Eingreifendes Denken heute

von Wolfgang Behrens

April 2014. Wie von fern her klingt der Tonfall und doch vertraut. "Wir sind zurückgekehrt, wir werden euch berichten. / Wir werden euch erklären, was geschah", heißt es zu Beginn von Matthias Naumanns "Die Reise". Und: "Ihr, das Gericht der Stiftung, ihr habt uns Geld / für die Reise gegeben. Wir / sind mit eurem Urteil einverstanden, was immer es auch sei."

Acht Jahrzehnte, ein paar Menschheitskatastrophen und Ideologiedämmerungen früher, 1930 nämlich, klang das so: "Wir fordern euer Urteil." "Stellt dar, wie es geschah und warum, und ihr werdet unser Urteil hören." "Wir werden euer Urteil anerkennen." In Bertolt Brechts "Die Maßnahme" rechtfertigen sich vier "Agitatoren" vor einem "Kontrollchor", weil sie einen Genossen getötet haben. Dieser fünfte Agitator hatte sich bei einer Propaganda-Mission im vorkommunistischen China vom Mitleid hinreißen lassen, anstatt im Sinne der Partei zu handeln, und dadurch die Mission in Gefahr gebracht.

Den Flüchtlingsströmen auf der Spur

Matthias Naumann hat diese Konstellation ganz bewusst zitiert. Beziehungsweise variiert, aktualisiert und unterlaufen. Seine vier Spieler_innen sind keine Agitatoren mehr, vielmehr reisen sie im Auftrag einer Stiftung in jene Länder, aus denen sich täglich Flüchtlingsströme "hierher", also in unsere westliche Welt ergießen. Zwei Pläne verfolgen die Vier: Sie wollen die Geschichten der Flüchtlinge dokumentieren, und sie wollen "Material für Anklagen sammeln, / gegen welche von hier, nicht jene." Auch bei dieser Tätigkeit ist Mitleid also fehl am Platze. Die vier Reisenden wollen vielmehr, so wiederholen sie es wie ein Mantra, "das System lernen, um es zu verändern."

Die Grenze, die sie auf der Reise in die Herkunftsländer der Flüchtlinge überschreiten, spielt für Naumann eine zentrale Rolle. Auch hier bezieht er sich auf Brechts "Maßnahme", denn deren Agitatoren – so führt es Naumann aus – gehen ebenfalls "in ein anderes Land, über eine Grenze, hinter die sie sich später wieder zurückziehen. Diese Situation als Frage der Gegenwart hat mich interessiert." Auf der einen Seite der Grenze, gewissermaßen diesseits von Lampedusa oder Melilla zu leben, ist ein Privileg – so schreit es förmlich aus jeder Zeile von Naumanns Stück. Die Strafe, die der vierte Reisende am Ende, analog zu Brecht, für seine "Fehler", für sein tätiges Mitleid erfährt, ist daher auch nicht der Tod, sondern der Entzug des Passes: "Du verwirkst deine Rechte, in der Union darfst du nicht mehr leben." Und einer der Flüchtlinge, die wieder abgeschoben wurden, benennt ganz konkret, was er in der "Union" gesucht hat: "Ich werde nie aufhören, / eure Freiheit zu lieben."

Blick über Grenzen

Dieser Satz übrigens ist eins zu eins der Realität entnommen. Er stammt aus dem Buch "Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa" des italienischen Reporters Fabrizio Gatti und zitiert den Tunesier Mohamed, der es schon einmal bis Italien geschafft hat und es nun nach seiner Abschiebung wieder versuchen will. Es ist dies allerdings das einzige wörtliche Zitat, das Naumann übernommen hat: "Ich habe eine ganze Menge Material gesichtet, gesehen, gelesen, direkte Berichte oder journalistisch vermittelte wie die Fabrizio Gattis oder Gabriele del Grandes. Aus diesen fließen immer wieder einzelne Eindrücke oder Situationen und Fakten zu Fluchtwegen und dem Umgang mit den illegalisierten Reisenden in die gezeigten Szenen ein, aber es handelt sich nicht um eine direkte Wiedergabe bestimmter Personen, Szenen oder Ereignisse aus diesen Büchern."

