Essay: Der Heidelberger Jugendstücke-Wettbewerb präsentiert paradigmatische Positionen

Drei Mal Jugend

von Christian Rakow

Manchmal spricht auch ein Mangel für Gewinn. Ein wenig verwundert reibt man sich ja schon die Augen, dass beim neu ins Leben gerufenen Jugendstückewettbewerb des Heidelberger Stückemarkts keines der großen Kinder- und Jugendtheater Deutschlands dabei ist: kein Grips Theater, kein Theater an der Parkaue Berlin, kein Theater Junge Generation Dresden, kein Theater der Jungen Welt Leipzig.

Tatsächlich aber spricht diese Abwesenheit der Spezialisten bei gleichzeitiger Einladung von Staatstheatern aus Dresden, Wiesbaden und Hannover für eine wachsende Präsenz des Jugendtheaters. Die Zeiten, in denen die großen städtischen Bühnen am jungen Publikum vorbei inszenierten, sind passé. Ein starkes Jugendangebot gehört heute ebenso wie eine rührige Theaterpädagogik zur Grundausstattung der Häuser. Manch eine Bühne vermag mit jungen Arbeiten geradezu ein Profil zu schärfen. So war es beim Neustart der Oldenburger Intendanz von Markus Müller 2006, als mit "Crash" von Sera Moore Williams in einer Inszenierung der damals noch weitgehend unbekannten Anna Bergmann ein verheißungsvolles Signal für die ästhetisch dann tatsächlich sehr mutige Theaterarbeit im äußersten Nordwesten gesetzt wurde.

Jugendtheater ist kein Igitt-Etikett

Dass im Übrigen die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenentheater längst durchlässig sind, bedarf kaum mehr der Erwähnung. Man erinnert sich noch lebhaft an die parallele Einladung des postmigrantischen Schiller-für-Schüler-Stückes "Verrücktes Blut" (von Jens Hillje und Nurkan Erpulat) zum Berliner Theatertreffen 2011 und zum Kinder-und-Jugend-Theatertreffen "Augenblick mal" (letztere Teilnahme sagten die Verantwortlichen vom Ballhaus Naunynstraße allerdings mit einer nurmehr anachronistisch anmutenden Abwehrhaltung ab: "Dies ist kein Jugendtheater", hieß es, als handele es sich dabei um ein Igitt-Etikett!). In diesem Jahr wird man beim Berliner Theatertreffen mit Gob Squads "Before your very eyes" eine Inszenierung erleben, in der mit selbstverfassten Texten und rasanten Performances von live auftretenden, frühpubertären Darstellern eine große, generationenübergreifende Lebensreise vollzogen wird.

Performative Arbeiten wie diese, die an klassischen Kinder- und Jugendtheatern ebenso wie im Erwachsenenbereich inzwischen wichtige Positionen besetzen, sind in Heidelberg nicht vertreten. Dem Charakter des Stückewettbewerbs gemäß, konkurrieren hier drei Dramen, die problemlos von ihrer konkreten Aufführungssituation ablösbar sind. Es sind klassisch nachspielbare Werke und – so viel kann man vorwegnehmen – allesamt von bemerkenswerter Qualität.

Vielfalt und paradigmatische Positionen

Ein breites Panorama zeichnet sich mit ihnen ab. Mit "Hide & Seek" hat Esther Rölz für das Wiesbadener Staatstheater ein sensibles Adoleszenzdrama verfasst, das eine Dreizehnjährige beim Eintritt in den sexuellen Erfahrungshorizont begleitet. Man hätte ihm wunderbar die gefeierte Romanadaption "So lonely" vom Grips Theater (Regie: Franziska Steiof, Text: Michael Müller nach dem Roman von Per Nilsson) zur Seite stellen können, die die Wirren des Frühlingserwachsens aus der Sicht eines Jungen schildert. Was die Vergleichbarkeit innerhalb des Jugendstück-Wettbewerbs, dessen Sieger mit einem Gastspiel bei den Mülheimer Theatertagen ausgezeichnet wird, allemal erhöht hätte. Aber die Heidelberger Auswahl setzt auf Vielfalt und präsentiert drei sehr verschiedene, paradigmatische Positionen junger Dramatik.

