Der Chinese – Max Merkers Solothurner Nachinszenierung versetzt das Stück in den Freundlichkeits-geplagten Teil der Schweiz

Harmonie bis zur Grausamkeit

von Michael Wolf

Heidelberg, 30. April 2017. Willkommen in einer schrecklich zufriedenen Familie. "Jeden Morgen könnte ich weinen vor Glück", seufzt die Mutter. Die Tochter bedankt sich bei jeder der heimischen Früchte, aus denen sie ihren Saft mixt. Der Sohn ist sich sicher: "In der Schule lernen wir nur Sachen, die wir im Leben gebrauchen können." Und Vater Alexander arbeiter als Erfinder fleißig daran, dass ihr Heimatland das erfolgreichste der Welt bleibt. Benjamin Lauterbachs "Der Chinese" spielte ursprünglich in einem Deutschland naher Zukunft. Regisseur Max Merker hat das Stück für seine Solothurner Inszenierung in die Schweiz verlegt.

Der Gast muss wieder weg

Die Eidgenossen schwören hier auf Gesundheit und ein Leben in Einklang mit der Natur. Mit Erfolg: Ihre Seligkeit spricht sich bis nach China rum, das Kundschafter in die Alpen schickt, um das gute Leben zu lernen. Herr Ting zieht bei der Familie ein, wodurch die schöne Schweizer Welt schon bald Risse bekommt. Denn in dieser Republik des Glücks ist man nicht auf die Konfrontation mit dem Fremden vorbereitet. Als Alexander schließlich argwöhnt, Herr Ting wollte seine neueste Erfindung ausspionieren, ist klar: Der Chinese muss weg.

Chinese1 700 Ilja Mess uEin chinesischer Gast entpuppt sich als schwere Last im harmoniebedürftigen Ideal-Land © Ilja Mess


Davor darf viel gelacht werden. Wenn sich die Familienmitglieder im ersten Drittel des Stücks gefühlt 100 Mal erklären, wie lieb sie sich alle haben ("Ich habe den Chinesen jetzt schon lieb, obwohl er noch gar nicht da ist."); wenn sie zur Begrüßung vierstimmige Volkslieder singen oder dem Chinesen stolz über ihre Weltoffenheit japanisches Sushi servieren. Das Ensemble zündet ein solches Feuerwerk der Pointen, dass nicht wenige Funken unbemerkt im Gelächter des Publikums verglühen. Die Stars des Abends: Atina Tabé als Vorzeige-Mami mit Plastik-Phobie und Fernanda Rüesch als Streber-Tochter mit dunkler Seele.

Zum Liebhaben

Regisseur Max Merker treibt sie an und die Handlung vor sich her. Der geht nach der ersten Hälfte ein wenig die Luft aus. Benjamin Lauterbach hat eindrücklich bewiesen, dass er rasante Dialoge schreiben kann. Der Plot kommt dagegen nur hinkend voran. Sei's drum: Gekonnt bedient Merker die unterschwellige Grausamkeit der harmonieverliebten Figuren. Im Gewaltrausch malen sich die Eltern aus, wie sie Herrn Ting niederstrecken und an den Staat ausliefern, um nebenbei eine hübsche Belohnung zu kassieren. Da darf dann auch mal Kunstblut spritzen, an diesem Abend, den man einfach liebhaben muss.

Der Chinese
von Benjamin Lauterbach
Nominiert für den NachSpielPreis
Regie: Max Merker, Bühnenbild und Kostüme: Sara Giancane, Dramaturgie: Margrit Sengebusch
Mit: Jan-Philip Walter Heinzel, Atina Tabé, Andreas Ricci, Fernanda Rüesch, Mario Gremlich.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.tobs.ch

 

Zum Gespräch mit Max Merker über seine Nachinszenierung

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren