Herz der Kapitalismusfinsternis

von Georg Kasch

April 2015. Gummi ist ein dehnbares Symbol. Dynamisch, vielseitig, ein Stoff gewordener Wirtschaftstraum, ohne den heute einerseits kaum etwas funktionieren würde, an dem andererseits das Blut von Naturausbeutung, Kolonialisierung und Zwangsarbeit klebt. "der gummi lässt sich leicht überziehen ist flexibel passt sich jeder gesellschaft an im gummi ist dem prekariat sein präservativ den spannen wir über ganze kontinente bis die reifen kein mensch mehr braucht und dann können sie jahrelang verbrennen", heißt es einmal in Thomas Köcks Stück "paradies fluten". Muss man anmerken, dass Gummi besonders langsam verrottet?

Womit es gut in die apokalyptische Landschaft voller Zivilisationsüberreste, Kulturtrümmer und Zitatmüll passt, die durch den ersten Teil von Köcks "Klimatrilogie" zieht (Teil 2 und 3 sind im Entstehen), einem monstrehaften Mahlstrom von Worten und Bildern, die ins Herz der Kapitalismusfinsternis führen. Eine postmoderne Collage, in der Jahrhunderte und Hundertschaften an Problemfeldern in eins und vorbeifließen. Ihr Kern: der Markt und der Raubbau an der Natur. Ohne Punkt und Komma verbeißen sich Ökonomie und Ökologie ineinander, ein Sog, aus dem sich Figuren und Szenen schälen. Zunächst und zuletzt sind das in der Ouvertüre und der Coda zwei alte Frauen, Postparzen genannt, die von der "solaren Katastrophe" künden, dem absehbaren Ende der Welt durch das Verlöschen der Sonne.

Die unsichtbaren Hände des Autors und des Marktes

Danach beginnen Thema und Variation. Da gibt es die großen chorischen Sprecharien, die immer wieder mit ihrer endlosen Materialanhäufung und Assoziationsverkettung kokettieren – eine Art kollektives Unterbewusstsein, eine Bildbeschreibung auch. Daneben eine typische Kleinfamilie der 90er Jahre, die am Unternehmertum und der Selbstausbeutung des Vaters zerbricht – über die Tochter, eine Tänzerin, rechnet Köck virtuos mit dem sich gerne kritisch gebenden, aber im Grunde doch ziemlich marktwirtschaftlichen Theater ab. Und dann sind da noch die Kautschuk-Plantagen in Brasilien 1869, wo ein deutscher Architekt in Manaus ein Opernhaus bauen soll und beim Versuch scheitert, eine kommende Gemeinschaft zu schaffen und die Indios zu befreien (das selbst wiederum eine Geste, die nicht frei ist von Kolonialismus).

Nun birgt Gesellschaftskritik in der Literatur und im Theater immer die Gefahr, platt und belehrend zu sein. Da ist hier einerseits der Furor vor, mit dem Köck zu Werke geht, schließlich kämpft hier "die unsichtbare hand des marktes / im duell mit der unsichtbaren hand des autors", wie es in der Vorbemerkung heißt. Andererseits bleibt Köcks Sprache bei allem Rausch sperrig, weil sie oft das Verb nach vorne stellt wie in Übersetzungen altgriechischer Verse. Ihre Interpunktionslosigkeit nutzt Köck, um sie neuen Bedeutungen zu öffnen, je nachdem, welcher Sinneinheit man ein Wort zuschlägt.

Zwischen Jelinek und Lyotard

Zuweilen erinnert der mahlende, assoziierend sich vorwärtsspinnende und durchaus auch kalauernde Sprachstrom thematisch wie syntaktisch an Elfriede Jelinek, mal an Heiner Müller. Und doch gewinnt Köck einen eigenen Ton, wenn er der Sprache des Marktes auch die letzte Naturmetapher zwischen Wirtschaftswachstum und Steueroasen abpresst – Adam Smith' Naturgesetz der Ökonomie grüßt vernehmlich.

