Von der Rolle

April 2018. Wie muss eigentlich eine Rolle beschaffen sein, damit ein Schauspieler Lust hat, sie zu spielen? In der zeitgenössischen Dramatik sind solche Fragen aus der Mode gekommen. Diskutiert wurde zuletzt vor allem über Textflächen, neues politisches Schreiben oder Arbeits-Bedingungen für Dramatiker. Es wird Zeit, mal wieder genauer zu fragen, was die Figuren und ihre Rollen in einem Stück eigentlich ausmachen: Was erwarten Schauspieler von Rollen in Theaterstücken? Wann merkt ein Autor, dass eine Rolle funktioniert? Wie viel tut ein Regisseur bei der Suche nach dem Charakter hinzu?

Wir haben mit der Schauspielerin Constanze Becker, fest am Berliner Ensemble engagiert, dem Dramatiker Moritz Rinke, der dort das Autorenprogramm leitet, und dem freien Regisseur Christian Weise über die Bedeutung der Rolle heute gesprochen.

nachtkritik.de: Frau Becker, gibt es etwas, was Sie grundsätzlich von einem szenischen Text erwarten?

Constanze Becker: Nein, ich finde es im Gegenteil spannend, wenn ein Text etwas sperriger ist. Es fällt mir leichter, wenn ich einen gewissen Abstand zu einer Rolle habe, weil ich dann anfangen kann zu suchen. Da fällt mir sehr viel mehr ein, als wenn das abgeglichen ist mit dem, wie ich mich selbst sehe. Ich arbeite gerade an dem Stück "Krieg" von Rainald Goetz und mir ist das Lernen noch nie so schwer gefallen. Es ist die Hölle.

nachtkritik.de: Warum?

Constanze Becker: Das sind unendliche Wortergüsse, Aufzählungen und Wiederholungen. Ich muss mir da was bauen, damit überhaupt eine gedankliche Verbindung entsteht. Das ist eine wahnsinnige Arbeit. Stücke, in denen Menschen etwas miteinander zu tun haben, sind leichter, weil sich die Dinge aufeinander beziehen.

nachtkritik.de: Moritz Rinke, was sind denn für Sie gute Rollen?

Moritz Rinke: Was Constanze hier anspricht, ist vermutlich der Unterschied zwischen flächigeren Texten – ich scheue mich, dieses Reizwort Textfläche gleich zu verwenden – und Stücken. Rainald Goetz hat ja gar nicht den Anspruch, Figuren zu schreiben oder an psychologischer Nachvollziehbarkeit zu arbeiten. Seine Gedankenverdichtungen lassen sich szenisch und spielerisch nicht unbedingt einholen. Textflächen brauchen eigentlich immer noch einen zweiten Autor. Das sind dann die Schauspieler oder der Regisseur, wenn sie dieses Material szenisch auflösen. Schauspieler fangen dann an, etwas leibhaftig werden zu lassen. Ich vermute mal, Constanze, bei euch wird es am Ende auch so sein, dass aus der Fläche etwas Konkretes entsteht. Am Ende dieses Vorgangs steht dann eine Figur. Was sollen die Schauspieler sonst auch spielen? Mit einer Textfläche allein werden die meisten Schauspieler nicht glücklich.

nachtkritik.de: Das war jetzt ex negativo argumentiert. Wie würden Sie denn positiv formulieren, was eine Rolle ausmacht?

Moritz Rinke: Ich bin ja auch auf Constanzes "Höllenproben" eingegangen. Im Prinzip ist das Schreiben mit Figuren für den Autor immer schon eine Probenarbeit, eine imaginierte Probe. Ich stell mir beim Schreiben immer Schauspieler vor, und das heißt natürlich: rinke 2012 c Joscha JenneenMoritz Rinke
© Joscha Jenneßen
Man denkt den Körpergestus eines Schauspielers mit. Also: Constanze Becker hat eine bestimmte Art, sich Rollen anzueignen, Ulrich Matthes, mit dem ich früher viel gearbeitet habe, hat eine bestimmte Art, sich Rollen anzueignen. Man muss wahnsinnig genau sein, wenn man Menschen von Menschen erzählen lassen will und das, was zwischen Menschen passiert in einer Szene. Wenn man beobachtet, wird man sofort differenziert. Und je differenzierter es wird, desto mehr zwingt es, oder lädt die Schauspieler ein, genau zu sein und der Differenziertheit erst einmal zu folgen.

nachtkritik.de: Christian Weise, wann erkennt man als Regisseur, dass eine Rolle gut ist? Schon beim Lesen? Oder bei der Probe?

