Interview mit Holger Schultze und Jürgen Popig über Autorenförderung und die Veränderungen der Stückemärkte

Was zum Überleben der Autoren beiträgt

nachtkritik.de: Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens wird sich in diesem Jahr radikal verändern. Eingeladen sind Theater-Nachwuchskünstler, die neue theatrale Sprachen und performative Erzählweisen entwickeln. Und auch der Juror der diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin hat den Modus geändert. Was bedeutet das für den Heidelberger Stückemarkt?

Holger Schultze: Wir freuen uns, dass wir immer noch Stücke vorstellen können und dass wir langsam ein Alleinstellungsmerkmal bekommen, wenn das so weitergeht. Dass das Theatertreffen so eine Entscheidung fällt, kann man auch anders sehen: als Belebung, weil es eine neue Setzung ist, um auf etwas aufmerksam zu machen. Und auf der anderen Seite sieht man, dass zum Beispiel in Essen gerade vor Kurzem ein neuer Stückemarkt gegründet wurde.

nachtkritik.de: Wobei die Frage ist, ob ein neu gegründeter Stückemarkt zum Überleben der Autoren besser beitragen kann als ein abgeschaffter.

Holger Schultze: Man könnte zurück fragen: Ist es die Aufgabe eines Stückemarkts, das Überleben zu sichern? Wenn man sich die Spielpläne anguckt, sieht man doch, dass ganz viele Stücke uraufgeführt werden. Wenn sich der Berliner Stückemarkt neu ausrichtet, wird ja nicht gleich die gesamte Autorenschaft in Deutschland in Frage gestellt, da muss man die Kirche im Dorf lassen. Es ist eine Setzung, die ihre Argumente hat und die ich auch gut finde. Wir haben eben eine andere Setzung, Mülheim hat eine andere Setzung, Essen hat eine andere Setzung.

nachtkritik.de: Allerorten wird mehr Kontinuität gefordert. Wie kann man die Autoren über die ersten Stücke hinaus fördern?

Holger Schultze: Das geht nur übers Stücke spielen, oft spielen, wiederspielen. Ein Stückemarkt kann durch genaues Lesen und genaues Auswählen, einen Fokus auf bestimmte Autoren richten oder auf bestimmte Arten zu schreiben. Der Stückemarkt ist an sich eine Kontinuität, aber er kann nicht kontinuierlich Autoren fördern.

Jürgen Popig: Es gibt auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel haben wir jetzt die Uraufführung von Wolfram Hölls Stück "Und dann" eingeladen, das vor zwei Jahren im Autorenwettbewerb war. Mit solchen Gastspielen kann man auch etwas bewirken.

Holger Schultze: Ja, das versuchen wir auch beim Stückemarkt, aber das Nachspielen ist die beste Förderung von Autoren, die es gibt, man kann es nicht oft genug sagen. Ein Autor setzt sich am ehesten dann durch, wenn er gespielt wird, wenn er inszeniert wird, wenn sein Text möglichst vielen Inszenierungen Stand hält. Wir versuchen es auch mit dem Prinzip Re-Import, also Autoren, die im Ausland mit einer ganz anderen Lesart inszeniert werden, über das Gastland wieder reinzuholen. Im nächsten Jahr werden wir das wieder machen.

Jürgen Popig: Re-Import ging beim Schwerpunktland Finnland aus Termingründen nicht, obwohl die wirklich interessante Inszenierungen deutscher Stücke machen. Man beobachtet das deutsche Theater dort sehr genau. "Die arabische Nacht" von Roland Schimmelpfennig hätte es gegeben und "Unschuld" von Dea Loher, aber das war terminlich einfach nicht möglich, leider.

nachtkritik.de: Die Texte, die in den Autorenwettbewerb eingeladen werden, haben eine große ästhetische Bandbreite und unterscheiden sich sehr voneinander. Wie kann man Unvergleichbares vergleichen?

