Lesbos – Blackbox Europa – Gernot Grünewald zeigt am Deutschen Theater Berlin, wie politisches Theater über Geflüchtete emotionale und rationale Funken schlagen kann

Schaffen wir die Grenzen ab!

von Georg Kasch

Heidelberg, 4. Mai 2017. Was bedeutet es zu überleben? Einmal erzählt Thalfakar Ali, wie ein Boot an die Küste kommt und ein Hilfsmitarbeiter die Geretteten durchzählt: Bis 35 kommt er, holt dabei immer mehr Zuschauer mit der grellen Lampe aus dem Dunkeln. Den Einwand eines Flüchtlings, es müsse noch einmal gezählt werden, 55 Menschen seien aufgebrochen, bleibt unerwidert – und die restlichen 20 Zuschauer im Dunkeln.

Um die Sackgasse auf der Flucht geht es in "Lesbos – Blackbox Europa", also jener griechischen Insel, an deren Küsten immer noch Boote voller Flüchtender stranden, die aber von dort nicht mehr weiterkommen. Ausgangspunkt der Inszenierung ist eine Recherchereise, auf der Regisseur Gernot Grünewald mit seinen Schauspielern Katharina Schenk und Božidar Kocevski Flüchtlingscamps besuchte und Interviews mit Helfern und Flüchtenden führte. Nicht mitreisen konnte Thalfakar Ali – der irakische Schauspieler kennt Lesbos allerdings von seiner eigenen Ankunft in Europa.

Erschütternde Details

Durch diese doppelte Perspektive rückt man nah an die Ereignisse auf der Insel. Schenk und Kocevski schildern ihre Betroffenheit, Wut, Hilflosigkeit und rücken einem damit ebenso auf die Pelle wie die Lager: Michael Köpke hat einen engen Raum aus Stoffwänden gebaut, die Isabel Robsons Videobilder fluten, oft wunderschöne Ansichten des Meeres, 360-Grad-Panoramen von Camps, Gesichter in Großaufnahme. Mittendrin sitzt das Publikum auf Papphockern, dicht und eng für mitteleuropäische Verhältnisse, während das Licht der Scheinwerfer und Beamer die Temperatur steigen lassen, blenden.

Lesbos1 700 Arno Declair uVideobilder fluten den engen Raum: "Lesbos – Blackbox Europa" vom Deutschen Theater Berlin © Arno Declair

Und doch behauptet der Abend nie, erfahrbar machen zu können, wie das ist in einem Camp. Dazu bleibt er zu sehr Bild, rhythmisiert klug, trennt Videos und Töne, wenn Gesichter auf der Leinwand schweigen, während die Schauspieler den Text sprechen, wenn die Musik verstummt und die Worte plötzlich hart werden, unerbittlich. Man erfährt viele erschütternde Details (etwa dass im Camp Moria, das für 800 Menschen ausgelegt ist, gerade 6000 leben oder dass in nur einer Woche 16 Frauen spurlos verschwanden), lernt faszinierende Menschen kennen, Flüchtende, Aktivisten, einen Bürgermeister. Natürlich ist das berührend, eine Rührung, die aus der Genauigkeit der Beschreibung entsteht, den leisen Tönen, der Unmittelbarkeit. Etwa wenn Katharina Schenk vom Flüchtlingsfriedhof erzählt, den sie in Eile besichtigten und wo sie in ihrer Hilflosigkeit und Aufgewühltheit "auf das Unwirksamste verfiel, was man tun kann, aber das Einzige, was mir einfiel" – eine Schweigeminute.

Eine pikareske Flucht

Eine Hilflosigkeit, die sich auch unmittelbar überträgt, wenn Schenk und Kocevski von zwei verschiedenen Bootsankünften berichten. Das eine wird von Helfern empfangen (die übrigens nicht idealisiert werden – ein knallhartes Business auch das), effizient, aber ungemein behutsam und freundlich. Das andere wird vom Militär aufgebracht, und was da passiert, gleicht einer Verhaftung. Man erfährt noch viel mehr über die Festung Europa, es ist kompliziert, sehr kompliziert, aber wie diese Kompliziertheit nicht überfordert, sondern Funken schlägt, emotionale und rationale, das lässt sich hier in Heidelberg, das ja in diesem Jahr sehr viel politisches Theater zeigt, allenfalls mit den klaren Argumentationsweisen in "Die schwarze Flotte" oder mit den klugen dramaturgischen Fäden in "Empire" vergleichen.

 

Lesbos2 700 Arno Declair uThalfakar Ali erzählt von seiner Flucht © Arno Declair

Auch wenn Thalfakar Alis pikareske Flucht durch Europa, von der er wie von einem Abenteuer berichtet, mit einer Ablehnung endet, mündet der Abend nicht in Betroffenheit, sondern in den radikalen Gedanken einer Aktivistin, die schildert, dass viele Helfer auf Lesbos das Vertrauen in staatliche Strukturen verloren haben, weil die EU hier so viel Unheil anrichtet. Wäre es nicht einfacher und humaner, die Grenzen für Menschen abzuschaffen, wenn die für Geld und Waren längst gefallen sind? Am Ende dieses ungemein nahegehenden und ästhetisch dabei so fein austarierten Abends hält man diesen Gedanken für keine Spinnerei mehr.

 

Lesbos – Blackbox Europa
Ein Projekt von Gernot Grünewald und Ensemble
Regie: Gernot Grünewald, Bühne, Kostüme: Michael Köpke, Video: Isabel Robson, Musik: Daniel Spier, Dramaturgie: Sonja Anders, Bendix Fesefeldt.
Mit: Thalfakar Ali, Božidar Kocevski, Katharina Schenk.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de

 

 

Wiebke Mollenhauer, Ole Lagerpusch

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