Kein schöner Land – Lothar Kittsteins und Hüseyin Michael Cirpicis Stück über die dumpfe Verweigerung, sich mit einem Flüchtling einzulassen

Demonstrative Arroganz

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 1. Mai 2017. So ein Chor ist natürlich eine schöne Metapher. Denn im Chor tut man etwas gemeinsam, und im besten Fall kommt sogar noch etwas Wohlklingendes dabei heraus. Hat der Chor ein paar Jährchen miteinander geprobt und gesungen, wird er schließlich zu einer verschworenen Gemeinschaft. Kommt dann nach gefühlten Jahrhunderten zum Beispiel ein neuer Bass daher, lässt man ihn vielleicht mitsingen, aber dazugehören wird er so schnell nicht. Denn er weiß ja gar nicht, wie damals die Chorleiterin mal dies, und wie die Altistin aus der zweiten Reihe mal das, und überhaupt, als der Frieder noch gelebt hat...

Flüchtling im deutschen Sängerchor

Eine solche Chor-Metapher haben sich Lothar Kittstein und Hüsein Michael Cirpici in "Kein schöner Land", einem Auftragsstück für das Theater Krefeld Mönchengladbach, erdacht. Der Chor steht für Deutschland, plötzlich aber platzt ein neuer Sänger in den Probenraum, der eine dunklere Hautfarbe hat und aus Syrien, Irak, Zimbabwe, Angola oder dem Kosovo kommt. Nun kennt dieser Geflüchtete, den Jubril Sulaimon spielt, weder die schönen deutschen Volkslieder, noch weiß er, wie lecker die Pfannkuchen waren, die die Oma mal gemacht hat.

Stattdessen erzählt er grausige Geschichten von Schleusern, schlimmer noch, von Gefangenschaft und Folter – und das will nun wirklich keiner hören. Der Chor schaltet auf Frohsinn und in den Belehrungsmodus. "Ich möchte mitmachen in Ihrem Chor", sagt Jubril Sulaimon. "Ich möchte GERNE mitmachen in Ihrem Chor, BITTE!", schallt es ihm entgegen.

KeinSchoenerLand1 700 Matthias StutteSchwerer Fall von Kontrastdramaturgie: hier der dummdeutsche Hausmeister, dort der ausgegrenzte
Flüchtling in "Kein schöner Land" © Matthias Stutte


Die Chorsänger*innen sitzen zuerst im Publikum verteilt – durchaus zum Amüsement desselben –, der Geflüchtete mit seiner "Netto"-Tüte dagegen ist allein auf der Bühne mit einem Klavier, ein paar Notenständern und einem bösartigen Hausmeister-Faktotum (der Intendant des Theaters Krefeld Mönchengladbach Michael Grosse höchstpersönlich), das beständig und gelangweilt einen Besen vor sich herschiebt. Der Chor singt immer wieder beziehungsreich "Muss i denn zum Städele hinaus" und gibt sich so abweisend wie möglich.

Unter Generalverdacht

Doch ehrlich gesagt: Wie die Darsteller*innen hier auf demonstrative Weise demonstrative Arroganz spielen sollen, das kann einen schon peinlich berühren. Regisseur Matthias Gehrt und die beiden Autoren hauen hier derart mit dem Holzhammer auf die Moralpauke, arbeiten mit einer so billigen Kontrastdramaturgie – hier die lächerlich bornierten Dummdeutschen, dort die krassen Gewalterfahrungen des Geflüchteten –, dass man es kaum glauben mag.

Die Dramaturgie des Abends sieht immerhin vor, dass sich dieser anfängliche Gegensatz langsam auflöst. Einzelne Chormitglieder betreten die Bühne und berichten von Liebesbeziehungen zu Asylbewerbern – und müssen feststellen, dass jede ernsthafte Einlassung mit einem Geflüchteten unter Generalverdacht gestellt wird: Der nutzt dich bloß aus!

Empathie lernen

Dann schwirrt noch ein wenig populistisches Gedankengut der Neuen Rechten durch den Raum, das die Autoren aus der weiten Welt des Internets herauscollagiert haben. Am Ende hat der Chor offenbar so etwas wie Empathie gelernt, er steht nun auf der Bühne und wiederholt bruchstückhaft die Flüchtlingserzählungen. Während Jubril Sulaimon im Publikum sitzt und das titelgebende "Kein schöner Land" anstimmt. Lothar Kittstein schreibt im Programmheft, dass die Autoren gespürt hätten, mit der bloßen Schilderung von Flüchtlingsgeschichten dem Diskurs nichts hinzuzufügen. Sie haben also etwas Anderes gemacht. Dem Diskurs nichts hinzuzufügen ist ihnen freilich trotzdem gelungen.

Kein schöner Land
von Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici
Uraufführungs-Gastspiel
Regie: Matthias Gehrt, Bühne: Gabriele Trinczek, Kostüme: Petra Wilke, Choreinstudierung: Maria Benyumova, Dramaturgie: Martin Vöhringer.
Mit: Michael Grosse, Joachim Henschke, Jonathan Hutter, Esther Keil, Michael Ophelders, Jubril Sulaimon, Ronny Tomiska, Helen Wendt, Christopher Wintgens.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.
www.theater-kr-mg.de


Zur Nachtkritik der Uraufführung am Theater Krefeld Mönchengladbach im Mai 2016

 

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