Jürgen Popig: Das Vergleichbare ist, dass es von Autoren geschriebene Texte sind. Als der Grabbe-Preis zum ersten Mal vergeben wurde, das war damals noch mit Heiner Müller als Juror waren ausdrücklich auch Konzepte gewünscht. Die performative Projektkultur kam gerade auf und man wollte das gerne berücksichtigen, aber das war nur beim ersten Mal so. Da hat man wirklich gesehen, dass das eigentlich nicht zu vergleichen ist. Gegen einen durchkomponierten, formulierten Text kommt keine Projektbeschreibung an, so interessant sie auch sein mag.

nachtkritik.de: Die Siegerstücke der vergangenen beiden Jahre waren sehr handhabbare, gut gebaute Stücke. Kommt man als Jury nicht drumherum, solch ästhetische Setzungen vorzunehmen?

Holger Schultze: Nein, so ist das nicht, ich bin gespannt, was es diesmal wird. Immerhin hat ein sehr experimentelles Stück wie Wolfram Hölls "Und dann“ vor zwei Jahren einen Preis bekommen.

nachtkritik.de: Aber nicht den Hauptpreis des Autorenwettbewerbs. Und auch Katja Brunner war eine Autorin im Wettbewerb, die nach dem Stückemarkt schnell durchstartete, aber dort gerade nicht gewonnen hat.

Holger Schultze: Es gibt kein Dekret wie: Wir reichen unterschiedliche Texte ein und am Schluss muss es ein well-made-play sein.

Jürgen Popig: Well-made-Play stimmt auch nicht, Thomas Arzts "Alpenvorland" würde ich fast als Volksstück bezeichnen, während Henriette Dushes "Lupus in Fabula“ ein Stück ist, bei dem man sich sehr viele Arten vorstellen kann, wie es inszeniert wird. Das ist gerade kein well-made-play, es funktioniert fast wie eine Textfläche. Das waren klare Entscheidungen der Jury, die ja auch wechselt, in diesem Jahr ist sie neu besetzt.

nachtkritik.de: Vier der Stücke, die jetzt ausgewählt wurden, haben noch keinen Verlag. Wie ist die Auswahl zustande gekommen, da doch Selbsteinreichungen von Autoren in der Ausschreibung ausgeschlossen sind?

Jürgen Popig: Es gibt drei Möglichkeiten, eingereicht zu werden: über den Verlag, dann dürfen alle Autoren, die jemals am Autorenwettbewerb teilgenommen haben, Empfehlungen aussprechen, und die Hochschulen dürfen auch einreichen. Auf einem dieser Wege kamen die Einsendungen zustande.

Holger Schultze: Viele Autoren an den Hochschulen haben noch keinen Verlag und beim Stückemarkt bekommen sie dann einen, so war es zumindest in den vergangenen Jahren. "Lupus in fabula", das im vergangenen Jahr gewonnen hat, hatte auch noch keinen Verlag, als es eingereicht wurde. "Alpenvorland" übrigens auch nicht, Thomas Arzt hat sich dann beim Stückemarkt mit Rowohlt verbandelt.

nachtkritik.de: Sie lesen die Texte nicht anonymisiert. Wie ist das, wenn ein renommierter Name erscheint? Kann man sich frei machen vom Vorwissen über den Autor oder von positiven Bewertungen durch prominente Stellen?

Holger Schultze: Empfehlungsschreiben liegen vielen Texten bei, davon kann man sich durchaus frei machen, und letztendlich geht es um die Formen und Inhalte. Dadurch, dass die Stücke von mehreren gelesen werden, ist das bei der Auswahl nicht das Thema. Wir schauen eben genau nicht nach prominenten Namen, sondern nach Autoren, die noch nicht durchgesetzt sind

nachtkritik.de: Hat die ausführlich geführte Debatte um die Förderungsstrukturen, um Zweitaufführungen, Wettbewerbe, Stipendien, Überförderung vielleicht nur überdeckt, dass das klassische Literaturtheater sich zurückgezogen hat zugunsten performativer Theaterabende?

