Small Town Boy – Regisseur Atif Hussein im Gespräch über seine Nachinszenierung am Staatstheater Karlsruhe

"Wir sind nicht die Ersten, die kämpfen müssen"

nachtkritik.de: Als Falk Richter "Small Town Boy" vor drei Jahren in Berlin uraufführte, sorgte der Abend für viel Aufsehen. Fürs Maxim Gorki Theater und für Richter wars ein großer Erfolg, aber auch diskutiert in seinen Aussagen. Vor all dem kann man durchaus Respekt haben. Wie kamen Sie auf die Idee, den Text zu inszenieren?

Atif Hussein: Karlsruhe kam auf die Idee. Dort überlegte man erst, ob man "Fear" inszeniert. Karlsruhe entschied sich dann für "Small Town Boy", weil sie zwischendurch einen anderen Text zur erstarkenden neuen Rechten entdeckt hatten. Eine andere Richtung, die man in Karlsruhe verfolgt, ist queere Themen zu verarbeiten. In "Small Town Boy" trifft beides zusammen, einerseits die Verhandlung schwuler Identität und die Auseinandersetzung mit den neuen Rechten.

nachtkritik.de: Ungewöhnlich wirkt es dennoch immer noch, Falk Richter nachzuspielen. Als solches zirkulieren seine Texte ja nicht an den Theatern...

Atif Hussein: Ach, es gab eigentlich immer wieder Nachinszenierungen. Das Besondere ist, dass er die Texte immer selbst uraufführt. Autor und Regisseur sind da erst einmal stark aneinander gebunden. Nachdem sich Karlsruhe entschieden hatte, war klar, dass die Regie von jemanden übernommen werden soll, den persönlich etwas mit dem Thema verbindet und einen offenen politischen Umgang damit pflegt. Mit einer Dramaturgin am Haus hatte ich schon einmal gearbeitet. Der Schauspieldirektor kontaktierte mich dann, und ich bin dann als Gastregisseur eingeladen worden.

nachtkritik.de: Hatten Sie zu dem Zeitpunkt beide Inszenierungen von Falk Richter gesehen?

Atif Hussein: "Small Town Boy" ja, "Fear" erst später. Der Abend hatte wirklich erst kurz zuvor Premiere gehabt und man bekam einfach keine Karten. Die Aufmerksamkeit war groß durch den Gerichtsprozess, der angestrengt wurde. Nach der Entscheidung für mich begann eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen der Produktion, Michael Gmaj. Wir fragten uns schon, warum Karlsruhe, warum muss man diese Geschichte hier zweieinhalb Jahre nach der Uraufführung noch einmal rausbringen? Der Denkprozess war spannend, weil wir dann darauf kamen, dass es doch eine ganze Menge Punkte im Text gibt, die sich im Kontext von Berlin leichter erzählen lassen. Bestimmte Anspielungen, die in ihrer Mosaikhaftigkeit besser in Berlin verstanden werden.

nachtkritik.de: Die Themen vom urbanen Leben, in die Stadt zu gehen und der Mühe darum, dort anzukommen?

Atif Hussein: Es gibt beispielsweise eine Paarung, das sind die Schauspieler Niels Bormann und Mehmet Ateşçí. Sie erzählen, dass es für schwule Männer aus türkischen oder arabischen Familien immer noch nicht einfach ist, sich zu outen, die familiären Widerstände sind sehr stark. Der Karlsruher Dramaturg, der sich sehr gut mit der Atmosphäre in der Stadt auskannte, sagte daraufhin, dass es gar nicht so ein Problem ist, weil die Community überschaubar sei in Karlsruhe. Wenn man damit ans Karlsruher Publikum direkt andockt, würde man wieder eine Geschichte aus der weiten Welt erzählen, die nicht die unmittelbare Nähe wie in Berlin hätte. Wir haben dann über alle möglichen Veränderungen nachgedacht, zum Beispiel sind in Karlsruhe Burschenschaften sehr stark. Was passiert denn, wenn es ein junger Burschenschaftler wäre, der sich klar wird über seine Identität wird und das öffentlich macht?

nachtkritik.de: Ganz am Anfang werden Zitate und Mitschnitte von der Stuttgarter "Demo für alle" eingespielt. War das Ihre Idee?

