Der Chinese – Ein Gespräch mit dem Regisseur Max Merker über seine Nachinszenierung am Theater Orchester Biel Solothurn

Willkommene Zumutung

nachtkritik.de: Lieber Herr Merker, als Benjamin Lauterbachs "Der Chinese" 2012 in Darmstadt uraufgeführt wurde, stand in der Kritik der "Frankfurter Rundschau": "ein sehr gutes Stück zum Nachspielen". Wirklich beherzigt haben die Theater diesen Rat nicht, Nachspiele gab es nur in Kaiserslautern und an kleinen Theatern in Köln und Hamburg. Wie stößt man denn abseits der ausgetretenen Pfade vier Jahre nach der Uraufführung auf ein solches nahezu unbekanntes Stück?

Max Merker: Mit der Feder, das Stück ausgegraben zu haben, kann ich mich leider nicht schmücken. Das Stück wurde mir von der Theaterleitung vorgeschlagen. Die Leiterin des Schauspiels, Katharina Rupp, hat damals gesagt, lies das mal, das passt auf die Schweiz wie die Faust aufs Auge.

nachtkritik.de: Im "Chinesen" geht es um ein Land – ursprünglich ist das in Lauterbachs Text Deutschland – das sich völlig abgeschottet hat, um seine eigene Kultur gegen äußere Einflüsse zu verteidigen. Sogar eine Mauer hat man um das Land gebaut. Nun kommt von außen ein Abgesandter Chinas, der diese Kultur studieren möchte. Ein grotesk dystopischer Entwurf! Glauben Sie, dass das Stück in den letzten Jahren gewissermaßen aktueller geworden ist? Dass Lauterbach vielleicht sogar zu früh war und etwas vorausgeahnt hat, was so erst später zur Gänze sichtbar wurde?

Merker Max 200Max Merker © TOBSMax Merker: Es ist sicher aktueller geworden. Brexit, die Entwicklung in Ungarn, der Aufstieg nationalistischer Parteien in Europa, all das ist erst nach der Uraufführung passiert. Damit sind Teile von Benjamin Lauterbachs Horrorvision als mögliche Konsequenz aktueller Entwicklungen vorstellbarer geworden. Und damit ist es auch notwendig geworden, sich mit solchen Szenarien auseinanderzusetzen.

nachtkritik.de: In Ihrer Fassung aus Solothurn haben Sie Deutschland komplett durch die Schweiz ersetzt. Haben Sie neben dem schlichten Austauschen der Wörter weitere Anpassungen vorgenommen?

Max Merker: Ja. Die Schweizer Fassung haben Margrit Sengebusch, die die Produktion dramaturgisch begleitet hat, und ich gemeinsam erarbeitet. Da einige von Lauterbach benutzte Stereotype doch sehr deutsch sind, war es uns wichtig, die Momente, die uns für die Schweiz passend schienen, stark zu machen. So sind zum Beispiel Slogans der Schweizer Volkspartei, die sich ja als Anwalt der Mittelschicht ausgibt, oder Werbesprüche des größten Lebensmittelhändlers, der Produkte aus der Region bewirbt und mit der Illusion spielt, die Schweiz könnte sich selbst versorgen, ins Stück eingeflossen. Eine Herausforderung war auch die Thematik der Landessprache, da es in der Schweiz ja vier gibt.

nachtkritik.de: Passt denn das Stück auf die Schweiz vielleicht sogar noch besser als auf Deutschland? Die Schweiz gilt ja als ein Land, das seit Jahrhunderten sehr eigensinnig die eigene Tradition verteidigt. Was lange durchaus positiv gesehen wurde. In den letzten Jahren scheint das aber ein wenig zu kippen, da sich in den Eigensinn auch intolerante Töne mischen.

