Theaterlandschaft Ukraine – Die Bühne als Weg der Aussöhnung: zum Status Quo des ukrainischen Theaters

Krieg im Land und auf der Bühne

von Anastasia Magazowa

April 2017. Ein Ziegelbau. Betonstahlstäbe an der Decke. Es ist dunkel und kalt. Durch trübe Strahlen des Scheinwerferlichts ist nur eine Frau in der Ecke des Raumes zu sehen. Im Tarnanzug. Sie sitzt, den Kopf gesenkt, nur ihre hellen Haare bewegen sich im Wind. Galina Dschikajewa, die Schauspielerin des Kiewer "PostPlayTeatr", spielt im Ein-Personen-Stück "Die Aufständischen" einen pro-russischen Separatisten.

Das "PostPlayTeatr" vereint junge Theaterschaffende aus Kiew, von der Krim und aus dem Donbass. Es wurde im Dezember 2015 gegründet – mit dem Vorhaben, die drängendsten sozialen Probleme der Ukraine mit Hilfe neuer dramatischer Formen zu bearbeiten. Gerade, weil der Großteil der Schauspieler aus den besetzten Gebieten kommt, sind der Krieg im Donbass, die Vertreibung und die Annexion der Krim zu zentralen Themen ihrer Arbeit geworden.

Suche nach Antworten

Die ukrainische Theaterszene hat sich nach der Revolution von 2014 thematisch und formell stark verändert. Die zeitlose Klassik vermag es nicht mehr, auf die Fragen der traumatisierten ukrainischen Gesellschaft zu antworten. Es ist nicht nur die Revolution, die zu einem Machtwechsel geführt hat und das Wertesystem und somit auch das Weltbild der Menschen nachhaltig verändert und geprägt hat. Die Annexion der Krim und der beginnende Krieg haben die Bürger dieses jungen Staates erschüttert. Noch nie in ihrer jungen Geschichte seit der Unabhängigkeit vor 26 Jahren war die ukrainische Gesellschaft direkt mit einem bewaffneter Konflikt konfrontiert, der seinen Mitbürgern den Tod bringt. Seit dem Ausbruch des Krieges im Osten der Ukraine sind rund 10.000 Ukrainer gestorben und annährend zwei Millionen Menschen zu Binnenvertriebenen geworden. Menschen, die ihr Zuhause aufgegeben haben, um vor dem Krieg zu flüchten. Das ukrainische Theater hat als eine der ersten Institutionen versucht, sich dieser Themen anzunehmen.

PostPlay2 700"Die Aufständischen" © PostPlayTeatr

Der Krieg und seine Folgen haben starke Impulse für die Entwicklung der ukrainischen Theaterszene gebracht. In den vergangenen drei Jahren haben viele Theater-Vereinigungen begonnen, mit Formen und Inhalten zu experimentieren. In den meisten Fälle haben die Schauspieler und Regisseure den Krieg am eigenen Leib erfahren.

 Die Krise im Land hat aber auch auf die finanzielle Situation der Theater in der Ukraine maßgeblichen Einfluss. Die meisten Theater in der Ukraine sind staatlich und werden mit Steuergeldern finanziert Das Gesetz "Über Theater und Theatertätigkeiten" schreibt genau fest, dass der Staat für die materielle Ausrüstung und die Entwicklung des Theaters im Land verantwortlich ist. Der Kulturminister Jewgenij Nischtschuk gibt jedoch offen zu, dass die Theater, die schon vor dem Krieg unter Geldmangel zu leiden hatten, in den vergangenen drei Jahren in eine noch schlechtere Lage geraten sind. Da die budgetären Mittel für die Theater gekürzt wurden, mussten viele staatliche Theater im gesamten Land schließen.

Trotz dieser katastrophalen Situation organisieren die Leiter der staatlichen Theater auch weiterhin Gastspiele und Premieren. Sie kommentieren das meist so: "Wir verstehen, dass es im Land Krieg gibt und die Kultur keine Priorität hat. Aber das sollte kein Grund kein, dass das ukrainische Theater ausstirbt." Für die neu geschaffenen, freien Theater ist eine staatliche Finanzierung erst gar nicht vorgesehen. Sie werden nur mit Zuschüssen oder von Wohltätern unterstützt. Bis heute gibt es in der Ukraine keine Mechanismen und Wettbewerbe, die es ermöglichen würden, staatliche Mittel unter allen Mitwirkenden des Theaterbetriebs gleichmäßig aufzuteilen.

