Geschichte(n) der Dinge

Das Kollektiv Turbo Pascal wurde berühmt mit einer Mischung aus Recherche-Theater und Autofiktion. Jetzt hat es sich mit den Dingen befasst, mit denen wir leben. Und die manchmal auch Ballast sind.

Von Georg Kasch

3. Mai 2024. Normalerweise ist es im Theater so: Spätestens, wenn das Licht verlischt, sollten auch die Handys in den Flugmodus gesetzt werden. In "Common Things" ist das anders. Noch bevor überhaupt irgendetwas passiert, fordert uns die auf die Leinwand projizierte Schrift dazu auf, eine bestimmte Website aufzurufen, einen Code einzugeben, Alter und Geschlecht zu nennen.

"Common Things" von Turbo Pascal © Kimi Palme

Und dann kommt Frank. Frank Oberhäußer, Gründungsmitglied der ursprünglich Hildesheimer, seit vielen Jahren Berliner Gruppe Turbo Pascal, bringt Kisten mit, diese durchsichtigen aus Kunststoff. Drinnen sind Erinnungs- und Erbstücke, die er einzeln auf einen Tisch legt, wo eine Handykamera sie für die Leinwand vergrößert: Oberhäußers Rastalocken aus seiner Jugend. Das Computerspiel "Empire" in verschiedenen Versionen. Eine Ikone.

Porträt des alten weißen Mannes?

Turbo Pascal sind berühmt für ihre knuffigen Wohlfühlabende zwischen Dokutheater und Autofiktion, in denen es allmählich ungemütlich wird. Witzig und atmosphärisch ist es eigentlich immer, irritierend nur manchmal. "Common Things", das das Autor:innenkollektiv Angela Löer, Eva Plischke und Frank Oberhäußerallerdings fürs Monologfestival am Berliner TD erarbeitet hat, aber besitzt dieses Irritationspotential. Zunächst nimmt man die einzelnen Objekte und ihre Geschichten, die Oberhäußer dazu erzählt, als zufällig wahr und hin. Aber spätestens, als er davon berichtet, dass seine Bürokollegin das ziemlich lässige, weil selbstironische Turbo-Pascal-Plakat mit dem Spruch "Und dann hast du so Idioten auf der Bühne, wo du keine Ahnung hast, was die schon wieder vorhaben" nicht aufhängen will, dämmert’s einem, dass die Auswahl dieser "gewöhnlichen Dinge" einen Grund haben. In diesem Fall: weil "Idiot" diskriminierend für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen verwendet wurde.

Nun setzen sich die Nebengeschichten der Dinge zum Porträt eines alten weißen Mannes zusammen, repräsentieren all die Ausgrenzungsmechanismen wie Rassismus, Sexismus, Klassismus. Die Ikone? Raubkunst aus dem 2. Weltkrieg. Der Autoschlüssel? Rückfall ins fossile Zeitalter. Das Spiel? Imperialistische Ausdehnungsfantasie. Die verfilzten Haare? Kulturelle Aneignung.

CommonThings c Kimi PalmeWelche Bücher fehlen? Frank Oberhäußer © Kimi Palme

Zwischendrin – und da kommen dann die Handys ins Spiel – dürfen wir mittels Multiple-Choice-Fragen darüber abstimmen, was mit der einst geraubten Ikone geschehen oder ob Oberhäußer das inkriminierte Plakat trotzdem aufhängen soll. Die Antworten, die hübsch visualisiert auf der Leinwand erscheinen, mal als Tortendiagramm, mal als die Ballung wimmelnder Punkte, sind dabei gar nicht das Entscheidende. Sondern dass wir beteiligt sind, mitdenken, Vorschläge machen. Demokratie als Gegenbild zum Einzelnen da vorne, Schwarmintelligenz als Alternative zum genialen (und natürlich männlichen) Kopf.

Gesellschaftlicher Ballast

Etwa bei der Frage, welche Bücher fehlen in der Kiste, in der man Werke Shakespeares, Thomas Manns und David Foster Wallaces erkennen kann. Muss man den Kanon wirklich vergessen? Oder ließe er sich ergänzen, ersetzen? Plötzlich rauschen dank der Publikums-Handys unzählige Autorinnen-Namen und Titel über die Leinwand, Jane Austen, Silvia Plath, Liv Strömquist, Patrícia Melo, Silvia Plath und so viele weitere, dass es problemlos für ein Dutzend Regalmeter reichen würde.

Noch bevor Oberhäußer (also die autofiktionale Rolle, die er hier spielt) sich so richtig in seine Kränkung als mittelalter weißer Mann, dem die Privilegien streitig gemacht werden, hineinfressen kann, endet der Abend versöhnlich. Davor aber hat er auf wunderbar leichte, melancholische Weise durchgespielt, wie viel wir als Gesellschaft mit uns rumschleppen, als Erbe wie als Ballast. Und wie wichtig es für die Gerechtigkeitsfrage ist, regelmäßig zu überprüfen, ob uns das noch taugt – oder wegkann.

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Common Things
von Turbo Pascal
Konzept, Text, Regie: Turbo Pascal (Angela Löer, Eva Plischke, Frank Oberhäußer).
Mit: Frank Oberhäußer
Uraufführung am 17. November 2023
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.turbopascal.info