Christian Weise: Beim Lesen. Ich achte darauf, wie das Verhältnis zwischen den Figuren beschaffen ist und wie die Situationen aussehen, in denen sie sich begegnen. Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem ob es zum Beispiel ein Shakespeare ist oder ein Stück von Yasmina Reza oder "Alles Schwindel". Das ist ein Singspiel, das ich gerade am Maxim Gorki Theater inszeniert habe, mit klar gezeichneten Figuren, die man bedienen muss. Je offener der Text ist, umso mehr denke ich mir zusammen mit den Schauspielern aus. Bei einer Textfläche stellen sich für mich die Fragen: Was für eine Grundsituation ziehe ich da raus? Wie viele Schauspieler in was für einer Konstellation besetze ich? Was für Figuren entstehen?

nachtkritik.de: Empfinden Sie sich dabei als Autor, so wie Moritz Rinke das sagt?

Christian Weise: Ganz und gar nicht. Ich habe Hochachtung vor dem Autor. In den Anfängen meines Studiums hat die Gruppe, der ich mich verbunden fühlte, Manifeste mit der Forderung geschrieben, dass man dem Autor wieder folgen soll. Wir haben damals Brechts "Maßnahme" eins zu eins gespielt. Einfach, um herauszufinden, was Brecht eigentlich damit gemeint hat, wenn sich die Leute hinstellen und ungebrochen das Lied vom Kommunismus singen.

nachtkritik.de: Wird jeder Text durch die Bearbeitung der Schauspieler*innen zu Figuren?

Constanze Becker: Ich sehe mich in erster Linie als Interpret und nicht als Künstler. Ich interpretiere etwas, was ein Autor mir liefert, was ein Regisseur mit mir erarbeitet, und stelle dann meine Interpretation dazu. Dadurch kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sich von sich selber entfernt und eine Figur annimmt durch diese Arbeit. Nur dastehen und einen Text darbieten ist, glaube ich, sehr undankbar für die, die unten sitzen. Meine Arbeit – oder unser aller Arbeit – lebt ja von der Empathie des Zuschauers mit dem, was oben auf der Bühne passiert. Es muss irgendeine empathische Verbindung geben, mit einer Figur oder einem Thema oder einer Interpretation.

nachtkritik.de: Wie entwickeln Sie denn eine Figur? Gehen Sie vom Text aus, von der Sprache? Oder entwickeln Sie schon beim Lesen eine Haltung?

Constanze Becker: Ich gehe vom Text aus und entwickle auch beim Lesen eine Haltung, aber erst mal die, die den Text strukturiert, die versucht, ihn zu verstehen, ihm zu folgen.

nachtkritik.de: Lesen Sie den Text laut?

Constanze Becker: Nein. Ich lese ihn das erste Mal laut auf der Konzeptionsprobe. Was auch viel mehr Spaß macht, weil man dann mit anderen zusammen liest, und dadurch ergeben sich schon gleich andere Sachen. Ich muss mir das zu Hause nicht laut vorlesen.

Christian Weise: Ich lese immer laut.

Moritz Rinke: Ich auch. Am besten beim Laufen. Im Charlottenburger Park halten mich die anderen Jogger für einen Borderliner.

nachtkritik.de: Was ist der Unterschied?

Christian Weise: Beim stillen Lesen überfliege ich das eher. Beim lauten Lesen muss ich irgendwas spielen, also interpretieren.

Constanze Becker



Constanze Becker
© Screenshot Video Matthias Hecht
Constanze Becker:
Ich glaube, das ist da meine Angst, dass ich mir da schon zu viele eigene Vorstellungen mache, und dann komme ich zur Konzeptionsprobe und dann sagt mir der Regisseur: Das spielt aber ganz woanders, als du dir das gedacht hast.

Moritz Rinke: Ich musste mal im Film eine Rolle von mir selber spielen. Als ich sie schrieb, wusste ich das aber noch nicht. Beim Spielen hatte ich mir eine bestimmte Figur erarbeitet, die aber von der geschriebenen Figur abwich. Also habe ich die Rolle geändert und den Autor korrigiert. Das war so eine Art Doppelspiegel zwischen mir als Spieler und mir als Autor.

nachtkritik.de: Hat Ihnen diese Erfahrung beim Schreiben geholfen?