Max Merker: Da ist sicher etwas dran. Manche Aspekte des Stückes passen wirklich sehr gut in die Schweiz. Der Schweizer und die Schweizerin ist tief im Innern natürlich schon davon überzeugt, dass so wie sie es machen, eigentlich schon der beste Weg ist. Und dass man es im Notfall natürlich auch ganz alleine schaffen würde. Auch die Gewissheit, der eigene Erfolg beruhe auf einer richtigen geistigen Haltung und nicht etwa auf historischen Zufällen oder gar auf rechtswidrigem Verhalten, gehört oft zur psychologischen Grundausstattung der Schweiz. Dann wird das Konzept der totalen Abschottung gegen außen von bestimmten politischen Kräften immer wieder gerne ins Spiel gebracht, auch wenn es in der Realität natürlich unmöglich ist.

Um noch bei der Schweiz zu bleiben: Der Solothurner Schriftsteller Peter Bichsel hat in einem Interview kürzlich gesagt, die Schweizer hätten Angst vor Marine Le Pen und einem Sieg des Front National bei den kommenden Wahlen in Frankreich. Dabei sei die Schweizer Volkspartei (SVP) noch rechter als der Front National. Die SVP ist die größte Schweizer Partei und kommt auf einen Stimmenanteil von rund 30 %. Insofern gibt es in der Schweiz tatsächlich eine starke fremdenfeindliche Stimme, die auch gegen Krippenplätze, Renaturierungen und die Homo-Ehe ist.

Auf der anderen Seite hat sich bei der letzten Volksinitiative der SVP, also einer direkten Abstimmung über eine Verfassungsänderung, die es ermöglichen sollte, in der Schweiz geborene Ausländer bei Straftaten (z.B. Sozialmissbrauch) abzuschieben, eine starke zivile Bewegung gebildet, die es mit enormem Aufwand geschafft hat, die Abstimmung zu gewinnen. Die Initiative wurde von den Wählern geradezu abgeschmettert, was angesichts der finanziellen Übermacht der SVP – es gibt in der Schweiz keine Transparenz bei der Parteienfinanzierung – ein Wunder ist. Die Menschen haben für die Solidarität mit ihren Nicht-Schweizer Mitbürgern gestimmt und sich auch über diesen Sieg der Menschlichkeit gemeinsam gefreut, quasi ein positiver Gegenentwurf zu den ewigen Provokationen der Rechten. Seitdem ist das Momentum, anders als in anderen europäischen Ländern, nicht mehr unbedingt bei den Rechten, die sich ja als Revolutionäre fühlen und aufführen.

nachtkritik.de: Wie reagiert denn das Solothurner Publikum auf die Aufführung?

Max Merker: Erstaunlicherweise sehr gut. Es ist immer ausverkauft. Der Technische Direktor, ein Deutscher, hatte uns bei den Endproben noch zugeflüstert, ob wir uns sicher wären, das so machen zu wollen, wir würden den Schweizer Zuschauern einiges zumuten. Offenbar mögen die Solothurner Zumutungen.

nachtkritik.de: In Zusammenhang mit einer anderen Inszenierung hat Benjamin Lauterbach einmal gesagt: "Ich habe dem Regisseur nur den Tipp gegeben, die Charaktere nicht so arg zu überzeichnen." Ihre Aufführung spielt nach meinem Eindruck allerdings recht lustvoll mit Überzeichnungen. Würden Sie dem Autor in diesem Punkt widersprechen wollen?

Max Merker: Wenn Benjamin Lauterbach damit meint, keine platten holzschnittartigen Figuren auf der Bühne sehen zu wollen, gebe ich ihm recht. Wir haben versucht, die Mechanismen der Familie genau zu untersuchen und den Rollen der einzelnen Familienmitglieder innerhalb dieses Systems ihren Raum zu geben.

nachtkritik.de: Die Lust der Überzeichnung entsteht durch die absurde Situation, in die die Familie gerät. Wenn der Vater mit Lanze und blutigen Händen sagt: "Wir sind gute Menschen, das müssen Sie uns glauben!", macht die Überzeichnung natürlich Spaß. Sie hilft etwas zu zeigen, was dem Autor sicher wichtig war: den blinden Fleck bei den Figuren, die sich für gute Menschen, wenn nicht die besten halten.

Das Gespräch führte Wolfgang Behrens.

 

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