Diskussion anstoßen

Eines der neuen Theater ist das Kiewer Dokumentartheater "PostPlayTeatr". Auf seinem Spielplan steht das Einpersonenstück "Die Aufständischen". Es ist eine monologische Beichte eines Bewohners von Donezk, er nach der Maidan-Revolution in der Ukraine die pro-russischen Separatisten unterstützt. Eine der Schauspielerinnen des Theaters hat diesen Menschen zufällig im Zentrum von Kiew getroffen. Das Gespräch, das daraus folgte, hat sie auf Diktiergerät aufgenommen. Später ist aus diesem Gespräch das dokumentarische Stück von Jana und Dan Gumannij entstanden.

"Als wir diese Geschichte gehört haben, haben wir gewusst, dass wir diesem Menschen eine Stimme geben müssen», erklärt Dschikajewa, die im Stück den pro-russischen Kämpfer verkörpert. Man habe für die Rolle ganz bewusst eine Frau ausgewählt, "damit es die Möglichkeit gibt, sich vom Helden zu lösen. Wir wollten genau über diese Person berichten, aber nicht mit dem Antlitz eines Mannes." Im Laufe einer Stunde erzählt der Separatist über den Beginn des Krieges, über den Beschuss von Donezk durch die ukrainische Armee, über die humanitäre Krise und die Entscheidung des Mannes, sich dem "Aufstand" anzuschließen. "Ich habe eine kleine Tochter, und ich habe meine Arbeit verloren ... Ja, ich habe getötet ...", sagt der Held, verkörpert von der Schauspielerin. "Ich bin weder für die Ukraine, noch für Russland, ich bin für den Donbass! Ich konnte einfach nicht mitansehen, wie meine Stadt und mein Leben zerstört wird. Ich hatte Glück, und habe mit dem Aufstand angeschlossen und auch etwas Geld verdient." Dann erzählt er, wie er selbst gezwungen war, vor den pro-russischen Kämpfern aus Donezk zu fliehen und in Kiew Unterschlupf fand.

PostPlay3 700"Die Aufständischen" © PostPlayTeatr

Der Zuseher wird über den gesamten Verlauf des Stückes in ständiger Spannung gehalten – der Bericht löst beim Publikum Entrüstung und Grauen aus. "Ich bekomme nicht oft Geschichten über die ukrainische Armee zu hören, die nicht heldenhaft sind. Allein die Erzählung eines Menschen 'von der anderen Seite' ist unglaublich ungewöhnlich und auch unangenehm. Aber irgendwann werden wir nach einer gemeinsamen Sprache suchen müssen, deswegen ist es wichtig, sich zum Zuhören zu zwingen", kommentiert einer der Anwesenden das Stück.

Galina Dschikajewa räumt ein, dass es ihr auch nicht immer leicht gefallen sei, die Figur zu verkörpern. "Es ist mir schwer gefallen, an der Figur zu arbeiten. Ich konnte sie lange Zeit nicht in mich hineinlassen – mir ist diese Art des Denkens fremd", erzählt die Schauspielerin. "Nach zehn Aufführen ist sie mir zwar schon verständlicher geworden, aber nicht näher." Dschikajewa ist selbst eine Binnenvertriebene von der Krim, die von dort geflohen ist, weil sie von den russischen Geheimdiensten verfolgt wurde. Ihre Familie ist dort geblieben.

Theater als Therapie

Eine völlige Neuheit für die ukrainische Theaterszene ist das soziale und dokumentarische "Theatre of Displaced People", das im Oktober 2015 gegründet wurde. Die ukrainische Dramaturgin Natalja Woroschbit, der deutsche Theater-Regisseur Georg Genoux und der Psychotherapeut Aleksej Karatschinskij stehen am Beginn dieses Theaters. Sie sagen, dass es in ihrem Kollektiv keine Schauspieler, sondern nur Menschen gebe, die selbst Zeugen aller von ihnen dargestellten Ereignisse geworden seien – Binnenvertriebene. Die Stücke sind nicht frei erfunden, sondern Geschichten realer Personen, von ihnen selbst erzähl. "Die Teilnehmer müssen nicht schauspielern, weil das ihr Leben ist, ihre Emotionen, ihre Gefühle. Somit gibt es hier überhaupt nichts Unauthentisches", sagt Karatschinskij.