Moritz Rinke: Das hat sehr geholfen. Schauspieler waren für mich ja immer das Größte am Theater, weit mehr als - pardon - Regisseure ...

Christian Weise: Ist schon okay!

Moritz Rinke: Du hast vorhin das Wort "bedienen" gesagt. Ich finde das für das Verhältnis Autor- Regisseur ein bisschen besorgniserregend, also, dass man bestimmte Situationen spielen muss, damit das Stück funktioniert. Das ist meistens bei neueren Stücken der Fall, weil man ja erst einmal die Geschichte vorstellen muss. Man sollte ja nicht gleich eine Dekonstruktion liefern, warum dann uraufführen? Dieses Bedienen ist bei vielen Regisseuren leider negativ besetzt. Aber ich glaube, dass man, wenn man den Vorgaben eines Stücks zunächst einmal mal folgt, in ihm eine ganze Menge Freiraum findet. Regisseure reißen ja oft die Außenwände eines Stückes ein bevor sie überhaupt die Innenräume besetzt und ausgemessen haben.

Christian Weise: Ich meinte das auf die Rolle bezogen: die Rolle bedienen. Beim Stück würde ich das anders sagen.

nachtkritik.de: Nun gibt es aber in der Dramatik schon seit Jahrzehnten die Tendenz zu Textflächen. Was bedeutet diese Entwicklung?

Christian Weise: Die Textfläche ist situativ meist unkonkret. Wenn es der Text nicht vorgibt, muss ich zusammen mit den Schauspielern und dem Dramaturg einen Figurenfluss oder einen Ablauf entwickeln.

nachtkritik.de: Wirkt das per se auch auf die Rollen?

Christian Weise: Nein, da muss man unterscheiden. Das eine ist der Text und das andere ist die Rolle. Man kann sich natürlich sehr gut darüber streiten, wie man "Rolle" definiert. Für mich ist jede Rolle und jeder Vorgang, der auf der Bühne stattfindet, psychologisch begründet. Ich kann eine Figur nur psychologisch denken und jede Aktion der Figur nur psychologisch begründen. Auch bei der Textfläche. Da kommt nur die Psychologie oft nicht aus dem Text. Ein Autor schreibt zum Beispiel: Er geht da rüber. Das kann ich so inszenieren oder ich sage: Er geht jetzt doch nicht da rüber, sondern alle anderen gehen da rüber, das ist besser für den szenischen Ablauf. Bei vielen Stücken, wie zum Beispiel bei "Alles Schwindel", kreiert das aber keine neue Spannung, es macht nur die Szene kaputt. Deswegen sage ich ja auch: Man muss Rollen in bestimmten Stücken bedienen, damit die überhaupt stattfinden. Sie müssen tun, was der Autor will. Bei Textflächen funktioniert das anders.

nachtkritik.de: Gibt es auch Stücke mit Rollen, die so unstimmig sind, dass man sie gar nicht psychologisch herleiten kann? Ist das dann auch eine schlechte Rolle?

Christian Weise: Schlecht würde ich nicht sagen. Im Absurden Theater zum Beispiel sagen die Figuren ganz oft Sachen, die keinen Sinn ergeben. Ich habe zum Beispiel den Text "Blumenkohl" und gebe dir die Hand. Dann wird das konkret und der Text bekommt auf einmal einen Sinn. Das kann durchaus eine spielbare Rolle sein.

Moritz Rinke: Ich würde gar nicht von Rolle sprechen, ich würde von Figur sprechen. Das Wort hat mehr Öffnung für die Schauspieler.

Constanze Becker: Es gibt auch Autoren, die in ihren Stücken eine Textfläche auf Leute verteilen, die zum Beispiel Judith, Dieter und Martin heißen, aber die alle in derselben Sprache über ein Thema quatschen. Vielleicht vertritt Martin den einen Standpunkt und Judith ist eher ein bisschen kontra oder links rechts oben. Aber das sind keine Menschen. Das finde ich sehr schade, weil es so einen Spaß macht, die Komplexität und auch die Widersprüchlichkeit von Menschen zu spielen. In kanonischen Stücken findet man diese Menschen und deswegen haben die auch so lange überlebt. Weil man immer einen Aspekt findet, der für uns gerade interessant ist und die Figuren trotzdem Menschen bleiben können.

nachtkritik.de: Menschen tauchen doch aber auch in zeitgenössischen Stücken auf. Wo liegt der Mangel?