"Fatima" aus der Feder der Britin Atiha Sen Gupta (für das Schauspiel Hannover übersetzt von Anne Rabe) ist ein debattenorientiertes Problemstück über die Reaktionen, die die muslimische Titelheldin mit ihrer Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, in ihrem familiären und schulischen Umfeld auslöst. Mit Wolfgang Herrndorfs Bestsellerroman "Tschick", den Chefdramaturg Robert Koall für das Staatsschauspiel Dresden adaptiert hat, durchstößt man dann spezifisch jugendliche Darstellungszusammenhänge. Dieser episodische Road-Trip zweier Heranwachsender nach Art von J. D. Salingers "Fänger im Roggen" ist thematisch und vor allem stilistisch eher eine altersunabhängige, tiefexistenzielle Daseinsstudie als ein pubertäres Ausreißerdrama.

Wo liegen die Meriten dieser drei Werke?

"Hide and Seek" von Esther Rölz

Auf die Mädchentoilette zieht sich Paula, die gerade dreizehnjährige Heldin von Esther Rölz' "Hide & Seek", immer dann zurück, wenn ihr das Bohei der Schulkameraden um erste Dates und Knutschereien zu viel wird. Vanessa, ihre beste Freundin, mit der sie bis vor kurzem noch Kuscheltiere tauschte, zieht jetzt mit Luca um die Ecken. Paula hadert aber nicht nur mit dem Verlust ihrer Freundin und mit dem Eintritt ihrer ersten Regelblutungen. Sie trauert auch heimlich über den Tod ihres großen Bruders, dessen Umstände in dem Drama peu à peu offen gelegt werden.

In direkten, klar pointierenden Dialogen voll Witz und Einfühlung steckt Rölz das Bewährungsfeld ihrer Heldin ab. Paula erkennt bald, dass sie keineswegs die einzige ist, die sich mit Identitätsfragen, Scham und Heimlichkeiten herumplagt. Luca verleugnet seine spanischsprachige Einwanderermutter, die als herzige, "Carmen"-Arien singende Putzfrau regelmäßig die Toilette reinigt. Daniel, ein Fünfzehnjähriger vom Schlage reicher Schnösel, mit dem Vanessa nach der Trennung von Luca geht, sucht auf der Toilette nach einem Versteck für seine Drogen.

Gerade an diesem Daniel zeigt sich, wie unaufgeregt und – bei aller genretypischen Deutlichkeit in der Figurenanlage – feinfühlig Rölz die Charaktere und ihre Problemfelder entwickelt. Denn Daniel ist nicht bloß der egozentrische Unsympath. Er ist auch die Figur, in der Paula den Fall ihres geliebten Bruders wiedererkennt, was sie denn letztlich – raus aus der Kuschelecke, hinein in eine neue Vertrautheit mit Jungs – dem sich selbst öffnenden Luca mitzuteilen vermag.

"Fatima" von Atiha Sen Gupta

Ungleich analytischer geht Atiha Sen Gupta in "Fatima" den stücktragenden Konflikt an. Von der Titelheldin vernimmt man auf den 86 Seiten dieses Textes (für ein Jugenddrama ungewöhnlich lang) nicht ein Wort. Die Sommerferien sind vorüber, und die junge Muslima kommt als Kopfträgerin in die Schule. Auch mit dem Alkohol ist Schluss. Ihre Freunde sind verstört, suchen nach Erklärungen, spekulieren – und vollziehen damit eine Mundtotmachung des islamischen Subjekts, die auch in öffentlichen Debatten der letzten Jahre zu verzeichnen war.

