Am Leben werden wir nicht scheitern – Mario Salazar liefert zur grotesken Dystopie gleich den Gegenentwurf mit

Weltvernichtung inbegriffen

von Wolfgang Behrens

Er habe, sagt Mario Salazar, ursprünglich ein Stück über die Unsinnigkeit des Lebens schreiben wollen und über eine Welt, "in der das Leben nur noch sterbenswert ist". Doch dann hätten ihn "die Figuren und die große irrationale Unbekannte" das Stück von dieser Grundidee wegschreiben lassen. Ja, das mag stimmen: Salazar hat seinen für den Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts nominierten Text "Am Leben werden wir nicht scheitern" von dieser Grundidee aus in verschiedene Richtungen weiter getrieben und ihn so reicher gemacht – weggeschrieben hat er die Idee aber nicht: Sie ist immer noch da. Die Welt jedenfalls, in der das Stück spielt, ist nicht wirklich lebenswert geworden.

"Am Leben werden wir nicht scheitern" führt uns in den trostlosen Innen- oder Hinterhof eines Mietshauses, der irgendwo in einer deutschen Großstadt sein könnte. Für jemanden, der in Berlin lebt – und Salazar lebt in Berlin –, fühlt es sich wie Berlin an. Auf diesem Hof treffen sich die Bewohner des Hauses, allerlei prekäre Existenzen, denen zum Leben meist nur ihre höchst skurrilen Steckenpferde oder ein paar politisch mehr oder minder unkorrekte Phrasen geblieben sind, die sie sich ungerührt um die Ohren hauen. Das unaufhörliche Gerede und Gebrabbel dieser Menschen kann einem seltsam vertraut vorkommen: Der Stammtisch oder der eigene Hinterhof sind nicht fern.

Der Nachbar in der Tonne

Salazar belässt es aber nicht einfach bei klischiertem Typenrealismus. Ein entscheidender Dreh seines Textes ist es, dass er die Zukunftsdiskurse, die alltäglich durch unsere Medien rauschen, zusammenpackt und die ihnen innewohnenden Ängste um ein Kleines nur ins Apokalyptische verschiebt. Das visionäre Deutschland, in dem seine Figuren leben, führt einen fernen Krieg, zu dem jeder ankündigungslos rekrutiert werden kann, es ist überaltert, verarmt, es wird von einigen als überfremdet wahrgenommen, es scheint einen blühenden Organhandel zu geben, atomare Vernichtung ist im Spiel, und zudem versuchen sich Teile der Menschheit, durch Kunststoffersatzteile unsterblich zu machen. Das ist dann doch eine ziemlich sterbenswerte Welt. Und trotz oder wegen ihrer grotesken Überzeichnung wirkt sie der unseren noch nah verwandt.

All diesen Problemen begegnen Salazars Figuren mit einem Arsenal an Sprüchen (zur Überalterung weiß etwa einer beizutragen: "Das deutsche Volk muss mehr ficken. Ficken ist die Lösung für das deutsche Volk.") und einer guten Portion Defätismus. Man hat sich in seinen jeweiligen Ideologien eingerichtet: Die einen knattern gewohnheitsmäßig ausländerfeindliche Nazi-Sprüche heraus, die anderen sind habituelle Gutmenschen und Kommunisten, denen jeder innere Auftrag abhanden gekommen ist. Man agiert reflexhaft, das äußere Geschehen, so absurd es ist – und Salazars Sinn fürs Absurde ist mehr als beachtlich! –, berührt die Menschen kaum mehr und verändert sie schon gar nicht. Ob der Nachbar Dresdner nun tot in der gelben Tonne liegt oder nicht, interessiert nur insofern, als man Spekulationen über seinen Weg in die Tonne anstellen kann. Und vielleicht gibt es ja auch was zu erben, denn schließlich hat sich Dresdner ja in seinem Zimmer eine alte S-Klasse zusammengeschraubt. Und eventuell kann man mit dem Herzen des Toten noch irgendetwas anfangen?

Bunuel, Bacon, Heiner Müller

Mario Salazar, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte, hat sich vor einem Jahr beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens als Erzkomödiant eingeführt. In Alles Gold was glänzt, das den Preis "Theatertext als Hörspiel" davontrug, führte er eine irre komische Familie vor, die ähnlich stoisch wie die Hausbewohner aus "Am Leben werden wir nicht scheitern" an der desolaten Realität vorbeilebt und ihr Weltverständnis nicht zuletzt aus dem Unterschichten-Fernsehen bezieht. Der Dialogwitz, den Salazar in diesem Erstling vorführte, war stupend und prädestinierte den Autor geradezu fürs komische Fach.

"Am Leben werden wir nicht scheitern" schlägt denn aber bei aller Lustigkeit einen ganz anderen Ton an: Die Komik ist noch weiter ins Farcenhafte getrieben und schreckt auch vor dem grässlichsten Aberwitz nicht zurück (einen Haufen Toter und Weltvernichtung inbegriffen). Die robuste dramaturgische Struktur, die "Alles Gold was glänzt" auszeichnete, ist zugunsten einer experimentelleren Anordnung aufgegeben. Salazar selbst würde das Stück denn auch nicht als Komödie bezeichnen, "obgleich die Komödie hier eine durchspielbare Variante sein könnte." Und schließt – durchaus selbstbewusst – an: "Ich würde den Text als ein Gemälde beschreiben, das sich an Luis Bunuel, Martin Parr, Herbie Hancock, Francis Bacon und Heiner Müller anlehnt."

Aus der Buddelkasten-Perspektive

Die verrückteste Maßnahme, die das Stück für jeden Regisseur zu einer echten Herausforderung macht, besteht in Salazars Idee, parallel zu den Dialogen der Hausbewohner den sogenannten "Buddelkarsten" im Buddelkasten des Hofes monologisieren zu lassen. Der Buddelkarsten, offenbar ein Obdachloser, spricht ein nicht präsentes Du an, das man irgendwann als seine verstorbene Freundin Tanja identifiziert. Er, der auf der sozialen Leiter am allertiefsten steht, ist zugleich die menschlichste Figur des Stückes. Seine gegen alle Vernunft behauptete Liebesgeschichte, die er eigensinnig über den Tod hinausspinnt, bietet so etwas wie den poetischen Gegenentwurf zu der zynischen, auf blanken Egoismus reduzierten Welt der Anderen. Die er übrigens aus seiner Buddelkasten-Perspektive zu durchschauen scheint: Immer wieder spricht er Dialogpassagen der Hausbewohner mit. Kann er sie vorausahnen? Hat er sie schon oft gehört? Besitzt er eine höhere Form der Empathie?

Salazar hat für die Parallelität von Monolog und Dialog keine Patentlösung mitgeliefert. Er kann sich jedoch verschiedene Formen der Gleichzeitigkeit vorstellen, "z.B. einen leisen Buddelkarsten bei einer gleichzeitigen lauten Hausgemeinschaft, dann ein Wechsel zu einem lauten Buddelkarsten und einer leisen Hausgemeinschaft." Man wird sehen, ob es eine Bühne wagen wird, sich dieser inszenatorischen Schwierigkeit zu stellen. Zu hoffen wäre es, zumal das Stück sein Publikum ganz sicher findet: Bei den kürzlich zu Ende gegangenen Autorentagen "Stück auf!" in Essen wurde Salazar für "Am Leben werden wir nicht scheitern" mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

 

Lesung von "Am Leben werden wir nicht scheitern" am zweiten Autorentag, 5. Mai um 16 Uhr im Zwinger 3

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