Constanze Becker: Die Uneindeutigkeit, die Menschen ausmacht. Menschen sind nicht geradlinig, logisch und reden ständig kluge Dinge. Man möchte ja unten sitzen und klüger sein, um anderen beim Scheitern zuzusehen. Egal, ob man ein komisches oder ein tragisches Stück sieht. Reine Klugheit ist sehr unsexy. Ich liebe es, doofe Menschen zu spielen.

Christian WeiseChristian Weise 
© Adrian Vazquez Rey
Christian Weise:
Ich glaube, es hapert bei vielen Autoren an der Technik. In Amerika gibt es bei jedem Film hundert Skriptdoktoren. Vor kurzem war ich in London im Theater. Wenn die ein Gegenwartsstück machen, dann stimmt die Dramaturgie von hinten bis vorne. Die können das wirklich sehr gut. Diese Art der Technik, dieses szenische Schreiben, das gibt es meiner Meinung nach zu wenig bei uns.

Moritz Rinke: Es geht um Genauigkeit. Bei einer Textfläche kann man über vieles hinweggehen. Die kann man von außen bewundern und sagen: was für ein intellektueller Diskurs, was für ein Material. Oder man kann sie nicht verstehen und sagen: Ich komm nicht rein, es ist die Hölle. Anders ist es, wenn du Figuren hast und das Spiel zwischen ihnen. Oh Gott, ich klinge wahrscheinlich ein bisschen wie Oliver Kahn im ZDF, wenn er die Psyche von Spielern erklärt … Also: Wenn du Figuren hast, dann musst du immer genauer werden. Und je genauer du wirst, umso angreifbarer machst du dich auch. In einer konkreten Szene erkennt man viel leichter eine Schwäche. Deswegen ist das Figuren- oder Rollenschreiben auch so angreifbar. Man gibt sich tausend Blößen, weil man eben Menschen beschreibt. Das ist eben komplett anders und ich behaupte, schwerer als eine Textfläche. Wir versuchen gerade am Berliner Ensemble, den Schreibprozess selbst am Theater stattfinden zu lassen. Da kommt der Regisseur schon vor Abschluss des Stücks dazu, da lesen Schauspieler verschiedene Fassungen. Von guten Schauspielern kann man lernen, Figuren nicht zu verraten, nicht lächerlich zu machen, sondern glaubhaft zu sein. Oft merkt man erst auf der Probe, dass man noch Text wegnehmen kann. Die Gegenwart der Schauspieler reduziert das, was man geschrieben hat, weil auch körperlich etwas vorhanden ist. Deswegen ist es so wichtig, sich als Autor an Schauspielern zu halten.

Christian Weise: Ich finde das sehr gut. Wenn ich richtig verstehe, wollt ihr in eine Interaktion treten?

Moritz Rinke: Wir haben das ein bisschen amerikanisiert. Es werden auch Treatments geschrieben. Themen und Figurenentwicklung stehen im Vordergrund. Wir gehen erst mal einen inhaltlichen Weg, bevor die Form kommt.

nachtkritik.de: Ist es die Regel oder die Ausnahme, dass Sie wissen, wer welche Rolle spielen wird, wenn Sie ein Stück schreiben?

Moritz Rinke: Nicht bei allen Figuren. Jetzt gerade schreibe ich zum Beispiel ein Stück, eine ganze neue Fassung der Wahlverwandtschaften, ohne, dass da ein einziges Wort von Goethe vorkommt. Da gibt es eine sehr starke, in sich ruhende Frau, fast eine Königin. Das ist eine auf den ersten Blick sehr ernsthafte Frau, die aber auch einen Tick ins Absurde, Wahnwitzige hat, einen Hang zur Eskalation. Und da denke ich beim Schreiben an Constanze, die in meinem Stück "Wir lieben und wissen nichts" gespielt hat. Das war übrigens keine Rolle, die ich für sie geschrieben habe. Die Aufführung habe ich oft gesehen und andere Figuren, die sie verkörpert hat.

nachtkritik.de: Jens Harzer hat bei der Verleihung des Boy-Gobert-Preis geklagt, dass die Regisseure die Schauspieler zu dramaturgischen Mithelfern machen würden, anstatt mit ihnen die Rolle zu erarbeiten. Gibt es da eine Tendenz der Regisseure?

Christian Weise: Das mache ich nicht.