Holger Schultze: Rückzug würde ich das nicht nennen. Vor zwanzig Jahren haben wir diskutiert, Stücke zu fördern. Weil es zu wenig Uraufführungen gab. Dann wurde eine Zeitlang jedes Theater gefördert, das Uraufführungen macht. Dann entdeckten wir, es gibt zu viele Uraufführungen. Jetzt sind wir in einer Situation, dass es nicht mehr nur um Stücke geht, sondern um unterschiedliche ästhetische Arten, wie Theatertexte entstehen. Das fängt bei Rechercheprojekten wie von Rimini Protokoll an und geht über performative Theaterarbeiten bis hin zum klassischen Stück. Das scheint im Augenblick der Stand zu sein.

nachtkritik.de: Darüber gibt es immer wieder Diskussionen. Man denke nur daran, als Rimini Protokoll 2007 beim Mülheimer Stückemarkt ausgezeichnet wurde und das im Zeitalter von Theaterkollektiven und Stückentwicklungen durchaus als fragwürdig diskutiert wurde. Hängen die Theater zu sehr am Begriff des Autors als Originalkünstlers?

Holger Schultze: Ich glaube, die Entwicklung ist schon viel weiter. Kein Stadttheater, zumindest keins, das mir bekannt ist, erarbeitet seine Aufführungen nur noch über die literarische Vorlage. Natürlich haben wir Ensembletheater, die auch bestimmte Texte brauchen. Aber im Augenblick findet in vielen Stadttheatern eine ganz große Öffnung statt. Das können Sie in Freiburg sehen, wo neue Formen entwickelt werden, in Heidelberg, in Oberhausen. Es findet an immer mehr Theatern statt, wenn man genau hinschaut. Der Weg ist das Ziel. Das Spannende ist doch genau dieser Prozess, und da zu sagen, dass die Stadttheater nur an einer klassischen Autorenschaft hängen, halte ich für Unsinn, es stimmt einfach nicht.

nachtkritik.de: Die Regisseure haben Aufgaben übernommen, die früher originär in der Hand der Autoren lagen, das Anordnen von Szenen beispielsweise. Wie könnte man die Rolle des Autors wieder stärken?

Holger Schultze: Klar begreift sich die Inszenierung gegenüber dem Text immer stärker als Kunstform, das ist eine Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, die aber auf der anderen Seite auch, wie ich finde, absolut spannend ist. Ich wüsste wenige, die jetzt wieder zurückwollten zum reinen Autorentheater. Viele Stücke sind wieder viel politischer und gesellschaftlich relevanter als noch vor zehn Jahren, aber letztendlich kann man Autoren nicht stärken, indem man sie auf eine Ästhetik festlegt – wer immer das auch tun sollte –, sondern nur, indem die Autoren den Raum an den deutschen Theatern bekommen, der ihnen zusteht. Texte neu lesen und neu befragen, das heißt für mich Autorenförderung. Dann kann ein Regisseur auf unterschiedliche Weise damit umgehen. Das würde ich auch gar nicht gegeneinander setzen.

nachtkritik.de: Von Thomas Oberender gibt es den Satz: Die Regisseure sind die neuen Autoren.

Holger Schultze: Na ja, das ist die Frage. Schaut man in die Verlagsprogramme, gibt es noch immer sehr, sehr viele Autoren und auch viele gute Autoren. Ich denke, das sind zwei verschiedene Punkte.

Jürgen Popig: Wenn man auf die Entwicklung schaut, stehen im Augenblick ganz unterschiedliche Ansätze der Erarbeitung von Theaterthemen nebeneinander. Aber im Zentrum stehen, zum Glück, noch immer die Autoren, das ist einfach so. Dass neue Formen dazukommen, heißt ja nicht, dass das Autorenmodell am Verschwinden ist. Es bekommt Konkurrenz, die ganze Situation wird reicher und vielfältiger.

nachtkritik.de: In der Praxis entstehen die Texte also schon auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Man könnte auch versuchen, die alternativen Arbeitsweisen zu institutionalisieren. Ulf Schmidt, der als Autor im Autorenwettbewerb vertreten ist, hat vorgeschlagen, an Theatern einen Writers Room einzuführen, in dem Autoren kollektiv und nach Vorbild amerikanischer Serienproduktion organisiert sind.

Holger Schultze: Man müsste überlegen, was das praktisch hieße, mehrere Autoren zusammen für eine bestimmte Zeit an ein Haus zu binden. Das wäre ein Experiment, über das man nachdenken und einmal als Form ausprobieren könnte.

