Lachen hilft

von Michael Wolf

Heidelberg, 22. April 2018. Puff macht es, wie bei einem Tischfeuerwerk, dann liegt die Asche zerstreut um die Urne herum. Barbara, die Religionspatchwork-Imamim, wirft sich auf den Boden und wälzt sich in den Überresten des Selbstmörders. Das sei Teil eines islamischen Rituals, sagt sie und bittet das Ensemble zum gemeinsamen Gebet. Was Elzemarieke de Vos dann aber in Richtung Mekka vorbetet, sieht verdächtig nach profanem Yoga aus.

Verraten und verkauft

Wir befinden uns in der Zukunftsvision des aus Syrien stammenden Wiener Autors Ibrahim Amir. Sein Stück "Homohalal" spielt im Jahr 2037. Anlässlich eines Todesfalls trifft ein deutsch-arabischer Freundeskreis nach langer Zeit wieder zusammen. Kennengelernt haben sie sich zu Zeiten der Flüchtlingskrise in Dresden. Einige von ihnen sind selbst geflüchtet und beantragten Asyl, alle zusammen kämpften sie gegen Rassismus und für eine offene Gesellschaft. Man könnte meinen, da trifft sich der Traum von einer multikulturellen Community.

homoHalal1 700 David Baltzer uAuf der hochnotkomischen Trauerfeier: Valentin Kleinschmidt, Thomas Schumacher, Anna-Katharina Muck, Thomas Kitsche, Annedore Bauer, Matthias Luckey, Elzemarieke de Vos © David Baltzer

Aber Ibrahim Amir weckt uns rasch auf. Denn geeint war der vermeintlich so verschworene Freundeskreus offenbar nie. Said etwa wollte Barbara nur heiraten, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Und Barbara lehnte seinen Antrag ab, weil sie sich vor einer Ehe mit einem Iraker fürchtete. Später tritt dann auch noch der vermeintlich Tote auf und berichtet davon, wie ihn all seine Freunde verraten und verkauft haben.

Keine Ahnung von Theater?

Auch von der offenen Gesellschft bleibt nicht viel übrig. Die rechten Hetzer haben unsere Helden zwar tapfer mit Demonstrationen (und einem Brandanschlag) in die Flucht geschlagen. Einen schwulen Sohn kann Said aber dennoch nicht dulden. Cholerisch fleht, droht, zetert er: "Ich bin nicht so geliebt worden wie du und auch nie so toleriert, ich bin nicht so frei wie du, ich bin nicht so modern wie du, ich bin nicht so weltoffen wie du, aber in diesem einen Punkt: sei bitte wie ich! Sei nicht schwul!“

Das ist hier allerdings kein Drama, sondern äußerst komisch. Laura Linnenbaum hat die rasante Komödie am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt. Auf einer leicht schrägen, weißen Fläche dreht das quietschbunte Ensemble auf. Über ihm ein weißes Dach, auf dem Videos und Live-Bilder von oben projiziert werden, wenn die Handlung zurück ins Jahr 2018 springt.

Valentin Baumeisters Bühnenbild lässt nie Zweifel aufkommen: Wir sind hier im Theater und wollen auch, dass ihr das nicht vergesst. Die Inszenierung hat sogar einen echten "Quoten-Flüchtling". Rouni Mustafader macht sich gleich zu Beginn darüber lustig, dass alle seine Fluchtgeschichte hören wollen, schmiert sich weiße Farbe ins Gesicht und beschimpft die Kollegen im Renaissance-Hamlet-Kostüm, sie hätten ja keine Ahnung von Theater.

"Einer muss die Tür zuhalten!"

Weit gefehlt! Linnenbaum stachelt ihr Ensemble zur Höchstleistung an. Allesamt spüren sie hellwach und diszipliniert den grotesken Überspitzungen, Körperhaltungen und Pointen nach. Matthias Luckey wütet als homophober Choleriker über die Bühne, taut dann aber für die Choreo mit dem Best Buddy Umar auf, der bei Thomas Schumacher ziemlich fluffig über die Bühne groovt. Anna-Katharina Muck durchbebt als Albertina ein herrlicher Selbstgerechtigkeitsanfall. Kurz vor einem drohenden Spannungsloch – so viel Hochtourigkeit muss man ja aushalten! – verleiht Holger Bülows Racheengel dem Abend noch mal einen neuen Dreh und neuen Drive.

homoHalal2 700 David Baltzer uHolger Bülows Racheengel präsentiert die Rechnung © David Baltzer

Am Ende zeigt Annedore Bauer in einem grandiosen Monolog, wie fragil sich die Gesellschaft in der Diskussion um die ankommenden Fremden zeigte. Erst lobt sie als Staatsanwältin Ghazala noch die Freiheitsrechte und Segnungen des Westens, der sie eins aufgenommen hat. Ein paar Zeilen später stellte sie klar, das Boot sei jetzt aber mal voll, schließlich müsse das Erreichte verteidigt werden. "Einer muss die Tür zuhalten!", brüllt sie immer wieder, während der Rest im Stile der Kommune 1 mit dem Gesicht zur Wand mit den Ärschen wackelt.

Das ist die große Stärke des Abends. Er bietet keine Lösung an und lässt sich auch keine klare Haltung zur so genannten Flüchtlingskrise entlocken. Amir und Linnenbaum knallen uns Argumente und ihre Dekonstruktion um die Ohren, zeigen, dass alles nicht so einfach ist, wie uns die Ideologen von Rechts und Links erzählen wollen. Eine ungemein wertvolle Botschaft haben sie allerdings doch: Lachen hilft.

 

Homohalal
von Ibrahim Amir
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Valentin Baumeister, Kostüme: David Gonter, Video: Jonas Englert, Licht: Olaf Rumberg, Dramaturgie: Michael Isenberg.
Mit: Holger Bülow, Thomas Schumacher, Matthias Luckey, Annedore Bauer, Elzemarieke de Vos, Anna-Katharina Muck, Thomas Kitsche, Rouni Mustafa, Valentin Kleinschmidt.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.staatsschauspiel-dresden.de