Es wirkt fast ein wenig unzeitgemäß, wenn Matthias Naumann in "Die Reise" die Gattung des Lehrstücks wiederbelebt. Der moralische Zeigefinger Brechts gilt heute vielen als suspekt, das Ideologische seines Standpunkts wirkt arg angestaubt, und nicht zuletzt deswegen wird das Lehrhafte seiner Anordnungen in heutigen Aufführungen oft bis zur Fratze ironisiert. Naumann hingegen ironisiert nicht, er bringt stattdessen das Spielerische der Gattung zur Geltung und bricht sie durch reflektierende und anachronistische Einschübe auf (einer dieser Einschübe etwa erzählt von Chris, der oder die an eine Grenze des 19. Jahrhunderts gelangt, ans Tor zur Neuen Welt Amerikas nämlich, die auch damals schon mit der großen Freiheit lockte.)

Erfindung des Lernstücks

Für veraltet jedenfalls, man kann es sich denken, hält Matthias Naumann das Lehrstück nicht – wobei er den Begriff "Lernstück" bevorzugen würde. Er glaubt fest daran, dass das Theater "das Potential hat, gegenwärtige politische und soziale Fragen zu verhandeln, und dies auch tun sollte. Dafür scheint mir das Lehrstück bzw. Lernstück eine interessante Möglichkeit, die es weiter zu erkunden gilt, um ihr Potential für eine reflexive Verhandlung politischer und sozialer Fragen im Gegenwartstheater auszuloten." Wobei er – jenseits des erwähnten Zeigefingers – einen Begriff Brechts stark macht, nämlich den des "Eingreifenden Denkens" als "eines möglichen Anspruchs an und von Theater, das sich mit politischen/sozialen Verhältnissen und Konflikten auseinandersetzt."

Es ist wohl für ein "Lernstück" nur folgerichtig, dass es keine Lösungen aufzeigt, sondern die Zuschauer/Leser mit seinen Aporien alleine zurücklässt. In den eingeschobenen Monologen lässt Naumann je eine_n seiner Spieler_innen ganz grundsätzlich und ergebnisoffen über unsere Stellung zur Welt räsonieren: Wie steht es um unsere Bereitschaft zu helfen und eine neue Weltordnung zu wagen, wenn das mit persönlichem Verlust verbunden ist, mit der Gefahr, "dass es mal nicht das gibt, was ich heute gern essen oder neu anziehen würde"? Ist es statthaft, die Erfahrungen von Menschen in Not, von Flüchtlingen, aus unserer privilegierten Perspektive nachvollziehen, nacherleben zu wollen? Wo liegen die Grenzen unseres Einfühlungsvermögens? Und wie ein Kommentar zur Gattung des Lehrstücks fallen dann im letzten dieser Monologe auch die Sätze: "Überhaupt kann es um Lehre nicht gehen, nur um Grenzen der Denkbereitschaft, meiner, die hier nicht weit genug geht, anderer. Erst aus Denkbereitschaft könnte ja eine Bereitschaft zum Handeln entstehen."

Handeln vs. Beobachten

Genau diese Bereitschaft zum Handeln zeichnet den Abtrünnigen der vier Reisenden in die Herkunftsländer der Flüchtlinge aus. Er hilft denen, die er nur befragen sollte, beim Asylantrag, er verschenkt die für die Expedition selbst gedachten Medikamente und ihr Geld, und zuletzt denunziert er die Täter der "Nordunion" an die Flüchtlinge und tritt deren Revolutionsversuch bei. "Ich habe gelernt, / sagte er, / (…) dass das System sich nur verändert, / wenn sich das System ändert." Er greift in die Verhältnisse ein, anstatt sie zu studieren.

Ist das der richtige Schritt? Matthias Naumann ist klug genug, eine Antwort hierauf zu verweigern. Der Gattung Lehrstück hat er so zweifellos eine kräftige und sehr zeitgenössische Variante hinzugefügt.

 

 

Lesung von „Die Reise“ am zweiten Tag des Autorenwettbewerbs, 4. Mai, 13 Uhr, im Alten Saal.