Constanze Becker: Das kann ich auch nicht unterschreiben. Ich mag es sehr, wenn der Regisseur auch dramaturgisch einen Plan hat. Dann muss ich mich darum nicht kümmern. Aber das ist auch von Stück zu Stück verschieden. Es gibt auch Stücke, die entstehen im Miteinander. Prinzipiell ergibt die Arbeitsteilung zwischen Regie und Schauspiel schon Sinn. Wenn der Regisseur den Schauspieler lenkt und korrigiert und auf eine Bahn setzt, aber auch mit seiner Fantasie machen lässt.

Moritz Rinke: Jens Harzer beschreibt ein Systemproblem. Das System sieht vor, dass Regisseure klare Handschriften zu Markte tragen. Das betrifft die Form, aber eben auch die eventuell dramaturgische Weiterschreibung des Stücks, den sie mehr als Stoff betrachten. Ich beschreibe das ganz wertfrei. Ich habe mal einen Regisseur erlebt am Hamburger Thalia Theater, der in großer Konkurrenz stand zu einem anderen Hausregisseur. Und dann kam mein Stück raus und ich war sehr glücklich über seine Arbeit. Ich habe zu ihm gesagt: "Das war so toll auf der Probe mit den Schauspielern." Und er hat antwortet: "Ja, aber so arbeite ich nie wieder. Ich komme ja gar nicht vor!" Ich glaube, in diesem Dilemma befinden sich Regisseure oft. Wenn sie sich konzentriert mit den Schauspielern beschäftigen und das Stück atmet und die Geschichte ist da, dann glauben sie, dass andere glauben, der Regisseur würde verschwinden. Eigentlich ist es wunderbar, wenn der Regisseur verschwindet. Ich suche immer nach einem Regisseur, der so groß und entspannt ist, dass er verschwindet und einem dann wieder in den Sinn kommt, wenn man wie wild die Schauspieler feiert. Ich hoffe, das Bild ist klar.

Christian Weise: Aber das ist doch auch Konzept und Marketing. Ich würde das nicht unterscheiden.

Moritz Rinke: Ein anderes, konkreteres Beispiel: Es gibt in den sogenannten Provinzen handwerklich extrem gute Regisseure. Die kommen aber nie an die großen Häuser, weil sie als langweilig gelten. Sie arbeiten quasi im Innenraum eines Stückes und nicht im Dachstuhl über dem Stück.

Christian Weise: Da muss ich ganz klar widersprechen. Zunächst gibt es viele langweilige Regisseure an den großen Häusern, ganz klar. Da muss ich auch gegen meine eigene Zunft austeilen. Aus meiner Erfahrung gibt es aber in der sogenannten Provinz auch sehr viele Regisseure, die im sogenannten Dachstuhl arbeiten und dort große und sehr gute Konzepte auf die Bühne stellen. Dass die nicht an den großen Häusern arbeiten, hat nichts mit der Rolle zu tun oder mit der Arbeit mit den Schauspielern.

Moritz Rinke: Das ist jetzt ein Missverständnis. Ich meine es in Bezug auf Gegenwartsdramatik. Warum gibt es so wenig Uraufführungen neuer Stücke durch sogenannte große Regisseure? Das kann man messen. Das hat mit der Attraktivität zu tun, das wollte ich sagen. Bei einem neuen Stück ist die Herausforderung erst einmal: zurücktreten und das Stück dem Publikum erzählen. Regisseure mit marktwirksamen Handschriften interessiert das weniger. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Uraufführungen meistens in den kleinen Häusern und Studiobühnen stattfinden.

Christian Weise: Ich glaube, es liegt daran, dass viel zu wenig Networking betrieben wird. Ich arbeite mit Sören Voima seit vielen Jahren zusammen. Das machen wir, weil wir uns kennen und gemeinsame Interessen entwickelt haben. Woran es krankt, ist doch, dass ich von einem Intendanten angerufen werde und der sagt: "Ich habe eine Uraufführung bekommen, machst Du das?" Dann lese ich das Stück und sage: "Gute Idee, aber es ist nicht rund, ist denn der Autor ansprechbar?" Der Autor sagt aber: "Nee, das ist fertig." Und ich antworte ihm: "Lass uns das mal mit Schauspielern lesen, dann wirst du sehen und hören, dass das hinten und vorne nicht stimmt." Wenn ihr es am Berliner Ensemble schafft, diesen Prozess produktiv zu bekommen, ist das wunderbar! Ich habe mal, weil wir uns kennen, mit Falk Richter ein Projekt zusammen gemacht, das auf seinen Stücken basierte. Ich habe erst alle seine Stücke gelesen, ihm gesagt, welche Szenen mir gefallen und aus denen hat er ein neues Stück gebaut und fehlende neu geschrieben. Diese Zusammenarbeit hat auch Spaß gemacht.

nachtkritik.de: Constanze Becker, haben Sie mal eine Situation erlebt, in der Sie ein neues Stück bekommen haben und dachten, nein, das kann ich nicht, ich finde keinen Zugang?