Dass Köck die Werke von Smith, Marx, Lyotard, Rancière und vielen anderen gelesen hat, merkt man "paradies fluten" an. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaften, bevor er sich 2012 für Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin immatrikulierte – ein erfolgreicher Jahrgang, wenn man bedenkt, dass auch Uta Bierbaum und Stefan Wipplinger Heidelberg-Erfahrung besitzen. In den vergangenen zwei Jahren hat Köck für "Jenseits von Fukuyama" den 1. Osnabrücker Dramatikerpreis gewonnen, was ihm eine Uraufführung in Osnabrück einbrachte, die wiederum für den Mülheimer Dramatikerwettbewerb im Gespräch war.  Es folgten der Else-Lasker-Schüler-Stückepreis und mehrere Stipendien.

Das Theater Osnabrück hat bei ihm auch "paradies fluten" in Auftrag gegeben, als spartenübergreifendes Projekt für die große Bühne – die Uraufführung inszeniert im September Choreograf Mauro de Candia als Crossover aus Schauspiel und Tanz. "Zu wissen, dass das Stück auf die große Bühne kommt, hat beim Schreiben viel mehr Spaß gemacht", sagt Köck. "Es ist einfach abgefahren, dass die einem so ein Projekt ermöglichen". Und ein großer Vertrauensbeweis.

Musikalisches Welttheater

Die große Bühne ermöglicht es, Themen anders anzugehen als die üblichen Drei- bis Vier-Personen-Stücke, die landauf landab entstehen und in den Nebenspielstätten uraufgeführt werden. Denn aus den Menschen- und Themenfluten, die Köck durcheinanderwirbelt, entsteht ein Welttheater als Gesamtkunstwerk, das in seinem umfassenden Anspruch die Globalisierung spiegelt. Beim Lesen hört man förmlich Wagners "Ring"-Musik gurgeln und brausen.

Was wiederum an der hohen Musikalität des Stücks und seines Aufbaus liegen dürfte. Köck hat als Musiker gearbeitet, hat Gitarre gespielt und mit Midikeyboard und Rechner alte Songs gesampelt und remixed. Das schlägt sich unmittelbar in der Struktur von "paradies fluten" nieder, dieser "verirrten sinfonie", wie es im Untertitel heißt. Die Szenenüberschriften bestehen aus Satz- und Vortragsbezeichnungen, wobei das Tempo rubato dominiert; die Sprache vibriert von einem soghaften Rhythmus. "besetzung ad libitum wie immer im rahmen ihrer möglichkeiten", heißt es gleich zu Beginn, um dann eine Empfehlungsliste an die Regie nachzureichen, die in ihrer taumelnden Unmöglichkeit an Sehnsuchtswahnsinn grenzt.

Utopien ex negativo

Wie auch der magische Realismus in den Brasilien-Szenen, wo der historische Kautschuk-Boom zwanglos auf Bankencrash und Hashtags prallt. Immer wieder kreist das Stück allerdings um die 1990er, weil es damals, als sich der Kapitalismus nach Ende des Kalten Krieges kein Menschlichkeitsmäntelchen mehr umlegen musste, "eine Individualismus-Explosion gegeben" habe, sagt Köck: 1994 unterzeichnete Bill Clinton das Bankengesetz, mit dem sich der Staat aus der Regulierung zurückzog – die Quittung war die Weltwirtschaftskrise 2007 ff.

Gibt's Alternativen? Der Einzige im Stück, der versucht, sich gegen das System zu stemmen, scheitert – an amerikanischen Waffen, Opportunismus und sich selbst. "Ich bin skeptisch, inwiefern man alternative Gesellschaften in der Kunst formulieren kann", sagt Köck. Für ihn stecken die Utopien in den unmöglichen Behauptungen seines Stücks. Und darin, dass er diese Themen mit Macht und Wut, Tanz und Musik auf die große Bühne bringen darf – hoffentlich etliche Male. Schon in der Vorrede heißt es treffend: "da das alles sicherlich sehr viel ist für einen abend / empfehle ich den text häufig nachzuspielen / es lohnt sich".

 

Lesung von „paradies fluten“ am ersten Tag des Autorenwettbewerbs, 25. April, 14 Uhr, im Alten Saal.