In diesem Drama erhält man also keine Innenansichten der Heldin, wohl aber indirekt eine Menge guter Gründe für ihre Selbstabschottung. Schon die erste Szene, in der sich Schüler an einen Tag auf der Einwanderungsbehörde erinnern, ist von ätzendem Rassismus und blöden Sprüchen gegen Rumänen geprägt. In der Unterrichtsstunde der äußerst liberalen Sozialkundelehrerin Frau Harmann berichtet Fatimas bisheriger Freund Georg großspurig von einem Kumpel, der sich filmte, "wie er auf das Gesicht von 'nem Mädchen wichst". Dass junge Frauen – seien sie muslimisch oder nicht – auf so ein Umfeld keinen Bock haben, ist allemal verständlich.

Guptas Stück, das einen permanenten Austausch von Argumenten innerhalb der Clique vorführt, findet sein intellektuelles Zentrum konsequenterweise in einem Stuhlkreis, in dem die Lehrerin Frau Harmann mit ihren Schülern das Pro und Kontra des Kopftuchgebrauchs diskutiert. Da ist denn gleich perfekt die Brücke zum Zielpublikum im Saal und zu den nachbereitenden Diskussionen in den Schulklassen geschlagen.

"Tschick" von Wolfang Herrndorf

Auf ein Zielpublikum aus Leuten zwischen 12 und 18 Jahren dürfte Wolfgang Herrndorfs "Tschick", wie angedeutet, kaum beschränkt bleiben. Der Roman über zwei jugendliche Berliner, die mit einem geklauten Lada in die Walachei reisen wollen und tatsächlich irgendwo im brandenburgischen Niemandsland herumkurven, ist eine Erzählung mit Klassikerformat, eine große Hymne auf die Freiheit und das Leben abseits des Mainstreams. "Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist, und auch der Mensch schlecht ist", sagt der Ich-Erzähler Maik. "Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war."

Dieses eine Prozent, das Maik und Tschick (ein russischer Einwanderersohn) auf ihrer Tour begegnet, sind die Hängengebliebenen und Verschrobenen, die abseits der großen Städte ihr eigenwilliges Leben pflegen: eine Öko-Familie mit Bildungsfaible, ein Kriegsveteran, der mit Schrotflinte in die Landschaft schießt, eine BMW-Fahrerin mit Abenteurertouch, ein verwahrlostes Mädchen namens Isa.

Wie oft bei Romanadaptionen schmerzt es auch hier, dass sich die Bühne mit langen Frontalberichten des Ich-Erzählers Maik performativ etwas kurz greift, und dass sie umgekehrt in der Ausblendung kleiner Gedankenberichte und erzählerischer Details den Roman, der praktisch vollkommen von der trocken pointierenden Erzählstimme des Ich lebt, mit dem Fokus auf der Handlung ebenso ein wenig unter Wert verkauft.

Dennoch hat Robert Koall eine Fassung erstellt, die viel von dem Zauber des Originals bewahrt. Die skurrilen Episoden dieser Reise, das himmelschreiend komische Halbwissen der Protagonisten, ausgebreitet in Dialogen von berückender Einfachheit und Schönheit, das alles ist da. Zwei größere Eingriffe nimmt Koall vor. Während Maik sich am Romanschluss erst noch zwischen der verehrten Klassenschönen Tatjana (Tschick: "sie sieht ja wirklich superporno aus") und der verlotterten Ausreißerin Isa entscheiden muss, blendet Koall Tatjana kurzerhand aus. Alles weist in Richtung Isa.

Und Tschick macht er für den Bericht von der Gerichtsverhandlung der beiden Jungs zum Erzähler. Womit die Nähe der beiden Hauptfiguren Maik und Tschick noch einmal deutlich unterstrichen wird und die beunruhigende Abwesenheit von Tschick am Romanende für die Bühnenfassung aufgehoben ist. So minimiert das Drama die Ambivalenzen des Originals. Aber ein glückliches, unproblematisches Ende hat einem guten Jugendstück noch nie geschadet.

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