Reigen ohne Beischlaf

von Simone Kaempf

April 2015. Jugend war einst die Zeit, in der man Freiheit, Aufbruch, Unabhängigkeit spürte. Heute steckt man als Mittzwanziger im engen Netz sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten und sehnt sich in vergangene Zeiten zurück. "Früher waren wir lebendig", sagt jedenfalls Lore in "Szenen der Freiheit“, "heute leisten wir, aber ich will, dass wir mal wieder etwas erleben, dass uns mal wieder etwas passiert“, so ihr Befund. Einfach mal wieder lostrampen wäre eine Möglichkeit. Wozu braucht man auf einmal Flugbuchungen und Reservierungen und Hotels? "Früher haben wir darauf geschissen". Doch früher war man auch noch nicht komplett überarbeitet, nicht permanent überlastet, nicht chronisch übermüdet, sagt Josch. Wie man sich bereits in jungen Jahren fühlen kann, wenn einem sechs Wochen Non-Stop-Projektarbeit in den Knochen steckt.

Das süße "Damals" der 25-Jährigen

Urbane und sehr zeitgeistige Lebens- und Arbeitsbiographien verleiht Jan Friedrich den fünf Protagonisten seines Stücks "Szenen der Freiheit" und demonstriert auf konsequente Weise, dass Heranwachsen heute anders aussieht. Sie alle, die hier noch am Anfang stehen, glauben, schon alles hinter sich zu haben. Früh gealtert wirken die Figuren, scheinbar abgeklärt und erfahrungssatt. Erinnerungen an die Kindheit verklären sich, als sei man bereits im höheren Alter. Wie Pascal, der sagt: "Da war alles richtig. Das Leben wie es sein sollte. Mit. Keine Ahnung, Sechs oder so? Alles im Lot."

Oder sie behaupten im Liebesleben längst Abschied genommen zu haben von den Klischees traditioneller Zweierbeziehungen, "vom heteronormativen Dreck der westlichen Welt, den bipolaren Geschlechterdefinitionen, den hierarchiekonstituierenden Beziehungsmodellen". Bloß nicht nachleben, was andere schon vor einem erlebt haben. Die bürgerlichen Errungenschaften von der Eigentumswohnung bis zum Sonntagsspaziergang mit Hund sind zum Greifen nah, aber "das wünscht man sich ja nur, weil man denkt, man muss das wollen, als westlich sozialisierter Mitteleuropäer", formuliert es Josch, ohne eine handfeste Alternative anzubieten.

Illusion des freien Willens

Was sie selbst wollen, wissen die fünf kaum. In dieser Unwissenheit funkeln die Symptome einer Gegenwart auf, die ein Höchstmaß an Freiheit suggeriert, aber auch zu zwischenmenschlicher Flexibilität und emotionaler Unverbindlichkeit erzieht. Diesen Leidensweg der Figuren erzählt Jan Friedrich im ersten Teil des Stücks als Reigen wechselnder Mann-Frau-Begegnungen. Formal kann man darin eine Parallele zu Arthur Schnitzlers knapp hundert Jahre altem "Reigen" sehen, in dem sich in zehn Szenen die Partner austauschen und dabei die Macht unterschiedlicher Gesellschaftsschichten ausgespielt wird. Bei Friedrich ist es nicht mehr der Koitus, sondern die verweigerte sexuelle Begegnung, in der sich die Härte des zwischenmenschlichen Umgangs vollzieht. Auch die ist alles andere als angenehm für die Betroffenen.

In den Szenen des Stücks passiert im Grunde erst einmal wenig, kein Beischlaf, kein gemeinsamer Urlaub, immer bricht etwas ab, bevor es begonnen hat. Der schwule Josch bändelt überraschend mit Anni an, rückt aber auf halber Strecke abrupt wieder ab. Josch wiederum wird am Flughafen von Lore versetzt, die zu spät zum Abflug in den gemeinsamen Urlaub erscheint. Pascal baggert Bastian an, um dann doch nur demonstrativ mit dem Hund zu kuscheln. So rückt Friedrich dicht heran an die Art und Weise, wie eine Generation ihre Erfahrungen sammelt, miteinander spricht und umgeht. Geschliffen wirken die Dialoge, die am Ende stets abreißen, und gerade das Offene birgt den Resonanzraum für die Verletzungen und Seelennöte.

Wutmonologe und ein Selbstmord

Jan Friedrich, Jahrgang 1992, studiert derzeit Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. "Szenen der Freiheit" ist sein viertes Stück, und als Theaterautor wird er in den nächsten Monaten sehr präsent sein. Das Erstlingsstück "Deals“ wird Ende April in Hannover uraufgeführt. "Szenen der Freiheit“ überzeugte auch die Jury der Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin, wo es im Juni als eines von vier ausgewählten Stücken zur Uraufführung kommt. Friedrich selbst wünscht sich auf der Bühne einen stärkeren Fokus auf das körperliche Spiel – vielleicht eine Konsequenz seines Studiums. Einen reflektierenden Überbau haben seine Texte sowieso.

Seinen Figuren schenkt Friedrich im zweiten Teil von "Szenen der Freiheit" auch kleine Wutmonologe jener Art, wie sie das Theater zur Zeit sehr mag. In wortstarken Ausbrüchen scheren sie aus dem blinden Konsens aus und reflektieren die Muster, an denen sie leiden. Vor allem Lore wächst zur zentralen Leidensfigur, die eine Welt konstituiert, "die schamlos jedem das Geständnis abringt, am Ende doch nur den eigenen Arsch retten zu wollen. Die es verlacht, einander Versprechen zu geben".

Als schmerzhaften wie überraschenden Plot komponiert Friedrich ihr, der wahren Sympathieträgerin des Stücks, einen Selbstmord: Lore bringt sich um. Er spielt dieses Crescendo weniger psychologisch-realistisch aus, als es vielmehr wie eine Info nur knapp anzureißen und die Freunde ein letztes Mal vor der Friedhofsmauer zusammenzuholen. So kurz und knapp das gestaltet ist, blitzt moralphilosophisch doch das große Fragen-Panorama auf: Ist das nun das Ausleben des freien Willens oder nur dessen Illusion? Oder gar der größtmögliche Schaden, den ein Einzelner der Gesellschaft antun kann? Den Freunden bleibt die Erkenntnis auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, "sie hat immer auf ihre Weise gelebt". Aus kleinen Einsichten wächst ein großes Lehrstück über die Dialektik von Freiheit, Einsamkeit, Abhängigkeit. Und trifft das Bild einer Gesellschaft, die Freiheit vor allem so versteht, auf äußere Ereignisse zu reagieren.

 

Lesung von  "Szenen der Freiheit" am zweiten Tag des Autorenwettbewerbs, 26. April, um 15.30 Uhr im Alten Saal