Weil sie nicht gestorben sind – Hannah Zufall und Brit Bartkowiak lassen im Göttinger Gastspiel Grimm'sche Märchenfiguren mit zahlreichen Spielebenen jonglieren

Wer ist die Selbstreflexivste im ganzen Land?

von Michael Wolf

Heidelberg, 4. Mai 2017. "Sag mal, weißt du noch was hier gespielt wird?", fragen sich die Geschwister. Eben noch waren sie normale Märchenfiguren. Oder zumindest fast normale. Denn für gewöhnlich wissen Brüderchen und Schwesterchen nicht, dass sie nur Teil eines Spiels sind. Das erfahren die Figuren in "Weil sie nicht gestorben sind" aber auf dem einen oder anderen Weg. Was folgt, kennen wir aus Stoffen wie "Matrix" oder Fassbinders "Welt am Draht": Allerleirauh, Hinkebeinchen aus "Die sieben Raben" und eben Brüderchen und Schwesterchen versuchen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die drei Märchen folgen lose verbunden aufeinander. Am Ende des zweiten Teils könnte auch schon Schluss sein.

Da gelingt Brüderchen und Schwesterchen beinahe die Flucht. Sie haben sich selbst ermächtigt, haben sich in weiße Blätter ihrer Geschichten verwandelt. Aber schon wissen sie weder ein noch aus und starren erschrocken ins Publikum. Mindestens drei Ebenen bespielt der Abend: die der Grimm'schen Märchen, die der Figuren, die wissen, dass sie Teil der Grimm'schen Märchen sind und die der Figuren, die gerade kapieren, dass sie Schauspieler sind, die Figuren aus einem Grimm'schen Märchen spielen, die wissen, dass sie Teil der Grimm'schen Märchen sind. Oder anders formuliert: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Selbstreflexivste im ganzem Land?

Es-Druck und Elektra-Komplex

In Hannah Zufalls eigenwilliger Bearbeitung dreier Märchen stellt sich an vielen Stellen nicht nur die Frage, was hier denn gerade gespielt wird. Sondern auch, was die Autorin überhaupt erzählen, worauf sie hinauswill. Ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der sexuellen Konnotierung des Stoffs. Das liegt nahe, heißt aber auch: Es überrascht nicht besonders. Ganze Generationen von Psychoanalytikern rückten schon Allerleirauh und Co. mit Begriffen wie "Elektra-Komplex" oder "Es-Druck" auf den Leib. Dabei sollte eh klar sein, dass bei einer Tochter, die ihren Vater heiraten will, sexuell was schief läuft.

Gestorben 700 Thomas Mueller uSchräge Märchen auf dem Sockel: "Weil sie nicht gestorben sind" vom Deutschen Theater Göttingen
© Thomas Müller

Der Text verhält sich nur vage zur Schmuddelecke des nationalen Kanons, der bis heute Kinder in den Schlaf wiegt. Auch Regisseurin Brit Bartkowiak interessiert sich in ihrer Göttinger Inszenierung nicht besonders für Feinheiten. Was soll's? Die verbotene Liebe bleibt ja in der Familie. König will Tochter heiraten, Brüderchen will aus dem Schoß des Schwesterchens trinken. Also los.

Im verwunschenen Brunnen

Von Holzsockeln steigen Moritz Schulze, Katharina Uhland und Karl Miller zu Beginn herab. Es sind insgesamt natürlich sieben Sockel. Auf den restlichen vier prachtvolle Kleider – zu Beginn noch verhüllt –, die Allerleirauh als Preis für den vom Vater geforderten Inzest fordert. Ausstatterin Carolin Schogs bedeckt die Bühne opulent mit Spitze, Rüschen und Papierblüten. Das Ensemble hetzt rasant hindurch und über die drei bearbeiteten Märchen hinweg, um ihnen mit postmodernen Waffen den Garaus zu machen.

In "Allerleirauh" üben Untier und Gewohnheitstier den Aufstand, um nicht vom König wegen ihres Fells erlegt zu werden. Moritz Schulze spielt die beiden als schizophrenen Nager, mit Anleihen bei Sid aus "Ice Age" und Gollum aus "Herr der Ringe". Karl Miller schlawenzelt als royale Knallcharge mit Vokuhila-Perücke und ein paar Socken im Schritt um seine Tochter herum. Beindruckende Wandlungsfähigkeit stellt an diesem Abend Katharina Uhland unter Beweis. Erst ignoriert sie als verzogene Göre die geilen Blicke des Vaters, um im zweiten Teil zunächst ihrem Bruder in Rehgestalt die kalte Schulter zu zeigen, nur um sich später auf ihn zu stürzen. Und schließlich gibt sie das Hinkebeinchen virtuos als stolzen Streber in Cordhosen, der gar nicht aufhören will, die Geschichte der Rettung seiner verhexten Brüder zu erzählen. Ohne ihren Zauber ginge dieser Abend wohl für die Ewigkeit von knapp zwei Stunden verloren. So rettet Uhland die Inszenierung aus diesem verwunschenen Brunnen, an dessen Grund eine nervöse Regie in trüber Sprache versinkt.

 

Weil sie nicht gestorben sind
Eine Grimm-Trilogie von Hannah Zufall
Uraufführung
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne und Kostüm: Carolin Schogs, Musik: Ingo Schröder, Dramaturgie: Sara Örtel.
Mit: Katharina Uhland, Moritz Schulze, Karl Miller.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

 

Wiebke Mollenhauer, Ole Lagerpusch

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