den Stoff in Monologform mit den Reportern als Helden eines Krimis. Da wäre die italienische Schönheit Monica, die nur ungern von ihrem umbrischen Berg hinabsteigt, um Offizieren der Küstenwache Informationen zu entlocken. Da wäre Mario – Sprachgenie und Liebling überforderter Staatsanwälte – der auf seiner Suche nach Briefkastenfirmen zur Entspannung am liebsten Star Wars guckt. Und da wäre der Erzähler des Abends, der in einem Arbeitszimmer voller Bildschirme, Schautafeln und Papieren von der gemeinsamen Jagd nach den Schmugglern berichtet.

Flotte2 700 BirgitHupfeldSchiffe versenken: Info-Koordinaten medial projiziert ins Bühnenbild von "Die schwarze Flotte" © Birgit Hupfeld

In Schlabbershirt, kariertem Hemd und mit Kappe auf dem Kopf erinnert Schauspieler Andreas Beck auf der Bühne stark an den Regisseur Michael Moore. Hin und wieder blafft er das Publikum an, es solle sich eine bestimmte Information unbedingt merken, als träte er vor einer Gruppe Journalistenschüler auf. Schulz hat Beck die Rolle auf den massigen Leib geschrieben. Und der taucht geschmeidig ein in den mediterranen Sumpf, sammelt Zahlen, Details und Dokumente vom Meeresgrund auf und präsentiert seine Schätze mit breitem Grinsen. Als Medium der Rechercheergebnisse muss er sich vor Hochglanzmagazinen nicht verstecken. Schade, dass es den Beck nicht am Kiosk gibt.

Herausfordern statt überfordern

Aber der Abend begnügt sich nicht damit Journalismus zu inszenieren. Er ist auch ein Plädoyer, sich von der Komplexität der Welt herausfordern statt überfordern zu lassen. Wie ein kleines Kind freut sich der Reporter über eine neu entdeckte Datenbank, die ihm ermöglicht, die Herkunft der "Schwarzen Flotte" zurückzuverfolgen oder ein Satellitensystem, mit dem er die Frachter auf seinem Bildschirm verfolgen kann. "Vielleicht sind das ja nur Wachstumsschmerzen", beruhigt er jene, die fürchten, von einer sich immer schneller drehenden, vernetzten Welt aus der Bahn geworfen zu werden. Die Digitalisierung ist für ihn nur ein weiterer Entwicklungsschritt.

Flotte1 700 BirgitHupfeldMehr als ein Michael Moore Look-a-like: Andreas Beck als Reporter, der Wahrheiten sichtbar macht © Birgit Hupfeld


Immer wieder kommt er auf eine archäologische Sensation zurück. Den Fund Lucys, Exemplar jener Spezies, die sich zum aufrechten Gang emporschwang, um von Afrika aus die ganze Welt zu erobern. Fast zärtlich berührt er ein Skelett an der Wand. Lucy ist die zweite Hauptfigur des Abends. Die Geschichte ihrer Ausgrabung dient als Metapher für die Recherche. Und sie selbst mahnt zur Gelassenheit, vielleicht auch zur Hoffnung. "Alles hängt mit allem zusammen", verkündet der Reporter zufrieden. Wenn die Welt uns über den Kopf wächst, empfiehlt er ihn zu heben, um aufrecht und aufrichtig das große Ganze zu betrachten.

 

Die schwarze Flotte
von Anne-Kathrin Schulz, frei nach einer Recherche von Cecilia Anesi, Frederik Richter, Giulio Rubino und David Schraven (CORRECT!V)
Uraufführungs-Gastspiel
Regie und Bühne: Kay Voges, Kostüme: Mona Ulrich, Komposition: T. D. Finck von Finckenstein, Video-Art: Julia Gründer, Tobias Höft, Mario Simon, Licht: Sibylle Stuck, Ton: Gertfried Lammersdorf, Dramaturgie: Michael Eickhoff. Mit: Andreas Beck.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.theaterdo.de

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren