Willkommen im Mitmach-Mittelmaß!

von Andreas Wicke

"Aus der Mitte der Gesellschaft" lautet der Titel von Marc Beckers Stück, "In die Mitte der Gesellschaft" könnte man als Motto über die Zweitinszenierung Marc Wortels am Hessischen Landestheater Marburg schreiben. Denn natürlich geht es um die, die einen Großteil des Theaterpublikums bilden, um die bürgerliche Mittelschicht, die sich lange Zeit so behaglich und sicher fühlte und die nun mehr und mehr von Zukunftssorgen und der Angst vor sozialer Deklassierung geplagt wird. Die nach Perspektiven sucht, ohne welche zu finden, und Meinungen vertritt, ohne welche zu haben. Und die ach so gerne Durchschnitt wäre und deswegen am liebsten genau 1,37 Kinder hätte. Dass die fünf Damen und Herren auf der Bühne ausschließlich Beige tragen, bedarf dabei kaum der Erwähnung. Beige ist mehr als eine Farbe, es ist das kleidgewordene Bekenntnis zum Mittelmaß.

Beckers Stück gibt keine Sprecher vor, keine Figuren, keine Bilder. "Aus der Mitte der Gesellschaft" ist eine Textfläche; ein wenig früher Peter Handke, eine Prise mittlerer Rainald Goetz, ein Hauch späte Elfriede Jelinek: viel Sprachrhythmus, viel Klang, viel Wortspielerei und keine Handlung. "Der Text ist das Material", schreibt der Autor in seiner Vorrede und lässt der Regie damit viele Gestaltungsfreiheiten, von denen die Zweitinszenierung deutlichen Gebrauch macht.

Auf der Suche nach dem schärfsten Sprungbrett

Nachdem Marc Becker bei der Uraufführung seines Stückes 2010 in Oldenburg selbst Regie geführt hat, setzt die durchaus intelligent gemachte Marburger Produktion eigene Akzente. Wortel hat Bedenken, dass das Stück als "Sprachkonzert", so der Untertitel Beckers, zu schön, zu künstlich und dadurch zu harmlos sein könnte, er streicht das Spiel mit Klangsilben und versucht stattdessen zu aktualisieren und zu überspitzen. "Die Darsteller treffen das Publikum auf Augenhöhe", verspricht er im Programmheft und ergänzt im Gespräch, es sei ihm ein Anliegen, das Potential, das der Text liefert, zu verstärken, zu brutalisieren. Er sieht im Stück ein "explosives Gemisch", sucht das jeweils "schärfste Sprungbrett, um die Texte ins Publikum zu schleudern", und will "Meckertypen" auf der Bühne, keine Charaktere."

AusDerMitte3 700 Ramon HaindlGekleidet in das Beige des Mittelmaßes, auf Augenhöhe mit dem Publikum. © Ramon Haindl

 

Das Spielzeitmotto des Marburger Theaters lautet "Neue Werte braucht das Land", und diese Werte sucht Beckers Stück in einer Gesellschaftsschicht, die sich immer stärker nach einem Oben sehnt und vor einem Unten bangt. Dabei kann die Suche nach neuen Werten durchaus zu alten und erschreckenden Mustern zurückführen:

Ich hatte

Ich kann doch nichts dafür

Mist, ey

Manchmal, aber echt nur ganz manchmal

Da wünsche ich mir nichts so sehr

Da wünsche ich mir den Rausch einer totalen Unterdrückung

Einigkeit und Recht und Stammtisch

Der schmale Grat zwischen positivem Wir-Gefühl und totalitärer Gleichschaltung wird in der Inszenierung amüsant ausgelotet. "Das ist Mitmachtheater", ruft einer der Darsteller. "Jetzt kommt der interaktive Teil des Abends", feixt ein anderer, und noch ist sich jeder im Publikum, in der Mitte der Gesellschaft also, sicher, dass er, dass sie, also dass wir da nicht mitmachen werden. Natürlich könnte ich Johann Strauß' "Glücklich ist, wer vergisst" aus der "Fledermaus" mitsingen, aber ich werde es nicht tun, ich bin schließlich im Theater und nicht im Cluburlaub. Als sich der sympathische junge Schauspier dann allerdings zu der Dame hinter mir setzt, sind wir schnell im Gespräch. Über alle Reihen und Sitze hinweg herrscht Einigkeit: Klar wissen wir alle, dass Schauspieler Drogen nehmen und sexsüchtig sind. Wir wissen alle, dass Politiker auch keine Ahnung haben und dafür horrende Gehälter kassieren. Und dass das "Dschungelcamp" für den Grimme-Preis nominiert war, ist selbstredend ein Skandal.

Faszinierend ist, wie es den Darstellern im Laufe des Abends immer wieder für ein paar Momente gelingt, sich mit dem Publikum zu solidarisieren. Sie schalten zwischen Bühnensprache und Alltagsstimme hin und her und vermitteln damit das Gefühl, wir seien unter uns. Dass ich beim Stammtischquiz auch hätte mitmachen und gewinnen können, stelle ich plötzlich mit leichtem Schrecken fest, denn tatsächlich konnte ich alle der zitierten Parolen ergänzen, obwohl ich nie zu einem Stammtisch gehe.

"Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt …"

Wenn das Ensemble auf der Bühne wieder unter sich ist, dann trifft man sich dort, wo früher vielleicht eine Dorflinde gestanden hätte. Die postmoderne Schwundstufe davon ist eine überdimensionale Dunstabzugshaube, unter der man alles tut, was Spaß macht: rauchen. Auch die gemeinsame Zigarette ist nämlich ein wichtiges Element der Verbrüderung, die nur noch durch den Tanz mit bunten Fahnen gesteigert wird. Und immer wieder zeigt sich, dass Harmonie ein äußerst fragiles Gebilde ist, auch im rhythmischen Gemeinschaftserlebnis lauern Neid und Aggression. Einerseits geht es natürlich um das große Wir-Gefühl, andererseits ist dieses Wir nur dann erträglich, wenn es mir etwas besser geht als den anderen: "Glücklich ist / Wer vergisst / Dass er unzufrieden ist", wandelt Becker den Operettentext ab.

"Bin ich nicht Steuermann?", so beginnt eine Erzählung Franz Kafkas, auf die die Marburger Produktion zweimal anspielt. Einerseits wird Kafka auf der Bühne zwar als Abiturwissen abgetan, das ohnedies von denen da unten niemand mehr besitzt, andererseits wird so die Statusangst einer arrivierten Mittelschicht zur existentiellen Angst jedes Einzelnen radikalisiert. Fast steht die Spielfassung des Marburger Teams vor der Depression, doch da zieht Marc Wortel den letzten, den endgültigen Trumpf aus dem Regisseurs-Ärmel, die ultimative Möglichkeit, noch einmal so etwas wie Zusammengehörigkeit zu erzeugen. Was über gemeinsames Schunkeln und Mitsingen nur bedingt funktioniert, klappt beim Fußball garantiert, spätestens wenn ein Tor fällt. "Deutschland ist Weltmeister!" Das Wunder von Bern wird eingespielt und hat auch knapp 60 Jahre danach nicht an Reiz verloren. "Es ist ein kurzes, ein zeitliches Happy-End, aber ganz pessimistisch zu enden, das wäre nicht richtig", kommentiert Marc Wortel seine Entscheidung. Und so sind Publikum und Ensemble doch noch zu einer großen Familie geworden, wir sind alle gleich, alle durchschnittlich – wie gesagt, für einen kurzen Moment.