Einerseits gibt es in der ukrainischen Gesellschaft das Bedürfnis, die Gründe für den aufflammenden Konflikt im Land zu verstehen, andererseits bei den Leuten, die davon betroffen sind, zu erzählen, so die Dramaturgen. Auf diese Weise übernimmt das Theater die Aufgabe einer eigentümlichen Psychotherapie. Jedes Mal, wenn ein neues Theaterstück ensteht, vollzieht sich dieser Prozess der Psychotherapie – die Leute teilen ihre Erlebnisse, was wiederum ein Gefühl von Unterstützung und Selbsthilfe erzeugt. Dasselbe geschieht im Moment der Aufführung – es geht hier nicht um ein Spiel, sondern um die Bekenntnisse eines Menschen mit Problemen. Das vereint den Sprecher mit dem Publikum und gibt ihm dadurch die Möglichkeit, angehört zu werden.

Das "Theatre of Displaced People" entwickelt sich ständig weiter und hat auch schon direkt in der Nähe der Frontlinie seine Zelte aufgeschlagen. Eines seiner letzten Projekt ist das Stück "Mit voller Lautstärke" von Kindern und Soldaten, die derzeit in der entmilitarisierten, so genannten "grauen Zone" zwischen den Frontlinien, leben. Beide – offensichtlich völlig unterschiedliche – Gruppen teilen ihre Geschichten und ihre Erlebnisse mit. Die Lehrer der lokalen Schulen erzählen von ihren Ängste und vom Krieg, der bis in ihre Häuser vorgedrungen ist, und die Soldaten darüber, wie der Krieg auch ihr eigenes Leben verändert hat. Durch dieses gemeinsame Projekt sind sich Zivilbevölkerung und Armee näher gekommen, das Verständnis auf beiden Seiten hat deutlich zugenommen. Es sei genau das Fehlen dieses Dialogs, der auch ein Grund für den Ausbruch des Konflikts im Osten der Ukraine gewesen ist, sind die Theatermacher überzeugt.

So ist das Theater in der Ukraine mittlerweile nicht nur der Ort der Muse Melpomene, sondern auch eine wichtige Plattform zur Versöhnung und zum Austausch der Ukrainer untereinander.

PostPlay1 700Die Gruppe PostPlayTeatr © PostPlayTeatr

"Die Stücke des zeitgenössischen Theaters sind heute wie ein Lackmustest – sie zeigen die Stimmung in der Gesellschaft. Nach dem Ende der Aufführung reagieren die Zuschauer ganz unterschiedlich: Entweder sind sie noch betrübter, oder sie bringen jetzt mehr Verständnis gegenüber dem Feind auf und sind vielleicht sogar bereit, zu vergeben", teilt Galina Dschikajewa ihre Eindrücke von ihrem Gastspiel mit. Das neue Theater drängt dem Besucher seine Position nicht auf, sondern soll auch Raum für das Denken des Einzelnen eröffnen. Gerade eine Gesellschaft, die vom Krieg ermüdet ist, brauche diese Reflexionen, so Dschikajewa.

Wenn "PostPlayTeatr" die Möglichkeit hätten, ihre Stücke auch auf den Territorien zu zeigen, die nicht unter der Kontrolle der ukrainischen Regierungstruppen sind, dann würden sie das auch tun. "Wir haben kein Recht, den Dialog völlig abbrechen zu lassen", sagt Dschikajewa. "Es gibt Menschen, mit denen man eine Kommunikation aufbauen kann und einen Weg des gegenseitigen Verständnisses finden kann. Ein Dialog wird immer von beiden Seiten gebildet, und ich hoffe, wir können so eine kleine Brücke errichten."

Am Ende des Stückes "Die Aufständischen" erklingt das Lied "Imagine" von John Lennon, und die Heldin zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, und lässt sie alle verglimmen. Wie das Zeichen des Lebens, das im Krieg erlöscht.

 

Magazova Anastasia 180 2 Anastasia Magazowa, Jahrgang 1989, ist auf der Krim aufgewachsen und hat in Simferopol ukrainische Philologie und Journalistik studiert. Sie ist als Korrespondentin, Kolumnistin, Lektorin und Übersetzerin tätig. Zu ihren Schwerpunkten gehören Geopolitik, Gesellschaft, Geschichte und Kultur. Als freie Ukraine-Korrespondentin der taz berichtete sie vor Ort über die Ereignisse auf dem Kiewer Maidan und später über die Annexion der Krim. Im Frühling 2014 hat sie die Krim verlassen und sich der Berichterstattung über den Militärkonflikt in der Ostukraine zugewandt. Seit 2015 schreibt sie für die Deutsche Welle über die Ukraine.

 

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