Constanze Becker: Ich habe jetzt bei dem Goetz schwer zu arbeiten, diese Mengen an Text zu bewältigen und mir etwas auszudenken. Und die Probenzeit ist wahnsinnig wenig für so ein Ding. Wir haben jetzt noch viereinhalb Wochen und das ist fast unmöglich. Um das Beispiel Falk Richter aufzugreifen, mit dem ich auch zwei Arbeiten gemacht habe: Das war sehr unterschiedlich, ich habe mit meinen Texten in den beiden Stücken immer sehr viel anfangen können, ich fand die immer grandios. Mit anderen Textstellen weniger, die hätten mir Schwierigkeiten bereitet.

nachtkritik.de: Das klingt wie ein Beispiel dafür: wenn man als Dramatiker die Schauspieler kennt, kann man die Rollen im guten Sinne für sie schreiben.

Constanze Becker: Oder ihnen zumindest Material zuordnen, und man weiß, wenn ich das Frau Becker gebe, wär’s nicht so gut.

nachtkritik.de: Sie haben gerade von der wenigen Zeit gesprochen. Liegt es an den veränderten Arbeitsbedingungen, dass der Stadttheaterbetrieb stärker getaktet ist und fehlt ausreichend Zeit, eine Rolle zu entwickeln?

Constanze Becker: Für einen normalen zwei bis zweieinhalb Stunden Abend sind sieben Wochen okay. Es gibt Regisseure, die brauchen weniger, Michael Thalheimer bekam für "Penthesilea" einst acht Wochen, am Ende hat man wieder Zeit weggenommen, und wir waren immer noch anderthalb Wochen zu früh. Er weiß klar, was er will und irgendwann ist es fertig. Andere Regisseure könnten ein halbes Jahr proben, da wird man nie fertig. Jürgen Gosch hätte zwei Wochen oder zwei Jahre proben können, es wäre immer etwas gewesen, es war ein stetiger Prozess und zur Premiere hat man das genommen, wo man gerade war.

nachtkritik.de: Braucht es aus Ihrer Sicht denn eigentlich wirklich immer wieder neue Stücke und Stoffe? Immerhin haben wir ja einen Kanon antiker und klassischer Stücke, der immer noch spielbar ist. Was würde fehlen ohne Gegenwartsdramatik auf den Bühnen?

Christian Weise: Unsere heutige Erfahrung von Welt ist wichtig und muss beschrieben werden. Darin sehe ich unseren Kulturauftrag. Dafür braucht es den Gegenwartsautor unbedingt, weil sein Blick aus der Jetztzeit kommt. Das ist noch mal etwas anderes, als meinen Blick durch Shakespeare hindurch auf die Gegenwart zu richten.

Constanze Becker: Ich finde Stücke wichtig als Gegenwartsdokumente. Mir geht es – um noch ein letztes Mal auf meine jetzige Arbeit zu kommen – mit einem Stück aus dem Jahr 1986 schon so, dass man denkt: Das ist ja lange her. Wir hatten zum Beispiel auf der Probe eine hitzige Diskussion darüber, ob man das Wort N***r sagen dürfe, das im Text steht. Einige meinten, dass das sicher negativ kommentiert würde. Andere sagte, dass der Text eben ein Zeitdokument sei. Man muss auch Stücke aus ihrer Zeit heraus begreifen. Heute würde das so nicht mehr geschrieben. Ich finde es wichtig, dass es Stücke gibt, die ihre Zeit abbilden.

Moritz Rinke: Es wäre schade, wenn man es aufgeben würde. Die Menschen in zweitausend Jahren wollen doch bestimmt auch wissen, wie wir gelebt haben.

 

Das Gespräch führten Simone Kaempf, Georg Kasch und Michael Wolf im Februar 2018.

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