Atif Hussein: Ja und nein, es war so: Auf der Suche danach, wie wir die Geschichte für Karlsruhe erzählen, haben wir als erstes bei Falk Richter angefragt, ob er sich vorstellen kann, die Wutrede umzuschreiben. Der Monolog ist recht lang, eine große Abrechnung mit den erstarkten, antischwulen und antiqueeren Kräften, zum Zeitpunk der Premiere wurden in Russland gerade neue homophobe Gesetze beschlossen. Falk ließ sich überzeugen, für die Karlsruher Fassung den Focus zu verschieben. Er hat sich dann tatsächlich daran gemacht – was ich großartig finde. Einen Teil der Wutrede nahm er heraus. In Vorbereitung darauf besorgte er Originalmaterial, Dokumente der "Demo für alle", hat ein Audiofile gebaut und vorgeschlagen, das in der Wutrede mitzuverwenden. Das passte mir inszenatorisch wiederum nicht, ich habe die Mitschnitte dann an den Anfang gesetzt. Wenn eine Stunde später, der große Monolog ansetzt, wird man darauf wieder zurückgeführt. Diese Klammer macht das ganze politischer.

nachtkritik.de: In Falk Richters Inszenierung ist die Wutrede, gehalten von Thomas Wodianka, schon sehr tragend, der Anker des Abends. In gewisser Weise wars die Geburtsstunde der Wutreden überhaupt. In Ihrer Inszenierung ist der Schauspieler nie allein auf der Bühne und er fährt auch nicht so hoch. Wenn ich jetzt frage, sind das Mittel um sich abzusetzen, sagen sie vermutlich, ja klar.

Hussein Atif 250 u © Lutz HaageAtif Hussein: Ja klar (lacht). Aber das wichtigste war die textliche Neu-Ausrichtung der Rede. Sie ist sogar länger als in Berlin geworden. Was dazu führt, das man denkt, das ist nervenaufreibend, nimmt das denn nie ein Ende. Was ich ganz schön finde in der Wirkung. Der Text spielt ja unglaublich mit Begriffen wie Nation, Volk, Rechts-Populismus. Es gibt einmal den Satz "Mein Volk hat keinen Anwalt" und dann sehe in den Schauspieler Sebastian Reiß, der sich unglaublich reinkniet und reindenkt. Natürlich steht dort ein Anwalt, der für etwas spricht. In Berlin diskutierte man nach der Premiere, ob die Wutrede eine Autorenrede sei, aus der eigentlich Falk Richter spricht. In unserer Inszenierung ist es eindeutig eine Figurenrede.

nachtkritik.de: Bei aller Unterschiedlichkeit der Arbeiten: was sich ähnelt ist der Klang von Falk Richters Sprache auf der Bühne. Das Kreisende der Gedanken entwickelt einen überraschend ähnlichen Sound, unabhängig davon, wer inszeniert.

Atif Hussein: Das liegt wirklich an der Art wie Falk Richter schreibt. Rhythmus und Melodie ist es gar nicht allein, lässt sich auch schwer beschreiben, aber seine Texte haben am Ende doch einen eigenen Klang, ja.

nachtkritik.de: Der Abend in Berlin war aufsehenerregend, aber wurde teilweise auch kritisch diskutiert, etwa, ob auf Hass in der Wutrede nicht einfach nur mit neuem Hass geantwortet wird. War das ein Thema als sie ihre Inszenierung in Karlsruhe erarbeitet haben?

Atif Hussein: So nicht, was vielleicht mit der Verschiebung des Focus in der Rede zusammenhängt. Und was auch nicht ganz unwichtig ist: In Berlin steht Thomas Wodianka während der Rede allein auf der Bühne, dadurch lastet alles auf ihm, und auch die gedankliche und spielerische Kraft scheint ganz direkt von ihm zu kommen. In Karlsruhe sind die Schauspieler zusammen auf der Bühne, verbildlichen den Text erst einmal und es gibt chorische Passagen. Mir war wichtig, dass die fünf zusammen eine verschworene Gemeinschaft sind, aus der natürlich auch jemand ausbrechen kann.
Nicht, dass es mir mit dem Abend so gegangen wäre am Gorki Theater. In der Vorbereitung hatte ich mir den Abend nochmal angeschaut, und habs mir nach meiner Premiere sogar noch ein drittes Mal angeschaut. Ich finde die Arbeit am Gorki sehr gut, sie hat mich sehr bewegt. Als wir mit den Proben anfingen, fragten die Schauspieler natürlich schon, was hat das mit uns zu tun? Wir mussten das immer wieder erklären, aber die SchauspielerInnen begannen auch eigenständig und erstaunlich schnell sich zu beschäftigen mit dem, was verhandelt wird. War schon klasse zu sehen, mit welcher Kraft und Energie sie sich reingekniet haben, auch wenn es erstmal eine Distanz zum Stoff gibt.

nachtkritik.de: Sie haben in Ihrer Inszenierung noch eine weitere Figur hinzuerfunden, die Sie als Puppe auf die Bühne bringen.

Atif Hussein: Ja, und dazu werden Text gesprochen von Rosa von Praunheim aus "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Dieser Film von 1971 war ein großes Initial für die Emanzipationsbewegung vor allem in West-Deutschland, zwei Generationen vor uns. Das taucht bei Falk Richter so nicht auf, dass wir mit dem, was erreicht wurde, auf den Schultern anderer stehen. Wir war wichtig, das reinzubringen - wir sind nicht die Ersten, die kämpfen müssen.

Das Gespräch führte Simone Kaempf.

 

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