Der Goldene Ronny – Regisseurin Nora Bossenius schickt in Daniel Rattheis Jugendstück zwei ungleiche Heranwachsende ins Ambiente eines Science-Fiction-Films

Leah vom anderen Stern

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 2. Mai 2017. Das Blöde an diesen Geschichten ist, dass man sofort weiß, wie sie laufen werden. Da treffen also eine schlaue verklemmte Dicke und ein zwar paddeliger, aber lässiger Loser aufeinander und – na klar! – sie können sich gegenseitig nicht ausstehen. Aber natürlich werden sie sich im Laufe so eines Stücks einander annähern, ein bisschen ineinander verlieben, und dann… Die Figuren sind Klischees, und dass die Klischees langsam ins Wanken geraten werden, ist wiederum das Klischee einer solchen Geschichte.

Das Tolle an diesen Geschichten ist, dass ihr Schema so stabil ist. Und dass man daher alles mit ihnen machen kann. Man kann sie mit den fantastischsten, den skurrilsten, den allerlustigsten Details aufladen – die Story hält das allemal aus. Und deswegen ist "Der Goldene Ronny" eine ziemlich gute Geschichte, und eine mit einem supergut dämlichen Titel dazu. Denn so voraussehbar und klischeelastig das Ganze daherkommt, so komisch wiederum hat der Autor Daniel Ratthei – der selbst aus dem Schauspielfach kommt und daher offenbar weiß, wie man Dialoge schreibt – die Welt seiner zwei Protagonisten ausgestattet.

Unterwegs zum Physics&Physical-Sportwettbewerb

Die dralle Leah und der flegelige Leo gehen nämlich irgendwo in Schleswig-Holstein auf die Juri-Gagarin(!)-Schule und werden von dort abgesandt, das Bundesland in Berlin bei den "Physics & Physical Olympics" zu vertreten, bei denen man den titelgebenden Goldenen Ronny gewinnen kann. Dieser Wettbewerb könnte bescheuerter kaum sein: Der Geist wird durch Scherzfragen herausgefordert, und der Körper bekommt so lebensbejahende Aufgaben wie: "Tanze den Weg zur Eizelle!" Ein durchaus schräges Pflaster, auf dem sich Leah und Leo näher kommen dürfen.

DerGoldeneRonny2 700 photomatzen Leah (Alexandra Pernkopf) und Leo (Flavio Kiener) trainieren, kämpfen und nähern sich an
in "Der Goldene Ronny" © photomatzen

Auf dem Weg dahin hat Leo allerdings erst einmal genügend Zeit, über die dicke Leah abzukotzen. Und der Schauspieler Flavio Kiener, der noch bei den fiesesten Sätzen ein wirklich bezauberndes Lächeln draufhat, schiebt seine Pointen einfach extrem locker raus. Um den Goldenen Ronny zu gewinnen, würde er sogar "die fette Eule [also Leah] von hier nach Athen tragen, wenn's sein muss." Und zwischendurch zieht er immer mal wieder einen Joint durch, indem er eine ganze Dampfwolke aus 'ner Nebelmaschine inhaliert. Weil das so irre witzig geschrieben und so irre witzig gespielt ist, möchte man gar nicht, dass sich dieser Junge jemals in Leah verliebt – es könnte dann ja Schluss mit lustig sein.

Raus aus den spacigen Schutzanzügen

Alexandra Pernkopf wiederum verleiht ihrer (gar nicht so dicklichen) Leah eine Art selbstbewusster Zerbrechlichkeit, während sie zwischendurch in Popcorn geradezu badet. Beiden gelingt es schließlich, ihre aufkeimenden Gefühle füreinander weitgehend unpeinlich zu gestalten. Trotzdem – es ist ja ein Jugendstück – entsteht gespannt kicherige Unruhe im Publikum, als sich Leah und Leo in der zentralen Liebesbegegnung gegenseitig auszuziehen beginnen: Wie weit werden sie gehen?

Regisseurin Nora Bossenius hat die Geschichte von Leo und Leah für das Schleswig-Holsteinische Landestheater mit präzisem Timing und, wo nötig, mit hinreichender Sensibilität auf die Bühne gebracht – und mit Ausstatterin Sara Morea ein schön unrealistisches Setting erfunden: Das Ganze spielt in einer Architektur, die an trashige Science-Fiction-Filme aus den 70ern erinnert und die beiden Hauptdarsteller zu Beginn in spacigen Schutzanzügen umeinander kreisen lässt. Später, wenn's um die Physics & Physical Olympics geht, können die gleichen Bühnenbauten aber auch aussehen wie das Fernsehstudio von "Dalli-Dalli".

No Happy End!

Der Jugendstücke-Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts ist in diesem Jahr also ungemein heiter gestartet. Obwohl – – – für den Schluss hat sich Daniel Ratthei eine sehr traurige Pointe aufgespart. Nachdem der Goldene Ronny gewonnen ist, vermag Leo es nicht, zu seiner Liebe und zur fetten Leah stehen, er spricht nie wieder ein Wort mit ihr. Dem Klischee Happy End hat Ratthei widerstanden. Und entlässt sein erheitertes Publikum so mit einem kleinen großen Schmerz.

 

Der Goldene Ronny
von Daniel Ratthei
Uraufführung nominier für den JugendStückePreis
Regie: Nora Bussenius, Bühnenbild und Kostüme: Sara Morea, Dramaturgie: Susanna Praetorius.
Mit: Alexandra Pernkopf, Flavio Kiener.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.sh-landestheater.de

 

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