Jürgen Popig: Möglicherweise könnte die Entwicklung in diese Richtung gehen. Es gibt ja auch in letzter Zeit wieder häufiger Autorenpärchen. Wir haben auch ein Stück von Nolte Decar eingeladen. Wahrscheinlich hat das schon auch Vorteile: Wenn man einen Mit-Autor hat, herrscht im Schreibprozess gleich ein gewisses Korrektiv.

nachtkritik.de: Ulf Schmidt sagt sogar, er wäre glücklicher gewesen, wenn sein Text in einem Writers Room entstanden wäre, vielleicht wäre es schneller gegangen mit korrigierenden Instanzen um ihn herum.

Holger Schultze: Schön, dass er diese Utopie hat. Aber Sie merken, ich lehne die Vorstellung ab, dass die neue Heilsbringung ausgerufen wird, weil ich seit zwanzig Jahren beobachte, dass immer der neue Heilsbringung ausgerufen wird. Den Writers Room auszuprobieren, da habe ich überhaupt nichts dagegen, genauso wie es andere Arbeitsformen gibt. Vielfalt ist die Qualität.

nachtkritik.de: Schwerpunktland ist in diesem Jahr Finnland. Was hat Sie zu dieser Auswahl bewogen, gerade vor dem Hintergrund, dass zuvor Länder mit aktuellem Krisenbezug eingeladen waren wie Ägypten und Griechenland?

Jürgen Popig: Wir wollten mal einen anderen Blick aufmachen. Ich bin inzwischen öfter auf finnischen Festivals gewesen. Das ist wirklich eine erstaunlich reiche Theaterlandschaft, die man wenig kennt und von der man vielleicht auch noch etwas lernen kann. Interessant ist, welche Selbstverständlichkeit das Theater dort hat, wie es in den Alltag eingebunden ist und wie gering die Hemmschwelle ist, ins Theater zu gehen. Das resultiert aus einer gewissen Tradition, über die wir hoffentlich während des Festivals mehr erfahren werden. Die Ausbildung der Autoren unterscheidet sich auch ein bisschen von der hiesigen, sie erscheint mir praxisorientierter. Die meisten Autoren sind auch Regisseure oder intensiver am Probenprozess beteiligt und arbeiten auch ganz selbstverständlich fürs Fernsehen.

nachtkritik.de: Das könnte man sich für deutsche Autoren als ein gutes Mischmodell vorstellen. Heute ist es ja eher ein Entweder-Oder für Theater oder fürs Fernsehen zu schreiben. Manche haben das Glück, dass ihr Stück verfilmt wird, wie jetzt Lukas Bärfuss mit "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern".

Jürgen Popig: Das ist in Finnland anders, und auch die Strukturen sind andere. Beispielsweise ist die Trennung zwischen festen Häusern und freier Szene nicht so strikt, die Grenzen sind fließender. Der noch ganz junge Regisseur Lauri Maijala, der beim Festival mit seiner Produktion "Höhlentiere" eingeladen ist, hat eine wahnsinnig schöne "Drei Schwestern"-Inszenierung gemacht und wird jetzt Künstlerischer Leiter am KOM-Theater in Helsinki. Das finde ich sehr ungewöhnlich, und es gibt auch viele Intendantinnen in Finnland. Da sind die Strukturen auch nicht so festgefahren wie hier, wo sich Intendanten nicht so leicht aus ihren Posten verdrängen lassen. In Finnland ist das mehr im Fluss.

Das Gespräch führten Simone Kaempf, Georg Kasch und André Mumot im April 2014.

 

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  • Gast  - Zum Begriff Autorenförderung
    Ohne weiteres könnte auf die so genannte Autorenförderung verzichtet werden, würden die Autoren für ihre Arbeit schlichtweg bezahlt. So werden sie durch die Intendanzen und Dramaturgien mit Taschengeldern als Gage an der kurzen Leine gehalten. Die, die vielleicht ihre Kollegen sein könnten, sind tatsächlich die, die ohne Unterlass Druck ausüben. Eine tatsächliche Gemeinschaft in der Arbeit wird unmöglich. So bezeichnet der Begriff Autorenförderung, missbäuchlich verwendet, nunmehr etwas durch und durch Verkommenes, was langfristig gesehen gerade nicht dazu beiträgt, dass sich Autoren entwickeln können.
  • K.  - Verbesserung
    Arzt war vor Heidelberg schon längst bei Rowohlt, "verbandelt" hat sich da der Intendant in seiner Erinnerung vielleicht.